BÜCHER

Eine schwarze Idylle

Dtsch Arztebl 2002; 99(33): A-2178 / B-1849 / C-1741

Mulisch, Harry

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Roman
Das Böse verstehen
Harry Mulisch: Siegfried. Eine schwarze Idylle, Carl Hanser Verlag, München/Wien, 2001, 191 Seiten, 17,90 €
Es ist eine interessante Idee, die der niederländische Autor in seinem neuesten Roman umzusetzen versucht: Der alternde Schriftsteller Rudolf Herter, der autobiografische Züge Mulischs trägt, reist mit seiner jungen Lebensgefährtin nach Wien. Auf dieser Lesereise hat er den Einfall, die Psyche Adolf Hitlers zu ergründen. Zu Hilfe kommt ihm dabei ein älteres Ehepaar, das Herter eine unglaubliche Geschichte erzählt. Die Falks lebten als Hausangestellte auf dem Obersalzberg und erlebten, was sonst niemand wissen durfte: Hitler und Eva Braun hatten einen Sohn – Siegfried. Die Falks ziehen ihn auf dem Berghof als ihr eigenes Kind auf. Im Jahr 1944 befiehlt Hitler Falk, seinen Sohn zu erschießen. Verschanzt im Bunker der Reichskanzlei, in den letzten Kriegstagen, gesteht Hitler Eva Braun seinen Mordauftrag. Sie hält die letzten Tage ihres Lebens in einem Tagebuch fest. Dieses Tagebuch liegt plötzlich vor Herter, der durch die intensive Beschäftigung mit der Thematik und der Suche nach dem Ursprung des Bösen dem Wahnsinn verfällt. In seinen letzten Lebensmomenten greift er zum Diktaphon und erzählt wie besessen die Geschichte von Hitler und Eva Braun.
Auch in diesem Roman gelingt es Mulisch, gleichzeitig anspruchsvoll und dennoch unprätentiös zu formulieren. Kleine, alltägliche Beobachtungen, literarische Anspielungen, intelligente Verbindung der Erzählebenen zeichnen seinen Schreibstil aus. Der Roman ist zudem ein spannendes Zeitdokument. Die historischen Details stimmen mit der Realität auf dem Obersalzberg überein. Dennoch werden viele Anhänger Mulischs von diesem Roman enttäuscht sein. Denn was ihm in „Die Entdeckung des Himmels“ gelungen war, eine literarische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, ist diesmal missglückt. Mulischs Anliegen, die Handlungen der Nazis zu erklären, wirkt letztlich doch eher wie ein hilfloser Versuch, das Böse zu verstehen und damit auch irgendwie zu rechtfertigen. Gisela Klinkhammer
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