ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Zu Hilfe! Zu Hilfsmitteln!

VARIA: Post scriptum

Zu Hilfe! Zu Hilfsmitteln!

Wagener, Wolfgang

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Zeichnung: Reinhold Löffler
Zeichnung: Reinhold Löffler
Niederdrückende Details des ärztlichen Alltags in Bezug auf (Pflege-)Hilfs-
mittel: der Arzt in der überhängenden Wand des gigantischen, unbezwingbaren Bergs Hilfsmittelverzeichnis, der in den trüben Himmel der Unübersichtlichkeit reicht. Bedauernswerte Patienten, die ein Hilfsmittel benötigen, es geliefert, aber keine Einweisung bekommen. Die Gebrauchsanweisung fehlt, sodass das mit Hoffnung Erwartete enttäuscht. Es wird weggestellt. Neue, hilfreiche, teure Produkte verschwinden in dunklen Ecken.
Dann ziehen andere Bilder auf. Übersichtlicher Hilfsmittelmarkt mit nachvollziehbar einheitlichen Preisen. Klare Mehrwertsteuersätze. Strahlende Reha-Fachberater, Ergo- und Physiotherapeuten, Produktauswahl ohne Qual. Glückliche Ärzte, denen Hilfsmittel keine Bücher mit sieben Siegeln sind. Am schönsten sind die beglückenden Bilder der zufriedenen Patienten. Wie das alles klappt, unbekannt herrlich! Im interdisziplinären Team – zu Hause, beim (Haus-)Arzt oder in der (Reha-)Klinik – wird jedes Hilfsmittel für jeden einzelnen Patienten mit ihm und allen besprochen. Keine Interessenkonflikte, keine Vorteilsnahmen – alle Menschen denken und handeln altruistisch. Und die Patienten bekommen Hilfsmittel nicht nur geliefert, im Sinne von: einfach hingestellt. Nein! Es gibt immer eine detaillierte Einweisung in das „handling“ eines jeden Hilfsmittels. Dies geschieht mit der das Hilfmittel nutzenden Person, sodass diese gleich miterlebt, wie sich die Anwendung auf und für sie auswirkt. Jede Frage wird freundlich und geduldig beantwortet. Zeit ist reichlich vorhanden. Es wird peinlich darauf geachtet, dass alle Kontaktpersonen zur Einführung in den Hilfsmittelgebrauch anwesend sind. Jeder Anwesende soll jeden Handgriff, jedes Stellrad seiner entsprechenden Funktion zuordnen und ordnungsgemäß bedienen können. Den Patienten ist fast peinlich, dass für sie solch ein Aufwand betrieben wird. Doch sie sind fasziniert und begeistert. Das kennen sie bislang nicht. Allein das ungewohnte Maß an Zuwendung lässt schon Motivationsschübe bei ihnen erkennen. „Wenn doch alle so nett, freundlich, aufmerksam, so kompetent, geduldig und mit offensichtlich freudigem Engagement ohne wirtschaftliche Hintergedanken ihren Beruf ausüben würden!“
Plötzlich sind die Traumbilder weg. Euphorisiert von dieser Vision, verschwitzt vom vorherigen, realitätsnahen Albtraum, liege ich im Bett. Geträumt! Aufstehen, anziehen. Der Briefkasten klappert, Post. Eine Einladung zur Messe „Reha-Care“, Hilfsmittelseminar für Ärzte, Titel: „Was tun (wir eigentlich), fragt Aeskulap?“ Ein Zeichen! Da starte ich die Hilfsmittelrevolution. Kärrnerarbeit über Jahre, Kampf gegen undurchsichtige, verkrustete Strukturen. Ob das etwas wird? Der „Ulmer Spatz“ ist Vorbild: Liegt etwas quer und flutscht nicht, macht Umstellung den Weg frei. Dr. med. Wolfgang Wagener
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