ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Zwischenbilanz nach dem Jahrhunderthochwasser: Flut zerstört auch Hunderte Arztpraxen

POLITIK

Zwischenbilanz nach dem Jahrhunderthochwasser: Flut zerstört auch Hunderte Arztpraxen

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2287 / B-1951 / C-1835

Grabenmeier, Isolde

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Vor der Arztpraxis von Dr. Lutz Enderlein und Sabine Maaß stapelt sich der Müll.
Vor der Arztpraxis von Dr. Lutz Enderlein und Sabine Maaß stapelt sich der Müll.
Die Orthopäden Dr. Lutz Enderlein und Sabine Maaß im sächsischen Pirna sowie der Radiologe Dr. Marc Amler in Dresden gehören zu denjenigen, die nach der Flutkatastrophe wieder ganz von vorn anfangen müssen.

Zwei Wochen nach dem Hochwasser an Elbe, Müglitz, Weißeritz und Mulde haben die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) eine Zwischenbilanz gezogen: Hunderte Arztpraxen vor allem in Sachsen und Sachsen-Anhalt sind zerstört, der Gesamtschaden ist noch nicht zu beziffern, die ambulante Versorgung der Patienten war immer sichergestellt, und viele Ärzte müssen jetzt ihre Praxis neu aufbauen.
Die KV Sachsen resümierte vergangene Woche vorläufig: 300 Arztpraxen, vor allem im Bezirk Dresden, seien schwerst- beschädigt, 47 davon ganz zerstört. Die KV Sachsen-Anhalt berichtete von 47 Praxen mit Wassereinbruch in ihrer Region, darunter 26 sehr schwer beschädigten: „Bitterfeld, die Lutherstadt Wittenberg und einige Stadtteile von Dessau sind noch evakuiert. Wir haben viele Praxen dort bisher nicht erreicht und rechnen damit, dass die Anzahl der betroffenen Praxen noch steigt“, sagte eine Sprecherin der KV Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Auch in Niedersachsen ist es für eine abschließende Schadensbilanz noch zu früh. In mindestens vier Praxen, drei davon im stark verwüsteten Hitzacker, habe es Wassereinbrüche gegeben, sagte Carsten Florin, Leiter Sicherstellung im KV-Bezirk Lüneburg. Für mindestens neun Praxen in Evakuierungsgebieten würden die Schäden noch ermittelt. In Brandenburg hat es nach Angaben der KV voraussichtlich nur kleinere Hochwasserschäden in den Arztpraxen gegeben. Keine Schadensmeldungen gingen bisher bei den KVen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein ein.
Keine Zeit zum Lamentieren: die Orthopäden Maaß und Enderlein Fotos (2): Dr. Lutz Enderlein
Keine Zeit zum Lamentieren: die Orthopäden Maaß und Enderlein Fotos (2): Dr. Lutz Enderlein
In der Pirnaer Altstadt hat das Hochwasser die orthopädische Gemeinschaftspraxis von Dr. Lutz Enderlein und Sabine Maaß völlig zerstört. Vor zwölf Jahren hatte Enderlein die Praxis gegründet, Maaß war vor zwei Jahren eingestiegen. Sie haben sieben Angestellte, darunter Enderleins Ehefrau als Praxismanagerin. Den Sachschaden beziffern sie auf rund 250 000 Euro. Zwei Flutwellen sind in der vorvergangenen Woche über Pirna hereingebrochen. In den frühen Morgenstunden des 13. August, ein Dienstag, war die Talsperre am Oberlauf des Gebirgsflusses Gottleuba übergelaufen, der bei Pirna in die Elbe mündet. „Die Gottleuba ist normalerweise nur ein Bach. Durch das aus der übergelaufenen Talsperre strömende Wasser schwoll sie so an, dass sie in ihr altes Bett zurückkehrte und durch Straßen und Häuser floss“, berichtet Sabine Maaß. Die Ärztin hatte die Praxis am Dienstagabend bereits verlassen, eine halbe Stunde, bevor das Wasser kam. „Es kam zuerst durch die Gullys hoch. Dr. Enderlein und die Mitarbeiterinnen konnten gerade noch die Daten von den PCs sichern und mussten dann flüchten“, erinnert sich die Orthopädin. Als der Wasserstand am Mittwoch, dem 14. August, zunächst wieder sank, ließ der Bundesgrenzschutz Enderlein in die Praxis, obwohl die Altstadt noch gesperrt war. „Zu dem Zeitpunkt war dort nur der Fußboden nass“, schildert
1,70 Meter hoch stand das Wasser im „Ärztehaus am Blauen Wunder“.
1,70 Meter hoch stand das Wasser im „Ärztehaus am Blauen Wunder“.
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Maaß. Ihr Praxispartner habe die PCs und die medizinischen Geräte auf die Tische gestellt, der zu erwartende Pegelhöchststand wurde noch mit 7,50 Meter angegeben. Maaß: „Doch dann stieg das Wasser bis auf 9,40 Meter, in der Praxis stand es 1,80 Meter hoch.“ Schon am Freitag, dem 16. August, machten sich die beiden Orthopäden per Fahrrad auf die Suche nach neuen Praxisräumen in Pirna und wurden fündig. Eine leer stehende frühere Nervenarztpraxis war sofort anmietbar. Bereits am Sonntag, dem 18. August, begannen Enderlein und Maaß, die neuen Praxisräume einzurichten. „Handwerksbetriebe am Ort waren bereit, schon am Sonntag zu helfen. Mit der Hilfe von Freunden stellten wir eine provisorische Praxisausstattung zusammen. Eine Computerfirma hat uns PCs geliehen“, blickt Sabine Maaß zurück. In der neuen Praxis sei derzeit alles gebraucht, von Freunden und Kollegen geschenkt oder geborgt.
Am Montag, dem 19. August, durften die beiden Ärzte dann erstmals wieder in die alten Praxisräume. Doch dort war kaum etwas zu retten: Röntgen-, Sonographie-, Arthroskopiegeräte und die Steuerung einer Säge für Fuß-OPs waren ebenso zerstört wie die teuren Liegen in den Behandlungszimmern, alle Möbel und die medizinische Bibliothek, die Enderlein in zwölf Jahren angesammelt hatte. „Ich hatte davor immer gedacht, das Wort ‚Katastrophengebiet‘ sei eine Übertreibung“, sagt Sabine Maaß, „aber der Anblick war zutiefst deprimierend. Es sah aus wie auf dem Mond. Dabei hatten wir noch das Riesenglück, ausschließlich materielle Werte verloren zu haben.“ Geblieben sind die Arbeitskraft, das Wissen und die Erfahrung. Seit Montag, dem 26. August, praktizieren Enderlein und Maaß in den neuen Räumen.
Im Dresdener „Ärztehaus am Blauen Wunder“ haben mehr als 50 Ärzte ihre Praxen. Die ehemalige Poliklinik liegt in unmittelbarer Nähe der gleichnamigen Elbbrücke. Hier zerstörte das Elbhochwasser unter anderem eine große radiologische Gemeinschaftspraxis, in der fünf Ärzte und 26 Angestellte arbeiten. Dr. Marc Amler, Facharzt für diagnostische Radiologie, berichtet: „Bis Donnerstag, den 15. August, hatten wir mit dem Technischen Hilfswerk und der Feuerwehr Sandsäcke gestapelt. Um drei Uhr in der Nacht auf Freitag mussten wir aufgeben. Die Praxis betreten konnten wir erst wieder am Montag, dem 19. August. Übers Wochenende hatte das Wasser 1,70 Meter hoch in den Räumen gestanden.“ Es zerstörte einen Computertomographen, zwei Kernspintomographen, ein konventionelles Mammographiegerät, eine voll
Schrottreif: die Tomographenröhre der Dresdner Radiologen Fotos (2): Dr. Marc Amler
Schrottreif: die Tomographenröhre der Dresdner Radiologen Fotos (2): Dr. Marc Amler
digitale Mammographiestation im Wert von rund 400 000 Euro, eine komplette konventionelle Röntgeneinrichtung und eine nuklearmedizinische Kamera. 400 000 Archivtüten mit radiologischem Bildmaterial sind zum großen Teil Sondermüll. Die meisten PCs und das
digitale Archiv konnten die Praxisinhaber und ihre Mitarbeiter retten.
„Angehörige und freie Helfer haben hier in den Tagen nach der Flut bei 29 Grad im Schatten aufgeräumt. Länger als zehn Minuten konnte man keinen Helfer den beißenden Ausdünstungen in den verschlammten Archivräumen aussetzen“, erinnert sich Amler. Das Wasser und der Schlamm seien schmutzig gewesen, hätten beißend gerochen und könnten bei Hautkontakt Ausschläge verursacht haben. Den Sachschaden beziffert der Arzt auf fünf bis sechs Millionen Euro, etwa ein Viertel davon allein an nicht versicherten Ein- und Umbauten wie den Faradayschen Käfigen für die Kernspintomographen. Die Räume werde man auf absehbare Zeit nicht mehr nutzen können.
Für ihre Angestellten mussten die Praxisinhaber am 14. August Kurzarbeit anmelden. „Aber wir hoffen, unsere Mitarbeiter nach und nach wieder zurückholen zu können“, sagt Amler. Seit einer Woche steht auf dem Parkplatz des Ärztehauses ein Truck mit einem mobilen Kernspintomographen zum Mietpreis von 50 000 Euro im Monat. Schon am Dienstag, dem
20. August, wurden dort Patienten untersucht. Ein mobiler Computertomograph ist seit Mittwoch, dem 21. August, im Einsatz. Amler hebt die Leistungen der freiwilligen Helfer während der Katastrophe hervor. Passanten und Patienten hätten sich in die Kette der Helfer eingereiht, um Sandsäcke zu stapeln. Bei den Organisationsstellen der Ortsämter und Krisenstäbe meldeten sich jetzt noch täglich Leute, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. „Es ist ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden“, sagt
Amler. Isolde Grabenmeier

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