ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Vorsicht Finanzhaie: Nichts als heiße Luft

VARIA: Schlusspunkt

Vorsicht Finanzhaie: Nichts als heiße Luft

Dtsch Arztebl 2002; 99(33): [132]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Dieser Tage habe ich einen interessanten Brief bekommen, den ich Ihnen auszugsweise anvertrauen möchte.
„Wenden uns an Sie mit der Bitte um Beurteilung einer Unternehmensidee in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Unterlagen, die uns das Unternehmen geschickt hat, fügen wir in Kopie bei. Und zwar soll ein Auto produziert werden, das nur mit Druckluft angetrieben wird, also völlig abgasfrei. Auf einer Strecke von 100 km soll das Auto Druckluft im Wert von 1,55 Euro verbrauchen.
Wir waren, als wir davon hörten, spontan begeistert und erwogen schon, ein solches Auto zu kaufen. Aber die Produktionsanlage steht noch nicht. Die Firma hat uns nun angeboten, Anteile praktisch vorab zu erwerben.“
Donnerwetter. Es gibt nichts, was es nicht gibt.
Da möglicherweise auch bei anderen Ärzten Unterlagen von eben dieser Aircar AG auf dem Schreibtisch liegen, habe ich mir den Fall doch genauer angesehen.
Zunächst einmal die positive Nachricht. Die Firma gibt es wirklich, sie sitzt in Frankfurt in der Gewinnerstraße, wie sinnig. Die Produktionsidee ist nach eigener Aussage genial einfach – einfach genial. Oder anders: Es wird einem schlicht des Ei des Kolumbus der Kfz-Branche verkauft, ein Auto, das bar jeglichen Benzinverbrauchs fährt, nur mit Druckluft angetrieben, eine technische Sensation also.
„Der nur 35 kg leichte Zweizylinder-Monoenergiemotor des Aircars verzichtet auf die umweltbelastende Verbrennung fossiler Kraftstoffe. Stattdessen wird Pressluft aus einem mit Kevlar-Carbon umwickelten Luftdruckbehälter in einer Metallkugel verdichtet.“ Das Luftauto – dem Prospekt zufolge „eine großartige Erfindung“ mit überzeugenden Vorteilen – soll ab 14 999 Euro zu bekommen sein, mit dem man dann für einen Euro 70 km weit fahren kann, umweltfreundlich ist das Ding sowieso, und Aircar sei jetzt schon ein echter Renner, weltweit lägen bereits über 500 000 Bestellungen vor.
Was für ein blühender Unsinn. Für meinen Eindruck ist das alles technischer Schwachsinn, so schön es in der Realität wäre. Gäbe es diese halbe Million Bestellungen schon, hätte die Aircar AG keine Probleme, Geld auf dem „offiziellen“ Kapitalmarkt zu beschaffen.
Sicher ist vor allem nur eines. Die Firma hat ihren Produktionsbetrieb bislang nicht aufgenommen und sammelt derzeit lediglich Investitionskapital für den (vorgesehenen) Fabrikaufbau im Frankfurter Raum ein. Der Anleger soll der Aircar ein Darlehen mit einer Mindestsumme von 600 Euro oder dem Mehrfachen geben.
Später kann der Investor dieses Darlehen auch in Vorzugsaktien umwandeln, die es aber jetzt noch gar nicht gibt und für die ein Börsenhandel auf Jahre hinaus auch gar nicht vorgesehen ist. Meiner Meinung nach ist die Produktionsidee bestenfalls ein Luftschloss, die Gefahr, dass sich Ihr investiertes Geld in Luft auflöst, ist ziemlich groß. Also fahren lassen.
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