ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Medizinische Versorgung im Hochwassergebiet: Herausforderung gemeistert

POLITIK

Medizinische Versorgung im Hochwassergebiet: Herausforderung gemeistert

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2290 / B-1954 / C-1838

Zylka-Menhorn, Vera

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Durch Medienberichte verunsichert, haben am Montag, dem 19. August, Hunderte von Bürgern das Dresdener Gesundheitsamt aufgesucht, um sich gegen Hepatitis A impfen zu lassen. Eine Mitarbeiterin verteilt Aufklärungsbögen an die Wartenden. Foto: dpa
Durch Medienberichte verunsichert, haben am Montag, dem 19. August, Hunderte von Bürgern das Dresdener Gesundheitsamt aufgesucht, um sich gegen Hepatitis A impfen zu lassen. Eine Mitarbeiterin verteilt Aufklärungsbögen an die Wartenden. Foto: dpa
Eine Situationsbeschreibung und Empfehlungen zur Prophylaxe von Infektionen.

Die medizinische Versorgung in den von Hochwasser betroffenen Gebieten war während der Überschwemmung und ist auch nach dem Absinken der Wasserpegel gewährleistet. „Die – häufig kritisierten – Strukturen des Gesundheitssystems haben in dieser Extremsituation funktioniert“, sagt die Leiterin des Gesundheitsamtes in Dresden, Claudia Stahr, die für die Versorgung der Bevölkerung in der Region um die sächsische Metropole mitverantwortlich ist. „DieserAusnahmezustand konnte jedoch nur gemeistert werden, weil alle Diensthabenden und unzählige Freiwillige bis zur Erschöpfung gearbeitet haben.“
So habe das Gesundheitsamt Dresden allein in einer Woche 7 000 Impfungen durchgeführt. Zum Vergleich: Der Jahresdurchschnitt liegt bei 6 000 Vakzinationen. Der Andrang sei nur bewältigt worden, weil das medizinische Personal freiwillig Überstunden gemacht hätte, Ärzte und Pflegepersonal aus dem Urlaub zurückgekehrt seien, Betriebsärzte, pensionierte Ärzte und niedergelassene Kollegen sich unentgeltlich an der Impfaktion beteiligt hätten, betont Stahr.
Zu einem plötzlichen „Sturm“ von besorgten Bürgern auf das Gesundheitsamt sei es gekommen, nachdem
einige Medien das Risiko einer Hepatitis-A-Infektion in den Hochwassergebieten „überinterpretiert“ hätten. „Obwohl nicht jede Impfung nach den aktuellen Empfehlungen indiziert war, haben wir dem Wunsch aller Wartenden entsprochen. Denn aufgrund des Andrangs war es nicht möglich, jedem Einzelnen in Gesprächen seine Angst vor der Infektionskrankheit zu nehmen“, so Stahr.
Zu keinem Zeitpunkt sei es zu Engpässen in der Versorgung von Vakzinen gekommen, die von den Apotheken derzeit zu Großhandelspreisen abgegeben würden. Die Hochwasserkatastrophe habe jedoch gezeigt, dass nicht nur ein Großteil der Bürger, sondern auch zahlreiche Rettungskräfte unzureichend gegen Tetanus geschützt sind. „Es ist medizinisch nicht zu vertreten, dass Rettungskräfte erst im Notfall ihre fehlenden Impfungen nachholen“, erklärt die Amtsärztin. Auf dem Dresdener Gesundheitsamt hatten sich Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks Bayern kostenlos impfen lassen.
Weder den lokalen Gesundheitsämtern noch dem Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin werden aus den Überschwemmungsgebieten mehr Infektionskrankheiten gemeldet als in warmen Sommermonaten üblich. „Epidemisch auftretende Erkrankungen sind nach den Erfahrungen bei früheren Hochwassern bei Einhalten der Vorsichtsmaßnahmen eher unwahrscheinlich“, erkärt Prof. Reinhard Kurth (RKI). Nachfolgend sind zahlreiche Empfehlungen der Berliner Behörde und des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales aufgelistet:
