ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2002Transplantationen: „Das Gesetz muss reanimiert werden“

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Transplantationen: „Das Gesetz muss reanimiert werden“

Dtsch Arztebl 2002; 99(34-35): A-2241 / B-1909 / C-1793

Klinkhammer, Gisela

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Foto: dpa
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Auch wenn die Organspendebereitschaft groß ist, fehlen nach
wie vor transplantierbare Organe. Die Gründe sind unterschiedlich.

Vor fünf Jahren wurde das Transplantationsgesetz vom Bundestag verabschiedet. Damit wurde die bereits seit langem geltende Transplantationspraxis auf eine rechtliche Grundlage gestellt. Zum ersten Mal diskutierte der Bundestag aber auch über die Frage, wann ein Mensch tot ist. Zu entscheiden war, ob der endgültige, nicht behebbare Ausfall aller Hirnfunktionen (Hirntod) als der Tod des Menschen zu bezeichnen sei. An der Diskussion, die bereits im Vorfeld der Debatte geführt wurde, beteiligten sich Politiker, Ärzte, Theologen und Juristen.
Der damalige Bundesjustizminister Edzard Schmidt-Jortzig (FDP) und zahlreiche weitere Abgeordnete hatten die Ansicht vertreten, dass der Hirntod kein sicheres Todeszeichen sei, sondern lediglich als Kriterium für eine Organtransplantation dienen sollte. Doch das sei mit dem ärztlichen Selbstverständnis nicht vereinbar, hielt dieser Auffassung der damalige Präsident und heutige Ehrenpräsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Karsten Vilmar, entgegen. Kein Arzt werde eine Organentnahme vornehmen, wenn damit die Tötung eines Menschen verbunden sei. Dieser Ansicht schlossen sich offenbar die meisten Parlamentarier an. Das Abstimmungsergebnis im Bundestag war jedenfalls überraschend eindeutig: Mit 424 zu 201 Stimmen entschieden sich die Abgeordneten für das Hirntodkonzept. 449 Abgeordnete entschieden sich für das Transplantationsgesetz auf der Grundlage der so genannten erweiterten Zustimmungslösung, 151 dagegen, 29 enthielten sich. Die Verabschiedung des Gesetzes war von zahlreichen Ärzten mit Erleichterung aufgenommen worden. So sagte Vilmar: „Viele infolge eines Organversagens schwer kranke Menschen können jetzt auf ein Weiterleben hoffen.“
Nicht zuletzt die Diskussion im Vorfeld hatte auch dazu geführt, dass sich viele Menschen jetzt mit diesem Thema befassten. Bereits ein Jahr nach In-Kraft-Treten des Gesetzes stellte der 116. Chirurgenkongress in München fest, dass die Zustimmung zur Organ- spende hoch war: 78 Prozent der Bevölkerung und 90 Prozent der Ärzte würden einer Organspende zustimmen. Den Hirntod sahen 62 Prozent der Bevölkerung und 94 Prozent der Ärzte als Kriterium für den Zeitpunkt einer Organentnahme an. Und daran hat sich offenbar bis jetzt nicht viel geändert. „Mehr als zwei Drittel der Bundesbürger sind grundsätzlich zur Organspende bereit“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) anlässlich des diesjährigen „Tages der Organspende“ am 1. Juni.
Deutschland ist „Importland“
Dennoch dokumentieren nur zwölf Prozent der Bevölkerung ihre Bereitschaft in einem Organspendeausweis. Der Mangel an Spenderorganen ist dagegen nach wie vor hoch. Im Jahr 2001 konnten nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) 3 382 postmortale Organtransplantationen vorgenommen werden, doch standen etwa 14 000 Menschen auf der Warteliste. Bei Eurotransplant gilt Deutschland als „Importland“ für Organe. Zu den spendenstarken Nationen zählen unter anderem Österreich und Spanien. Die Konsequenz: Aus den Eurotransplant-Partnerländern werden weniger Organe für deutsche Patientinnen und Patienten vermittelt. Ein Grund für die wenig hohe Spenderquote in Deutschland sind die weniger strengen Bestimmungen im Transplantationsgesetz. Die meisten europäischen Länder haben sich für die Widerspruchslösung entschieden. Danach wird nur eine schriftlich festgelegte Ablehnung als Spendenausschluss anerkannt. Angehörige werden nicht befragt. In Deutschland entscheiden dagegen die Angehörigen über die Organspende, falls kein Ausweis gefunden wurde. Der „mutmaßliche Wille des Verstorbenen“ ist in ihre Entscheidung miteinzubeziehen. „Es scheint, als ob man das neugeborene Wunschkind Transplantationsgesetz nach fünf Jahren bereits reanimieren müsste“, sagte der Ehrenpräsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Prof. Dr. med. Heinz Diettrich.
Motivation der Krankenhäuser
Notwendig ist offenbar vor allem eine gezielte Werbung für eine größere Spendenbereitschaft. Die Delegierten des diesjährigen 105. Deutschen Ärztetages in Rostock forderten in einer Entschließung die „Kommunen, Krankenkassen, die Ärzteschaft, die Apothekerschaft, Selbsthilfegruppen, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Länder auf, mit Öffentlichkeitsaktionen dafür zu werben, dass sich mehr Menschen mit der Organtransplantation persönlich auseinander setzen und einen Spenderausweis mit sich tragen“. Dazu gehöre auch eine verstärkte Information und Motivation von Menschen innerhalb und außerhalb des Gesundheitswesens (zum Beispiel bei Pflegepersonal, Lehrern und Apothekern).
