ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Mitteilungen: Aus der UAW-Datenbank

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Mitteilungen: Aus der UAW-Datenbank

Dtsch Arztebl 2002; 99(33): A-2214 / B-1886 / C-1770

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LNSLNS Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft
Aus der UAW-Datenbank
Blutungen unter der Gabe von Ginkgo-biloba-Extrakten
Cave Kombination mit Gerinnungshemmern!

Zu den Aufgaben der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) gehören die Erfassung, Dokumentation und Bewertung von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW). Die AkdÄ möchte Sie regelmäßig über aktuelle Themen aus der Arbeit ihres UAW-Ausschusses informieren und hofft, Ihnen damit wertvolle Hinweise für den Praxisalltag geben zu können.
In der gemeinsamen Datenbank des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und der AkdÄ finden sich 185 Berichte über UAW im Zusammenhang mit der Anwendung Ginkgo-biloba-haltiger Extrakte (Stand 21. 5. 2002). Davon beziehen sich 20 Verdachtsfälle auf Gerinnungsstörungen. In der Literatur ist schon lange bekannt, dass Ginkgo-Präparate profibrinolytisch und antagonistisch zum platelet activating factor (PAF) wirken (1). In verschiedenen Fachinformationen zu Ginkgo-biloba-haltigen Arzneimitteln wird im Abschnitt „Nebenwirkungen“ lediglich auf Einzelfälle von Blutungen bei Langzeitanwendung mit unklarem Kausalzusammenhang hingewiesen. Wechselwirkungen mit Arzneimitteln, die die Blutgerinnung hemmen, seien nicht ausgeschlossen, wenn auch eine kontrollierte Studie über 7 Tage an 50 Patienten mit einem Ginkgo-Spezialextrakt (240 mg/d) keinen Einfluss auf die Blutgerinnung, auch nicht in Kombination mit Acetylsalicylsäure (500 mg/d), ergeben habe.
Zubereitungen aus Ginkgo-biloba-Extrakten sind rezeptfrei erhältlich. Derzeit zugelassene Indikationen sind neben Hirnleistungsstörungen auch Vertigo, Tinnitus oder periphere arterielle Verschlusskrankheit im Stadium II nach Fontaine (im Rahmen physikalisch-therapeutischer Maßnahmen). Die AkdÄ kam in ihren „Empfehlungen zur Therapie der Demenz“ (2) zu der Einschätzung, dass keine Studienergebnisse vorliegen, die eine klinisch relevante Wirksamkeit bezüglich der Parameter kognitive Defizite, Alltagsaktivität und klinisches Gesamtbild hinreichend belegen.
Der UAW-Ausschuss der AkdÄ befasste sich in seiner 75. Sitzung mit dem Thema Ginkgo biloba und Blutungen und kam zu folgendem Fazit: Patienten, die Ginkgo-biloba-Extrakte einnehmen, sind offensichtlich gefährdet, bei Operationen oder spontan (Organeinblutungen, zum Beispiel intrazerebral) Blutungskomplikationen zu erleiden, besonders beim Vorliegen einer bis dahin verborgenen vererbten oder erworbenen Gerinnungsstörung, beispielsweise dem relativ weit verbreiteten und häufig nicht diagnostizierten Von-Willebrand-Jürgens-Syndrom (3, 4). Eine erhöhte Blutungsgefahr ist auch gegeben, wenn der Patient andere gerinnungshemmende Substanzen, insbesondere orale Antikoagulanzien (5) oder Thrombozytenfunktionshemmer erhält, wie zum Beispiel Acetylsalicylsäure. Da der Personenkreis für die Indikation „Hirnleistungsschwäche“ und „Thrombozytenaggregationshemmung“ jeweils vor allem ältere Patienten umfasst, muss mit dem potenziell gefährlichen Zusammentreffen beider Medikationen gerechnet werden.
Somit ergibt sich die Notwendigkeit, vor der Verordnung von Acetylsalicylsäure oder anderen blutgerinnungshemmenden Arzneimitteln den Patienten zu befragen, ob er als Selbstmedikation Ginkgo-biloba-Extrakte einnimmt. Vor einer Verordnung von Ginkgo-biloba-Extrakten sollte im Rahmen einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Abwägung eine eventuell erhöhte Blutungsneigung des Patienten, zum Beispiel ein Von-Willebrand-Jürgens-Syndrom, bedacht werden. Zumindest ist unbedingt eine gezielte und gründliche Gerinnungsanamnese zu erheben.
Bitte teilen Sie der AkdÄ alle beobachteten Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) mit. Sie können dafür den in regelmäßigen Abständen im „Deutschen Ärzteblatt“ auf der vorletzten Umschlagseite abgedruckten Berichtsbogen verwenden oder diesen aus der AkdÄ Internet-Präsenz www.akdae.de abrufen.

Literatur
1. Chung K F, McCusker M et al.: Effect of a ginkgolide mixture (BN 52063) in antagonising skin and platelet responses to platelet activating factor in man. The Lancet 1987, Jan. 31; 248–250.
2. Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Empfehlungen zur Therapie der Demenz; 2. Auflage 2001.
3. Ang-Lee MK, Moss J, Yuan CS: Herbal medicines and perioperative care. JAMA 2001, July 11; 286 (2): 208–216.
4. Vale S: Subarachnoid haemorrhage associated with Ginkgo biloba. The Lancet 1998, July 4; 352: 36.
5. Izzo A, Ernst E: Interactions between herbal medicines and prescribed drugs: a systematic review. Drugs 2001; 61 (15): 2163–2175.

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Aachener Straße 233–237, 50931 Köln, Telefon: 02 21/40 04-5 28, Fax: -5 39, E-Mail: akdae@t-online.de
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