Infektionsgefahr: In den Hochwassergebieten besteht für die Bevölkerung und die Einsatzkräfte ein Risiko für Infektionen mit Hepatitis-A-Viren, Shigellen (Ruhr), Salomella
typhi (Typhus), enterohämorrhagischen E. coli und Rotaviren. Daher sollten folgende Personengruppen nicht an den Aufräumarbeiten beteiligt werden: immungeschwächte Personen und Kinder sowie Patienten mit Hauterkrankungen, Verletzungen und Allergien (besonders gegen Insekten).
Impfungen: Eine allgemeine Impfung gegen Hepatitis A oder Typhus wird nach den Erfahrungen beim Oder-Hochwasser 1997 derzeit nicht empfohlen. Bei besonderer Gefährdung (keine Verfügbarkeit von sauberem Trink- und Waschwasser sowie Lebensmitteln) kann eine Hepatitis-A-Impfung erwogen werden. Der Impfstoff braucht nur zweimal verabreicht zu werden, um für etwa zehn Jahre zu schützen. Zwischen beiden Impfungen muss ein Abstand von sechs Monaten eingehalten werden.
Da bei den Aufräumarbeiten die Verletzungsgefahr besonders hoch ist, sollte der Impfschutz gegen Tetanus überprüft und eventuell aktualisiert werden. Erwachsenen wird eine Auffrischimpfung gegen Tetanus alle zehn Jahre empfohlen, bei einer Verletzung bereits nach fünf Jahren. Weiterhin ist eine Impfung bei allen Personen mit fehlender oder unvollständiger Grundimmunisierung indiziert, wenn die letzte Impfung der Grundimmunisierung oder die letzte Auffrischimpfung länger als zehn Jahre zurückliegt. Besonders wichtig ist ein aktueller Impfschutz gegen Tetanus
für Personen mit Durchblutungsstörungen, Diabetes und Erkrankungen der Hautoberfläche (Ulcus cruris, offenes
Ekzem).
Zum Schutz gegen Typhus stehen zwei verschiedene Impfstoffe zur Verfügung: ein Injektionsimpfstoff (Totimpfstoff), der einmal verabreicht wird, und ein Schluckimpfstoff (Lebendimpfstoff), von dem drei Kapseln im Abstand von je zwei Tagen eingenommen werden.
Kinder: Kinder sollten wegen des Risikos fäkal-oral übertragbarer Krankheiten weder im Überschwemmungswasser baden noch mit Restschlamm oder Sand spielen.
Persönliche Hygiene: Strikte Händehygiene ist zur Infektionsprophylaxe von entscheidender Bedeutung. Im Umfeld des Hochwassers sollten die Hände vor Zubereitung und Verzehr von Lebensmitteln sowie vor dem Rauchen sorgfältig mit einwandfreiem Wasser und Seife gereinigt werden.
Während der Aufräumarbeiten sollten keine Lebensmittel verzehrt werden. Nach Abschluss der Aufräumarbeiten ist eine gründliche Körperreinigung angezeigt.
Für Körperpflege, Zähneputzen und Essenzubereitung Mineralwasser oder Wasser von Hilfsdiensten (Wassertankwagen) benutzen.
(Trink-)Wasser: Die Qualität des Trinkwassers wird vor Ort laufend kontrolliert. Problematisch ist daher nur die Nutzung von Einzelbrunnen zur Trinkwasserversorgung; diese sollten erst nach Freigabe durch das zuständige Gesundheitsamt wieder genutzt werden.
Gartenbesitzer sollten daran denken, dass Wasser aus Teichen und Bächen nach einer Überschwemmung für die Bewässerung von Gemüse, Feldfrüchten und Obst nicht geeignet ist.
Lebensmittel: Da alle Lebensmittel, die mit Überschwemmungswasser in Berührung gekommen sind, möglicherweise kontaminiert sind, sollten diese vernichtet werden: dies betrifft Obst (insbesondere Fallobst), Gemüse, Salate und Kräuter. Dies gilt auch für unterirdische Pflanzenteile (Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch). Die Entsorgung von Gemüse und erdnahem Obst kann durch Untergraben beziehungsweise Kompostieren erfolgen.
Umgehend entsorgt werden sollten auch alle durchfeuchteten Lebensmittel. Konserven sind vor dem Öffnen gründlich zu reinigen.
Verdorbene Lebensmittel aus tierischen Produkten sollten (bei ausgefallener Kühlung oder Überschwemmung) über die Tierkörperbeseitigungsanstalten entsorgt werden.
Aufräumarbeiten: Die größten hygienischen Probleme ergeben sich bei Aufräumarbeiten in Häusern, Kellern und Gärten durch Kontakt mit möglicherweise kontaminiertem Wasser. Während der Reinigung sollten Gummistiefel, wasserdichte Handschuhe und Wasser abweisende Kleidung getragen werden.
Nach dem Auspumpen müssen Kellerräume gründlich gereinigt und desinfiziert werden. Erst nach diesen Maßnahmen können sie wieder als Abstellmöglichkeit genutzt werden.
Es wird empfohlen, überflutete Gärten möglichst schnell umzugraben.
Desinfektion: Betroffene Flächen zunächst mit klarem Wasser reinigen. Dann handelsübliche desinfizierende Reiniger oder Desinfektionsmittel auf der Basis von Chlor oder Aldehyden verwenden (Einwirkzeiten beachten).
Geschirr, das mit Überschwemmungswasser in Berührung gekommen ist, sollte erst nach gründlicher Reinigung und Desinfektion wieder benutzt werden.
Textilien: Verunreinigte waschbare Textilien sind bei über 60 Grad im normalen Waschgang zu reinigen. Kleidungsstücke, die nicht mit 60 Grad gewaschen werden können, müssen zunächst desinfiziert werden (Einwirkzeit und Konzentration beachten!). Nicht waschbare Textilien sollten chemisch gereinigt werden.
Tierkadaver: Tote Tiere sollten nicht angefasst werden. Die Kadaver sind der Polizei beziehungsweise dem nächsten Veterinäramt zu melden. Werden tote Tiere auf dem eigenen Grundstück gefunden, ist der Eigentümer gesetzlich verpflichtet, dies der zuständigen Tierkörperbeseitigungsanstalt zu melden. Diese holt die Kadaver ab.
Insekten (Mückenplage): Heimische Stechmücken übertragen in der Regel keine gefährlichen Infektionskrankheiten. Dennoch können ihre Stiche zu lokalen Entzündungsreaktionen führen. Die Entwicklungszeit der Stechmücken beträgt bei sommerlichen Temperaturen nur zwei Wochen. Kommunen und Haushalte können einer starken Vermehrung der Mückenpopulationen durch weiträumiges Trockenlegen der Brutstätten – also stehenden Gewässern aller Art – vorbeugen. Hierbei ist zu beachten, dass manche Mückenarten ihre Eier auf sehr kleinen Wasserflächen ablegen: Pfützen, Regentonnen, Blumentöpfe, verstopfte Regenrinnen, Blechbüchsen, Autoreifen und Plastikgefäße sind ein ideales Brutfeld und sollten ausgetrocknet werden.
Der großflächige Einsatz von Insektiziden ist aus ökologischen Gründen nicht gerechtfertigt.
Zu den wichtigsten Schutzmaßnahmen gehört es, den Zuflug der Mücken in die Wohnungen mittels Mückengittern oder Moskitonetzen zu verhindern. Die Wirkung der Gitter kann durch Behandlung mit einem Kontaktinsektizid und/oder Insekten abwehrenden Mitteln verbessert werden. Im Wohn- und Schlafbereich sollten Insektensprays und Verdampfer nur im Notfall zur Mückenabwehr verwendet werden.
Zu den persönlichen Schutzmaßnahmen gehört das Tragen von körperbedeckender Bekleidung (langärmelige Oberteile, lange Hosen und Strümpfe) sowie der Gebrauch von Insekten abwehrenden Mitteln in Form von Lotions, Cremes oder Sprays. Kinder und Säuglinge sollten weder mit chemischen noch mit ätherischen Mückenabwehrmitteln eingerieben werden. Bei ihnen empfiehlt es sich, das Abwehrmittel auf die Kleidung zu tropfen.
Erweiterte Surveillance: Ärzte sollten die bestehenden Meldepflichten beachten (spezielle Durchfallerkrankungen, Hepatitis A, Erkrankungshäufungen). Bei unklaren Krankheitserscheinungen bitte Kontakt mit dem Gesundheitsamt aufnehmen. Bei Durchfallerkrankungen ist in dieser Situation eine mikrobiologische Untersuchung des Stuhls zur Klärung der Ätiologie indiziert. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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