Die Ärztekammer Nordrhein, die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein und die Apothekerkammer Nordrhein starteten vor kurzem eine gemeinsame Werbeaktion. Seit Mai stellen die meisten nordrheinischen Arztpraxen und Apotheken interessierten Patienten Organspendeausweise zur Verfügung. Sie können auch im Internet abgerufen werden (www.aekno.de, www.kvno.de). Eine ähnliche Kampagne startete im Juni auch die hessische Landesregierung gemeinsam mit der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen und anderen Kooperationspartnern. Innerhalb der Bundesländer gibt es offenbar große Unterschiede, was die Spendenbereitschaft angeht. Das bevölkerungsreichste Land Nordrhein-Westfalen bildet bisher mit 9,1 Organspenden pro eine Million Einwohner das Schlusslicht, der Bundesdurchschnitt liegt bei 13 Organspenden pro eine Million Einwohner.
Zur Verbesserung der Situation ist jedoch nicht nur eine erhöhte Zahl von bereitwilligen Spendern erforderlich, notwendig ist außerdem eine stärkere Motivation der Krankenhäuser. Denn der im Transplantationsgesetz verankerten Verpflichtung zur Spendermeldung kommen nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden der DSO, Prof. Dr. Martin Molzahn, weniger als die Hälfte aller Krankenhäuser in Deutschland nach. „Bundesweit kooperieren nur rund 600 der 1 400 Krankenhäuser mit Intensivstation.“ Die Deutsche Stiftung Organtransplantation sieht ihre primäre Aufgabe in der Verbesserung dieser Situation durch „Information und Fortbildung in den Krankenhäusern, eine umfassende Unterstützung der Krankenhäuser im Fall einer Organspende sowie eine politische Einflussnahme mit dem Ziel, dass die Gemeinschaftsaufgabe Organspende durch die Benennung von Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern nachhaltig etabliert wird“. Dieses Anliegen unterstützten auch die Delegierten des 105. Deutschen Ärztetages. Sie forderten „eine bundeseinheitliche gesetzliche Regelung und Einführung von Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern“. Um für optimale Arbeitsbedingungen der Transplantationsbeauftragten zu sorgen, müssten entsprechende Arztstellen im Stellenplan der Krankenhäuser berücksichtigt werden.
Um die Organspenden flächendeckend sicherzustellen, ist das Bundesgebiet bisher in sieben Organspenderegionen eingeteilt. Jede Region wird von einem geschäftsführenden Arzt der DSO geleitet. In einigen Bundesländern fordern Ausführungsgesetze einen Transplantationsbeauftragten. So sind in Bayern alle Krankenhäuser mit Intensivstationen zur Benennung mindestens eines Transplantationsbeauftragten verpflichtet. Dieses Konzept erhöhte die Spenderzahl um knapp 30 Prozent. Auch in anderen Bundesländern, die aufgrund von Landesgesetzen Transplantationsbeauftragte festgeschrieben haben, sind nach Angaben der DSO verbesserte Ergebnisse bei der Organspende festzustellen. Anfang Juli wurde in Baden-Württemberg ein neues Transplantationsgesetz beschlossen. Danach sind etwa 150 baden-württembergische Krankenhäuser verpflichtet, künftig einen Transplantationsbeauftragten zu bestellen. „Der Transplantationsbeauftragte soll nun die Erfüllung der Meldepflicht gewährleisten“, sagte Sozialminister Friedhelm Repnik. „Seine Aufgabe wird es außerdem sein, die Klinikmitarbeiter zu sensibilisieren sowie Verantwortlichkeiten und Handlungsabläufe für den Fall einer Organspende festzulegen.“
Einen anderen Weg hat die Düsseldorfer Landesregierung gewählt. In den nordrhein-westfälischen Krankenhäusern werden so genannte Kommunikationsteams als Beauftragte für die Organspende eingerichtet. Diese Teams haben die Aufgabe, im Krankenhaus die Idee der Organspende zu verbreiten und dafür zu werben. Dazu gehört die Unterstützung der Mitarbeiter im Intensivbereich. Die Teams sind auch verantwortlich für die Gespräche mit den Angehörigen und Spendern. Sie benennen mögliche Spender an die DSO, die dann zusammen mit dem Team die medizinischen Fragen klärt.
Aber die Organspende ist eben nicht nur ein strukturelles, sondern oft auch ein Kommunikationsproblem. „Eine Organspende ist ein seltenes Ereignis in einem Krankenhaus. Alle Schritte einer Organspende von der Spendererkennung bis zur Organentnahme stellen das Personal von Intensivstationen vor ungewohnte Anforderungen“, sagte DSO-Pressesprecherin Ilja Stracke gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Koordinatoren der Deutschen Stiftung Organtransplantation würden daher beim Umgang mit trauernden Angehörigen helfen und vermittelten spezielle Fortbildungen für das Personal von Intensivstationen.
„Ausdruck von Menschenliebe“
Eine Alternative zur postmortalen Organspende ist die Lebendspende, deren Förderung von einigen Transplantationsmedizinern befürwortet wird. So kann es sich der Essener Transplantationschirurg Prof. Dr. med. Christoph E. Broelsch vorstellen, Organspendern einen Bonus zu gewähren, um die Organspendezahlen wieder ansteigen zu lassen (dazu DÄ, Heft 25/2002). Dieser Vorschlag stößt allerdings auf völlige Ablehnung bei der Bundes­ärzte­kammer. Sie hat jeder Kommerzialisierung der Organspende eine klare Absage erteilt. Es sei ethisch verwerflich, wenn gesunde Menschen dazu animiert würden, aus finanziellen Gründen ein Organ herzugeben. „Organspende ist Ausdruck von Menschenliebe. Wer eine Entlohnung für Organspenden fordert, öffnet dem Organhandel Tür und Tor und untergräbt die Spendebereitschaft der Bevölkerung“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Gisela Klinkhammer
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