ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Ausmaß der Bereitstellung ärztlicher Versorgung im Flugverkehr umstritten

MEDIZIN: Referiert

Ausmaß der Bereitstellung ärztlicher Versorgung im Flugverkehr umstritten

Dtsch Arztebl 2002; 99(33): A-2207 / B-1873 / C-1765

Seger, Gabriele

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LNSLNS Die Frage, inwieweit eine Bereitstellung ärztlicher Versorgung für kommerzielle Flüge erforderlich ist, ist bisher nicht eindeutig geklärt. Obwohl fast zwei Milliarden Personen jährlich den Flugverkehr nutzen, gibt es bisher nur wenige und zudem fragmentierte Daten über Inzidenz und Art medizinischer Notfälle während eines Fluges. Da die Anzahl von Flugreisenden steigt und immer mehr Personen im fortgeschrittenen Alter fliegen, prognostizieren Mark A. Gendreau et al. eine Zunahme medizinischer Zwischenfälle.
Zwei Studien untersuchten in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts das Vorkommen medizinischer Notfälle während eines Fluges unter allen Passagieren, die auf zwei US-amerikanischen Hauptflughäfen ankamen. Die erste Studie berichtete über eine Inzidenz von 1 medizinischen Zwischenfall bei 33 600 Passagieren, die zweite Studie über 1 Ereignis pro 39 600 Passagieren. Diese Raten entsprechen etwa 33 und 30 medizinischen Vorfällen während eines Fluges pro Tag respektive. Im Jahr 2000 verzeichnete eine Studie der Federal Aviation Administration (FAA) bei der Untersuchung von Daten über inländische Flüge im Zeitraum 1996 bis 1997 eine Anzahl von 1 132 medizinischen Notfällen. Das entspricht einer Rate von 13 Zwischenfällen während eines Flugs pro Tag. Die unterschiedlichen Ergebnisse erklären Gendreau et al. damit, dass in die letztgenannte Studie nur schwerwiegende Fälle eingingen, die unbedingt eine ärztliche Versorgung erforderten. Die Autoren schließen daraus, dass weniger als die Hälfte der medizinischen Ereignisse, die während eines Fluges auftreten, so gravierend sind, dass eine grundlegende medizinische Versorgung notwendig ist.
Bei den meisten nicht schwerwiegenden Ereignissen handelt es sich um vasofagale Episoden wie beispielsweise Hyperventilation, Ohnmachts- und Schwindelanfälle. Kardiologische, neurologische und respiratorische Probleme gehören zu den schwerwiegenden Vorfällen.
Der Studie der FAA aus dem Jahr 2000 zufolge wurden 69 Prozent registrierter medizinischer Zwischenfälle während eines Fluges in den USA von freiwilligen Hilfskräften versorgt: 40 Prozent der Hilfeleistenden waren Ärzte, 25 Prozent Krankenschwestern, 4 Prozent hatten keine Ausbildung in einem medizinischen Bereich. In 79 Prozent der Fälle stimmte die Diagnose, die während des Fluges gestellt wurde mit der nachfolgenden Diagnose im Krankenhaus überein. In 60 Prozent der Fälle profitierten die Patienten von der Notfallbehandlung im Flugzeug.
Furcht vor Haftungsansprüchen
Die Ergebnisse einer Umfrageaktion unter Ärzten 1998 ergab, dass die Angst vor Haftungsansprüchen für manche Ärzte der Hauptgrund ist, warum sie die Situation fürchten, während eines Fluges bei einem medizinischen Notfall Hilfe leisten zu müssen. Rechtlich gesehen ist ein Passagier, der Arzt ist, nicht in jedem Fall zur Hilfeleistung verpflichtet. In den USA, Kanada und Großbritannien besteht hierzu beispielsweise keine gesetzliche Vorgabe, außer, der Kranke war vorher ein Patient des betreffenden Arztes. Im Gegensatz dazu bürden viele europäische Länder und Australien den Ärzten die Verpflichtung zur Erste-Hilfe-Leistung auf. Nach internationalem Recht gilt die Rechtssprechung des Landes, bei dem die Fluggesellschaft registriert ist. Aber auch die Rechtssprechung des Landes, in dem der Zwischenfall sich ereignet oder zu dem der Kläger oder Angeklagte gehört, kann Anwendung finden. Zum besseren Schutz vor nachfolgenden Haftungsansprüchen gegenüber einem hilfeleistenden Arzt wurde 1998 der „Aviation Medical Assistance Act“ verabschiedet. Bisher, so Gendreau et al., hat es keine Anklage gegen einen freiwillig hilfeleistenden Arzt gegeben.
Schwerwiegende medizinische Zwischenfälle sind in der Mehrheit der Fälle der Grund für Umleitungen oder unplanmäßige Landungen von Flugzeugen. Nach dem Bericht der FAA von 2000 führten etwa 13 Prozent aller medizinischen Vorfälle bei kommerziellen Flügen zu notfallbedingten Umleitungen. Kardiale Vorkommnisse waren in 46 Prozent der Grund, neurologische Vorkommnisse in 18 Prozent und respiratorische Probleme in 6 Prozent.Verspätungen, Unannehmlichkeiten für die anderen Passagiere, zusätzliche Kosten und ein erhöhtes Sicherheitsrisiko machen eine Umleitung zu einer schwierigen und komplexen Entscheidung für die Fluggesellschaft.
Das Risiko für eine Haftungsklage hat viele Fluglinien motiviert, ihre Mittel für den Umgang mit medizinischen Vorfällen während eines Fluges zu verbessern. Seit 1986 verlangt die FAA, dass alle kommerziellen Flugzeuge mit mehr als 30 Passagieren einen speziellen medizinischen Notfallkoffer mitführen. Die Vorschriften für den Inhalt wurden 2001 erweitert und sollen bis 2004 umgesetzt werden. So sollen beispielsweise zukünftig Defibrillatoren mit zur Ausstattung gehören. Die Vermittlung medizinischer Grundkenntnisse direkt an die Besatzungen ist bei großen Fluglinien eine weitere Reaktion. Einige Fluggesellschaften stellen zudem einen medizinischen 24-Stunden-Dienst zur Verfügung. Dabei gehört ein speziell auf Notfallmedizin ausgerichteter Arzt, der sich auch mit Problemen der Luftfahrt auskennt, zum Bodenstab und unterweist die flugbegleitende Mannschaft im Falle einer Notsituation Die Einbeziehung eines Arztes, der zum Bodenpersonal gehört, hat laut einer Studie der Air Transport Association (1997) die Flugumleitungen immerhin um 70 Prozent reduziert. Einheitliche Bestimmungen für das Management von medizinischen Zwischenfällen während eines Fluges gibt es bisher allerdings noch nicht. Se

Gendreau MA, De John C: Responding to medical events during commercial airline flights. N Engl J Med 2002; 346: 1067–1073.

Dr. Mark A. Gendreau, Department of Emergency Medicine, Lahey Clinic, 41 Mall Road, Burlington, MA 01805, USA, mgndru@massmed.org.

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