ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2002Klinik und Diagnostik von Nahrungsmittelallergien? Anamnese oft ausreichend

MEDIZIN: Diskussion

Klinik und Diagnostik von Nahrungsmittelallergien? Anamnese oft ausreichend

Dtsch Arztebl 2002; 99(34-35): A-2265 / B-1933 / C-1816

Gieler, Uwe; Niemeier, Volker

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LNSLNS In der Stufendiagnostik bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergien (NMA) sollte aus unserer Sicht nach wie vor eine ausführliche Anamnese an erster Stelle noch vor einer Labordiagnostik stehen (siehe Textkasten 2 und Literaturstelle 5). Bei der Urtikariadiagnostik konnten beispielsweise Kozel et al. bei 220 Urtikaria-Patienten nachweisen, dass eine Maximaldiagnostik kaum mehr diagnostischen Gewinn bringt als eine ausführliche Anamnese (3). Laboruntersuchungen werden häufig von Patienten und zum Teil auch von Ärzten zu unkritisch interpretiert. Oft stimmen Hauttestungen, spezifische IgE-RAST-Klassen nur wenig mit doppelblind durchgeführten Provokationstestungen überein (8).
Raithel et al. (5) zweifeln nicht an, dass bis zu 45 Prozent der Allgemeinbevölkerung verschiedene Beschwerden subjektiv auf NMA zurückführen (6). Leider wird kein Hinweis gegeben, in welcher Häufigkeit andere differenzialdiagnostisch in Erwägung zu ziehende Erkrankungen, wie beispielsweise somatoforme Störungen, bei diesen Patienten vorliegen. Schon aus Kostengründen ist nicht bei allen Patienten, die glauben an einer NMA zu leiden, eine Labor- und gegebenenfalls invasive Diagnostik möglich und sinnvoll. Schmidt-Traub et al. beschreiben Zusammenhänge zwischen Allergien, Panik und Agoraphobie (7). Die Autoren weisen darauf hin, dass sich die Symptome echter anaphylaktischer und anaphylaktoider Reaktionen mit denen von Panikpatienten anfänglich ähneln (vasomotorische Reaktionen, Tachykardie und Hyperventilation) und daher Kenntnisse zu Panikstörungen für den Allergologen unerlässlich sind. 74 Prozent der untersuchten Patienten mit Panikattacken gaben übrigens an, in der Vergangenheit allergische Reaktionen gehabt zu haben, die eine medizinische Behandlung erforderten (7).
Pearson fand bei Patienten mit nachgewiesenen Nahrungsmittelallergien weniger psychische Auffälligkeiten als bei Patienten mit Verdacht auf NMA, welche allergologisch jedoch nicht nachgewiesen werden konnten (4). Die Unkontrollierbarkeit einer allergischen Reaktion trägt offensichtlich wesentlich zum Maß der Einschränkung bei (1). Patienten mit lebensbedrohlichen Allergien sollten zusätzlich psychosozial betreut werden, um ein ungünstiges Coping zu verhindern (2). Dazu gehört zum einen den Patienten ausreichend auf „versteckte“ Allergene hinzuweisen, zum anderen ist eine gute Führung mit einer suffizienten, auch psychosozialen Beratung notwendig (2).

Literatur bei den Verfassern

Prof. Dr. med. Uwe Gieler
Dr. med. Volker Niemeier
Zentrum für Psychosomatische Medizin
Ludwigstraße 76
35385 Gießen
E-Mail: uwe.gieler@psycho.med.uni-giessen.de

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