ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Gesundheitsreform: Widersprüche

POLITIK: Kommentar

Gesundheitsreform: Widersprüche

Clade, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Mit einem Positionspapier zur Gesundheitsreform hat sich auch die Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen zu Wort gemeldet. Darin wird Althergebrachtes und Traditionelles der Krankenkassenreformpolitik repetiert. Die „Wahlprüfsteine“ passen allerdings oftmals nicht zueinander.
Einerseits plädieren die Krankenkassen für „durchgreifende, grundsätzliche“ Strukturreformen im Gesundheitswesen. Mit nur punktuell wirkenden Einzelmaßnahmen und palliativen Änderungen am Bestehenden wollen sie sich dieses Mal nicht abfinden. Andererseits wollen die Krankenkassen möglichst vieles beim Alten lassen. Einen grundsätzlichen Systemwechsel wollen sie nicht wagen. Es soll bei der solidarischen Finanzierung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung aus Versicherten- und Arbeitgeberbeiträgen bleiben. Ein voller Versicherungsschutz im Krankheitsfall nach dem Umlagefinanzierungsverfahren bei Beibehaltung eines durchgängigen Sachleistungsprinzips soll auch künftig gewährleistet bleiben. Die Krankenkassen wollen den Einzelnen in die individuelle Verantwortung für die eigene Gesundheit stärker einbinden. Wie dies geschehen soll, bleibt allerdings unklar. Um dem Patienten „selbstbestimmte Auswahlentscheidungen zu ermöglichen“, müsse es künftig den Krankenkassen erlaubt sein, über konkrete Leistungen und Leistungserbringer zu informieren und Empfehlungen auszusprechen. Was die Krankenkassen damit meinen, wird klargelegt: Die Kassen wollen ihre Versicherten künftig auch über die „Qualität“ der Leistungserbringer informieren. Über vorgegebene Versorgungsziele sollten festgestellte Über-, Unter- und Fehlversorgung nicht mehr mit den Kollektivbeiträgen der Kassenmitglieder finanziert werden. Die im internationalen Vergleich angeblich bestehenden „erheblichen Qualitätsdefizite“, vor allem bei der Versorgung chronisch Kranker, müssten schleunigst beseitigt und die Produktivität der Leistungserbringer über einen verschärften Wettbewerb gesteigert werden.
In den Dienst einer „stärkeren Versicherten- und Patientenorientierung“ sollen auch die Möglichkeiten eines „solidarischen Wettbewerbs“ gestellt werden. Die Devise: Weg mit den kollektiven Vertragsstrukturen und Vertragsmonopolen der Anbieter! Verstärkt sollen deshalb flexible Versorgungs- und Vergütungsformen zum Zuge kommen, neben und außerhalb der kollektivvertraglichen Sicherstellung durch die Kassenärztlichen Vereinigungen. Das Heil sehen die Krankenkassen in einer überwiegend erfolgsorientierten Honorierung und
einer Belohnung Kosten sparender Struktureffekte statt einer Bezahlung nach dem Aufwand erbrachter Leistungen (EBM). Qualitätsgesicherte medizinische Leitlinien, die auch die Bedarfs- und Wirtschaftlichkeitskomponente mit einbeziehen, seien das Mittel der Wahl, um die Krankenkassenfinanzen zu stabilisieren und die Leistungen zielgenauer, indikationsgerecht und kostenbewusst zu erbringen. Mal sehen, was von diesem fülligen Wunschkatalog nach der Bundestagswahl übrig bleibt. Dr. rer. pol. Harald Clade
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema