ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/200248. Konsultativtagung: Arztberuf muss wieder attraktiv werden

THEMEN DER ZEIT

48. Konsultativtagung: Arztberuf muss wieder attraktiv werden

Dtsch Arztebl 2002; 99(34-35): A-2243 / B-1911 / C-1795

Hoppe, Verena

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Gastgeber der 48. Kosultativtagung in Luxemburg war Dr. Daniel Mart, Generalsekretär der L’Association des Médecins et Médecins-Dentistes. Foto: Otmar Kloiber
Gastgeber der 48. Kosultativtagung in Luxemburg war Dr. Daniel Mart, Generalsekretär der L’Association des Médecins et Médecins-Dentistes. Foto: Otmar Kloiber
Die deutschsprachigen Ärzteorganisationen trafen sich in
diesem Jahr in Luxemburg zum Gedankenaustausch.
Eines der Schwerpunktthemen: der drohende Ärztemangel

Wir müssen uns verstärkt um den Arztberuf kümmern“, so begrüßte der luxemburgische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Carlo Wagner die Teilnehmer der diesjährigen Konsultativtagung deutschsprachiger Ärzteorganisationen in Luxemburg. Der Arztberuf müsse wieder attraktiver gestaltet werden, damit die Ärzte ihn auch im eigenen Land wieder gerne ausüben. Dies müsse unbedingt bei künftigen Reformen im Gesundheitswesen berücksichtigt werden – eine Erkenntnis, die sich vor allem die deutschen Teilnehmer von ihren eigenen Politikern wünschen dürften.
Der drohende Ärztemangel war einer der thematischen Schwerpunkte bei der traditionsreichen 48. Konsultativtagung, die dem Informations- und Gedankenaustausch zwischen den Vertretern der Ärzteorganisationen Luxemburgs, Südtirols, Österreichs, der Schweiz und Deutschlands dient. Eine freundschaftliche und offene Atmosphäre prägte auch die diesjährige Tagung, deren Ziel nicht gemeinsame Resolutionen oder Erklärungen, sondern der Austausch von aktuellen gesundheitspolitischen Entwicklungen über die Landesgrenzen hinweg war.
In Österreich nutzen die Patienten gerne die Möglichkeit, zur ambulanten fachärztlichen Behandlung direkt das Krankenhaus aufzusuchen, vor allem weil die Krankenhausambulanz 24 Stunden geöffnet ist. Die Krankenhäuser wiederum nehmen die zusätzliche Belastung gerne in Kauf, weil sie hoffen, den Patienten so auch für eine mögliche stationäre Behandlung an das Haus zu binden. Bei der guten technischen Ausstattung der österreichischen Krankenhäuser hat dies seinen Preis. Aber auch die österreichischen Allgemeinärzte überweisen ihre Patienten häufig lieber an den Facharzt im Krankenhaus als an den niedergelassenen Arzt – es erhöht die Chance, dass dieser wieder zu ihm zurückkehrt. Selbst die Krankenkassen sehen die teure Inanspruchnahme der Krankenhausambulanzen eher gelassen, denn die österreichischen Krankenhäuser sind dualistisch finanziert: Über den Daumen gepeilt, schießt der Staat die Hälfte der Fallkosten dazu. Daher darf es für die Krankenkassen, die die ambulante Behandlung beim niedergelassenen Arzt allein zu zahlen hätten, auch einmal etwas mehr kosten. Allein die Politik wünscht eine Reduzierung dieser Direktbesuche des Krankenhauses, von denen ein Drittel als unnötig angesehen wird. Daher wurden Gebühren für die ambulante Versorgung im Krankenhaus eingeführt, die von den Patienten in Österreich direkt zu zahlen sind – eine Maßnahme, die bis jetzt allerdings nicht den erhofften erzieherischen Effekt hatte.
Schweiz: Erleichterung der Migration von Ärzten
Die Gesundheitspolitik der rechts-liberalen Regierung in Österreich sei orientierungslos, lautete das Fazit des Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer, Dr. Otto Pjeta. Die Sozialversicherungen schrieben weiterhin rote Zahlen, aber Beitragssatzanhebungen seien seit Jahren politisch unerwünscht. Bleibe es bei dieser Unterfinanzierung, sei der Weg zur Rationierung nicht mehr weit, befürchtet Pjeta. Dafür sei aber über Nacht und in Form einer „diktatorischen“ Anordnung seitens der Regierung beschlossen worden, den Patienten die lange geplante Chipkarte gegen eine Gebühr aufzuzwingen, die zu allem Überfluss der Arzt kassieren solle. Dass Ärzte nun auch noch als
Verwaltungsvollstrecker der Krankenkassen dienen sollen, wecke keine
Freude bei der österreichischen Ärzteschaft.
Dominierendes Thema der schweizerischen Gesundheitspolitik sind derzeit die bilateralen Verträge zwischen der Europäischen Union und der Schweiz , die am 1. Juni in Kraft traten, und damit die Erleichterung der Migration von Ärzten. Erwartungsgemäß stellten gleich in den ersten Tagen 600 ausländische Ärztinnen und Ärzte einen Antrag auf Niederlassung. Nicht zu erwarten war hingegen die panische Reaktion auf diese vorhersehbare Antragsflut. Wohl aus Angst vor einer Unzahl von durch ausländische Ärzte betriebenen Praxen wurde unmittelbar nach dem 1. Juni ein Zulassungsstopp angekündigt und zum 3. Juli eingeführt. Schlagartig erhöhten sich in dieser kurzen Zeit die Niederlassungsanträge von Schweizer Ärzten auf 2 000, die in den nächsten Monaten bearbeitet werden müssen. Diese kurzsichtige und völlig übereilte Maßnahme habe dramatische Auswirkungen sowohl für die Ärzte als auch für die gesundheitliche Versorgung im Lande, so Dr. Martin Denz von der Verbindung Schweizer Ärzte.
Kurzfristig fehlten nun den Krankenhäusern all die Ärzte, die übereilt ihre Lebensplanung umstellen mussten und sich früher als geplant niederlassen. Den nachfolgenden jungen Ärzten werde die berufliche Perspektive genommen, weil ihnen der Weg in die Niederlassung verbaut sei. Unverständnis zeigte Denz für diese Politik vor allem deswegen, weil es keine Anzeichen für eine Migrationsflut von europäischen Ärzten gebe, erst recht nicht in Zeiten, in denen fast überall in Europa die Ärzte knapp würden.
„Eine wachsende Zahl von Ärzten führt zu einer steigenden Nachfrage von Gesundheitsleistungen und damit zu einer Kostensteigerung im Gesundheitswesen.“ Mit dieser nicht neuen, aber immer noch provokanten These stellte sich der Präsident der Luxemburgischen Krankenkassenvereinigung, Robert Kieffer, der Diskussion mit den Ärztevertretern. Er verfügt über das, von dem seine europäischen Kollegen nur träumen: ausreichendes Datenmaterial. Arzt- und Patientendaten liegen der luxemburgischen Krankenkassenvereinigung offen vor.
Gegenseitige Anerkennung von Diplomen
Doch was sagen die Statistiken wirklich aus? Überzeugen konnten die vorgelegten Auswertungen und besonders die daraus gezogene Schlussfolgerung „viele Ärzte – hohe Kosten“ nicht. Denn auch wenn seit 1995 in Luxemburg das Honorarvolumen der Ärzte tarifbereinigt um 14 Prozent und die Zahl der Patienten und Ärzte ebenfalls gestiegen sind, so ist das Pro-Kopf-Honorar für etliche ärztliche Fachgruppen gesunken oder nur gering gestiegen. Der Anteil der Arzthonorare an den Gesamtausgaben im Gesundheitswesen blieb vergleichsweise stabil. Und so betonte Robert Kieffer, seine Aussage sei eine These, der Beweis lasse sich auch mit all dem vorliegenden Datenmaterial nicht führen. Außerdem räumte er ein, dass auch andere Faktoren, wie zum Beispiel eine Verteuerung der Technologie oder deutlich höhere Ansprüche an die gesundheitliche Versorgung, zur Teuerung beigetragen hätten. Warum ist Brustkrebs in Deutschland eine chronische Krankheit? Diese berechtigte Frage mussten sich die deutschen Vertreter von ihren ausländischen Kollegen stellen lassen, nachdem der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, seinen Bericht über die gesundheitspolitische Lage in Deutschland gegeben hatte. Hoppe konnte die Aufnahme des Brustkrebses in den Kreis der chronischen Erkrankungen, für die Disease-Management-Programme (DMP) aufgelegt werden sollen, nur politisch erklären. Er beschrieb, unter welchem zeitlichen Druck die Einführung der Programme bis zum 1. Juni durchgezogen wurde. Die fragwürdige Qualität der DMP und das Beharren der Krankenkassen auf Zugang zu den Patientendaten mache es der Ärzteschaft schwer, die DMP in ihrer jetzigen Form zu unterstützen.
Alle Länder beschäftigt der Richtlinienentwurf der Europäischen Kommission zur Neuregelung der gegenseitigen Anerkennung von Diplomen. Die derzeit geltende, auf die Ärzte zugeschnittene Richtlinie aufzugeben und in eine allgemeine Richtlinie zu überführen wird von allen Seiten als ein Rückschritt für die Migrationsfreiheit der Ärzte in Europa angesehen. Denn der neue Richtlinienentwurf sieht vor, die automatische gegenseitige Anerkennung von Facharztdiplomen auf die Fächer zu beschränken, die in allen Mitgliedsländern der EU vorhanden sind. Die große Zahl von Fächern, die nur mindestens zwei Länder gegenseitig anerkennen, soll gestrichen und einer Einzelfallentscheidung überlassen werden. Der Entwurf scheine nicht fachlich motiviert zu sein, sondern als
arbeitsentlastende Maßnahme seitens der Kommission. Die Teilnehmer der Konsultativtagung waren sich jedenfalls in ihrer Ablehnung einig. Die Ärzte seien nun gefragt, die Politik im eigenen Land ebenfalls von dieser
Position zu überzeugen. Verena Hoppe
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