ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Disease Management: Krankenhäuser wollen nicht abseits stehen

POLITIK

Disease Management: Krankenhäuser wollen nicht abseits stehen

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2293 / B-1957 / C-1840

Gerst, Thomas

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LNSLNS Das „Gesundheitspolitische Forum Hessen 2002“ befasste sich
mit der Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit strukturierter Behandlungsprogramme.

Bei der Durchführung von Disease-Management-Programmen (DMP) sollte „kompetenten“ Krankenhäusern ein höherer Stellenwert als bisher zukommen. Insbesondere die Koordination innerhalb der DMP-Versorgungskette, bei der eine Zersplitterung der Leistung durch unterschiedliche Therapieziele, Leitlinien oder Managementvorgaben vermieden werden müsse, stelle eine genuine Funktion der Krankenhäuser dar. Es sei eine absolute Fehlentwicklung, wenn DMP unter Ausklammerung insbesondere universitärer Einrichtungen ins Leben gerufen werden, kritisierte Prof. Dr. med. Hansjosef Böhles, Direktor der Klinik für Kinderheilkunde an der Universität Frankfurt, beim „Gesundheitspolitischen Forum Hessen 2002“ zum Thema „Disease Management – Anspruch und Realität/Sicherstellungsauftrag quo vadis?“. Als mögliche Aufgaben, die ein „kompetentes“ Krankenhaus innerhalb solcher strukturierten Behandlungsprogramme übernehmen könnte, nannte Böhles:
c Schulung von mit dem Krankenhaus vernetzten Ärzten; der dadurch qualifizierte Hausarzt übernimmt die kontinuierliche Behandlung;
c Sicherstellung der Diagnostik und weiterführender Behandlungsmaßnahmen;
c Erkennen von Fehlentwicklungen;
c Ausweitung des Kompetenzspektrums infolge der im Krankenhaus verfügbaren Vielzahl an Fachdisziplinen;
c Zusammenführung und wissenschaftliche Auswertung der Patientendaten an Universitätskliniken.
Nach dem bisherigen Verlauf der Diskussionen und Verhandlungen zu DMP werde es jedoch schwierig sein, „die Krankenhäuser mit ihrer Leistungskraft in den DMP angemessen zu platzieren“, urteilte Manfred Kallenbach, Vorsitzender des Fachausschusses für Integrierte Versorgungsformen des Vorstands der Hessischen Krankenhausgesellschaft. Von den Krankenkassen seien die Krankenhausgesellschaften bisher nicht als möglicher Vertragspartner bei DMP wahrgenommen worden. Die diagnosespezifischen Anforderungen bei den bereits vorliegenden DMP Diabetes mellitus Typ 2 und Brustkrebs würden sich fast ausschließlich auf den ambulanten Bereich beziehen. Kallenbach betonte die Bereitschaft der Hessischen Krankenhausgesellschaft, an der Erstellung von DMP inhaltlich und organisatorisch mitzuwirken und so zusätzlich erreichbare Mittel für die Krankenhäuser zu erschließen.
Mögliche Fehlanreize
Auch Gerhard Schulte, Vorstandsvorsitzender des BKK-Landesverbands Bayern, beklagte, dass wegen der engen Zeitvorgaben bei der DMP-Realisierung zunächst der ambulante Bereich – mit der Möglichkeit kurzfristig umsetzbarer Verträge – im Vordergrund gestanden habe. Eine sektorenübergreifende Optimierung der medizinischen Versorgung habe tendenziell für eine Krankenkasse weniger Priorität als die flächendeckende Einschreibung in ein DMP, von der die Ausgleichszahlungen aus dem RSA abhängen. Zeitdruck und Regelungstiefe der rechtlichen Vorgaben zur Durchführung der strukturierten Behandlungsprogramme würden einheitliche oder gemeinsame Verträge der Krankenkassen mit den Leistungserbringern zur Folge haben. Eine Krankenkasse mit anderen Zielvorstellungen risikiere einen erheblichen Verlust wegen ausbleibender RSA-Zahlungen.
Schulte wies auf weitere mögliche Fehlanreize infolge der Verknüpfung der DMP mit dem RSA hin:
c die falsche Klassifizierung von Versicherten in DMP;
c die Verzögerung der Heilung einer DMP-Krankheit, da diese mit dem Ausschluss aus dem DMP verbunden sei; der Versicherte werde insgesamt in eine Krankenrolle gedrängt;
c die Vernachlässigung von Krankheiten, die nicht in DMP berücksichtigt werden;
c die Vernachlässigung der Krankheitsprävention bei DMP-Indikation.
Der zuletzt genannte Aspekt wurde auch von Böhles ausführlich erörtert. Bei der Auswahl der Erkrankungen im Rahmen von DMP habe man sich an den häufigen und gesundheitsökonomisch relevantesten Enddiagnosen orientiert, ohne deren pathophysiologische Verknüpfung zu bedenken und systemverbessernd einzusetzen. Diese Fokussierung auf Enderkrankungszustände führe zu einem Abfluss der Finanzmittel – weg von einer präventiv geprägten Medizin hin zu einer traditionellen Pharmakotherapie fortgeschrittener Erkrankungen. So sei etwa Diabetes mellitus Typ 2 oftmals die Folge einer Adipositas, die frühzeitig im Rahmen eines ambulant-stationären Überwachungsnetzwerks als Einstiegssymptom erkennbar sei. Im Zusammenhang mit dem DMP hätte es nur einer geringen, an der Pathophysiologie orientierten Kurskorrektur bedurft, um seit langem bekannte präventivmedizinische Gedanken zu realisieren. Thomas Gerst
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