ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2002Klinik und Diagnostik von Nahrungsmittelallergien? Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Klinik und Diagnostik von Nahrungsmittelallergien? Schlusswort

Dtsch Arztebl 2002; 99(34-35): A-2266 / B-1954 / C-1819

Raithel, Martin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In dem interessanten Kommentar von Gieler und Niemeier wird betont, dass eine ausführliche Anamnese bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergien nach wie vor an erster Stelle vor einer Labordiagnostik stehen sollte. Dem schließen wir uns gerne an, denn dies sollte auch so aus dem Text (siehe unter „Diagnostik“) hervorgehen. In dem Textkasten 2 müsste daher korrekterweise unter „Allgemeine Labor- und Standarddiagnostik“ auch die Erhebung einer allgemeinen Anamnese mit aufgeführt werden, ehe dann speziell unter „Allergologische Basisdiagnostik“ an die differenzierte Allergie- und Ernährungsanamnese gedacht wird.
Erst nach Erhebung dieser genannten Anamnesepunkte sollte eine Labordiagnostik erfolgen, wobei bei gastroenterologischen und internistischen Patienten ein sehr großes Spektrum an Differenzialdiagnosen ausgeschlossen und abgeklärt werden sollte (1 bis 4), bevor man von idiosynkratischen, funktionellen oder somatoformen Störungen berechtigt ausgehen kann. Aufgrund der Kürze des vorgegebenen Textrahmens war es nicht möglich, die im Einzelnen bei Nahrungsmittelallergien zu erwägenden Differenzialdiagnosen aufzulisten oder näher zu erläutern (1 bis 4).
Da gerade bei Hauttests und allergenspezifischen IgE-Bestimmungen keine große Zuverlässigkeit bei gastrointestinal vermittelten Allergien Grad I bis IV zu erwarten ist, halten wir bei allen Personen mit Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie die Screeninguntersuchung mit Methylhistamin im Urin für erforderlich, um Personen mit Histamin-assoziierten Beschwerden einfach, kostengünstig und nichtinvasiv zu identifizieren. Wenn dabei der Hinweis für eine verstärkte Mediatorenproduktion vorliegt, sollte – wie im Originalartikel aufgeführt (5) – die angegebene Stufendiagnostik bis hin zur doppelblinden Provokation oder zur Austestung der Biopsien durchgeführt werden, denn sonst kann es passieren, dass dem Patient im klinischen Alltag zu Unrecht eine Diagnose zugeschrieben wird, der Krankheitsprozess in seiner Ätiopathogenese jedoch ungeklärt bleibt.
Für die angesprochenen Zusammenhänge zwischen Allergien, somatoformen Störungen, Panikattacken et cetera, sind wir den Autoren Gieler und Niemeier außerordentlich dankbar, denn dahinter verbirgt sich heute tatsächlich ein großes und sehr aktuelles diagnostisches Problem. Denn bei mehr als der Hälfte der Patienten mit Nahrungsmittelallergien, die wir heute anhand der doppelblinden, placebokontrollierten Provokationstestung als Allergiker entdeckt haben, lassen sich heute psychosomatische oder somatoforme Störungen bis hin zur angesprochenen Panikattacke nachweisen. Es ist dabei nicht klar, wodurch diese Verhaltensauffälligkeiten induziert werden (zum Beispiel Modulation der Mastzellaktivität durch neurovegetative Effekte), ob diese bereits vor Manifestation der Allergie vorhanden waren (zum Beispiel Veränderungen im Stoffwechsel von Neurotransmittern, biogener Amine, primär autonome Hyperaktivität et cetera) oder Folge der ausgeschütteten Immunmediatoren (zentralnervöse Effekte von Histamin, TNF et cetera) sind. Interessant ist, dass sich die psychosomatischen Symptome unter einer gezielten Allergenkarenz oft bessern und keine weitere psychosomatischen Therapiemaßnahmen erforderlich sind. Wir empfehlen daher heute, bei allen Personen mit Verdacht
auf Nahrungsmittelallergie eine initiale psychosomatische Exploration durchzuführen, um eine primär oder begleitend vorliegende psychosomatische Komorbidität diagnostisch zu erfassen und gegebenenfalls auch therapeutisch anzugehen.

Literatur
1. Kokkonen J, Holm K, Kartunnen TJ, Mäki M: Children with untreated food allergy express a relative increment in the density of duodenal gamma/delta T cells. Scand J Gastroenterol 2000; 35: 1137–1142.
2. Lessof MH: Food intolerance. Scand J Gastroenterol 1985; 20 (Suppl 109): 117–121.
3. Lopata AL, Potter PC: Allergy and other adverse reactions to seafood. ACI International 2000; 12: 271–281.
4. Odze RD, Wershil BK, Leichtner AM, Antoniolo DA: Allergic colitis in infants. J Pediatr 1995; 126: 163–170.
5. Raithel M, Hahn EG, Baenkler HW: Klinik und Diagnostik von Nahrungsmittelallergien Gastrointestinal vermittelte Allergien Grad I–IV. Dtsch Arztebl 2002;99: A 780–786 [Heft 12].
6. VatnMH, Grimstad IA, Thorsen L, Kittang E, Refnin I, Malt U, Lovik A, Langeland T, Naalsund A: Adverse reaction to food: assessment by doubleblind-placebo-controlled food challenge and clinical, psychosomatic and immunologic analysis. Digestion 1995; 56: 421–428.

Priv.-Doz. Dr. med. Martin Raithel
Medizinische Klinik 1
Poliklinik der Universität Erlangen-Nürnberg
Krankenhausstraße 12
91054 Erlangen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige