ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2002Alte Nationalgalerie: Der königstreue Revolutionär

VARIA: Feuilleton

Alte Nationalgalerie: Der königstreue Revolutionär

Dtsch Arztebl 2002; 99(34-35): A-2267 / B-1935 / C-1818

Jachertz, Norbert

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Adolph Menzel: Selbstbildnis mit Bruder und Schwester, um 1848, Privatbesitz. Abbildung: Katalog
Adolph Menzel: Selbstbildnis mit Bruder und Schwester, um 1848, Privatbesitz. Abbildung: Katalog
Wie Adolph Menzel Sympathien für die 48er mit einer skeptischen Verehrung der Preußenkönige verband

Die Alte Nationalgalerie in Berlin zeigt in einer aktuellen Kabinettausstellung zwei Gemälde von Adolph Menzel, die sonst so gut wie nie zu sehen sind: „Die Bittschrift“ sowie ein Selbstbildnis im Familienkreis. Die kleine Sonderausstellung ist eingebettet in die bedeutende ständige Menzel-Sammlung des Museums.
Die beiden Bilder aus Privatbesitz haben miteinander zu tun, was auf den ersten Blick nicht erkennbar ist.
„Die Bittschrift“ zeigt am Rande eines sandigen Weges ein junges aufgeregtes Paar, einen Brief in Händen haltend, eine Petition, wie man sie damals den hohen Herren ehrfürchtig überreichte. Die soll nun Friedrich II. („dem Großen“), der in Bildmitte naht, überreicht werden. Der König sitzt hoch zu Ross in der bekannten Attitude, mit asketischem Adlergesicht, Dreispitz, in Uniform, die Ordensplakette auf der linken Brust.
Das Selbstbildnis hingegen zeigt eine bürgerliche Szene: links Menzel als Maler in voller Größe, wenn man bei ihm von Größe reden kann. In der Mitte, auf einem roten Sofa, sitzen Bruder und Schwester,
der eine lesend, die andere stickend – alle drei stumm. Der Betrachter glaubt die Stille hören und die versteckten Spannungen fühlen zu können.
Der Bildaufbau entspricht einem Selbstbildnis mit Familie von Antoine Pesne aus dem Jahr 1718, das in Potsdam hängt. Pesne war der Haus- und Hofmaler Friedrichs des Großen und Menzel ein Begriff. Während nun Pesne sein Selbstbildnis mit barockem Selbstbewusstsein präsentiert, wählt Menzel die häusliche Idylle. Er lebte schließlich in einer anderen Zeit, das Bild entstand etwa 1848, als das Bürgertum groß zu werden begann.
1848 ist allerdings auch das Jahr der fehlgeschlagenen deutschen Revolution, auf die Restauration mit Unterdrückung der Bürger und einem Wiederaufleben königlicher Willkür folgte.
Und wo liegt nun die Verbindung zwischen beiden Bildern? Menzel stilisierte sich gleichsam in Nachfolge von Pesne zum Maler Friedrichs des Großen. Auf jenes Selbstbildnis von 1848 folgte die bekannte Serie der FriedrichGemälde, insgesamt elf. Einige hervorragende Beispiele daraus sind in der Alten Nationalgalerie versammelt, so die Ansprache an die Generäle vor der Schlacht bei Leuthen, die „Huldigung der schlesischen Stände“ oder, ein Kontrapunkt, das Flötenkonzert in Sanssouci. Das erste Bild der Friedrichserie aber ist „Die Bittschrift“, die nun für kurze Zeit zu sehen ist.
Mit der Friedrich-Serie zollt Menzel dem verehrten Preußenkönig seine Reverenz, nicht den preußischen Königen allgemein, und erst recht nicht Friedrich Wilhelm IV., dem König, der 1848/1849 eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Denn Menzel hatte durchaus Sympathien für die 48er Revolutionäre in Berlin, er war nach eigenem Zeugnis von plebeischer Gesinnung. Davon zeugen auch Menzels Bilder der frühen Industrialisierung. Menzels Zwiespalt zwischen Revolution und Königstreue kommt sinnfällig in seinem Gemälde „Aufbahrung der März-Gefallenen“ zum Ausdruck. Dieses Bild hat Menzel nicht vollendet, er ließ es Jahre in der Ecke stehen, aber 1895 wurde es mit seiner Billigung anlässlich einer Retrospektive wieder hervorgeholt. Da erinnerte sich der alte Menzel der früheren Sympathien für die Revolutionäre; unterdessen hatte er freilich, konform den herrschenden Verhältnissen, wenn auch mit Distanz und Skepsis, die große Gesellschaft gemalt. Auch davon gibt es schöne Beispiele in der Nationalgalerie.
Die Friedrich-Serie endete 1861. Mit ihr wollte Menzel – in Abkehr von der unerfreulichen Gegenwart – den guten König ins Bild setzen, den König, der für Gerechtigkeit eintrat und auch Sinn für die kleinen Leute hatte. Wie zum Beispiel jenes junge Paar aus dem Volke, das ihm die Bittschrift überreichen will. Norbert Jachertz

Zu der Ausstellung (bis 10. November) ist ein Begleitbuch erschienen („Landschaft–Revolution–Geschichte“), in dem Dr. Claude Keisch, ein tiefgründiger Menzel-Kenner, detailliert und einfühlsam „Die Bittschrift“ und alles, was sich darum rankt, interpretiert (für 10 Euro an der Museumskasse).
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