ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Krebsregister – Nutzen-Schaden-Abwägung: Von Sack und Esel

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Krebsregister – Nutzen-Schaden-Abwägung: Von Sack und Esel

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2319 / B-1981 / C-1864

Jöckel, K.-H.; Stang, A.

zu dem Kommentar von Dr. med. Günter Link in Heft 15/2002
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LNSLNS In seinem Kommentar thematisiert Dr. Link die möglichen negativen, psychologischen und (psycho-)somatischen Folgen einer intensiven onkologischen Nachsorge. Es mag dahingestellt sein, ob es tatsächlich, wie von ihm vermutet, zu einer Traumatisierung durch eine sich wiederholende Einbestellung mit der damit verbundenen Rückerinnerung an die Zeit der schweren Erkrankung kommt. Richtig aber ist, dass so genannte Nachsorgeprogramme nicht oder nur unzureichend wissenschaftlich evaluiert sind. In einer Zeit, in der Evidence based Medicine (EbM) viele Bereiche der kurativen Medizin durchdringt, ein sicherlich bedenklicher Tatbestand! Diesen Esel zu schlagen hätte verdienstvoll sein können, stattdessen aber auf die bevölkerungsbezogenen Krebsregister als Sack einzuschlagen, erweist sich als Bärendienst am onkologischen Patienten, dessen Wohl Dr. Link doch so am Herzen liegt! Und dieses gleich aus mehreren Gründen:
« Wenn nicht mithilfe von Krebsregistern, wie dann wollen wir den realen Nutzen neuer Früherkennungsprogramme oder Therapien auf Bevölkerungsebene bewerten?
¬ Auf welche Weise sollten wir anders als durch Krebsregister zeitliche oder regionale Disparitäten der Neuerkrankungsrate an Krebserkrankungen entdecken, um darauf präventive und/oder therapeutische Konsequenzen quantitativ und qualitativ adäquat planen zu können?
Aber nicht nur, dass Dr. Link den Sack statt des Esels schlägt, er schlägt auch einen Sack, den der Esel gar nicht trägt. Das von ihm zitierte Bundeskrebsregistergesetz von 1995, das übrigens Ende 1999 ausgelaufen ist, aber auch andere landesbezogene Krebsregistergesetze haben nichts mit Nachsorgeprogrammen zu tun. Sie dienen lediglich der Bereitstellung verlässlicher quantitativer Information über das Krebsgeschehen auf Bevölkerungsebene. Dabei sind durchaus Verfahren entwickelt worden, die den onkologischen Patienten kaum oder gar nicht belasten (Frage des Einverständnisses). Solche bevölkerungsbezogene Krebsregister haben, anders als Dr. Link vermutet, sowohl national als auch international unschätzbare Informationen über das Krebsgeschehen bereitgestellt.
Aus dem bloßen Führen eines Krebsregisters in einem Land darf sicherlich nicht geschlossen werden, dass die Heilungsergebnisse dieses Landes besser seien als die eines Landes, das nicht über ein Krebsregister verfügt. Um die Qualität der Heilungsergebnisse zwischen Ländern beurteilen zu können, bedürfte es aber gerade der Existenz von Krebsregistern in beiden Ländern. In diesem Sinne ist der Vergleich der ehemaligen DDR und der alten Bundesländer grob irreführend, da für Letztere keine flächendeckende oder zumindest repräsentative Aussage über Heilungserfolge möglich ist. Insofern lässt die fehlende adäquate Krebsregistrierung in den drei von Dr. Link genannten Bundesländern auch nicht auf besondere gesundheitspolitische Klugheit schließen, sondern macht ein Defizit deutlich, das möglichst bald behoben werden sollte.
Aber zurück zum Esel: Leider schlägt Dr. Link nicht nur den falschen Sack, sondern auch den falschen Esel! Aus den vorgetragenen Bedenken über den Nutzen beziehungsweise die Risiken von Nachsorgeprogrammen kann und darf nicht gefolgert werden, dass dieser Nutzen nicht besteht oder die Risiken tatsächlich vorhanden sind. Vielmehr ist zu fordern, dass solche Programme einer strengen wissenschaftlichen Evaluation unterzogen werden, bei denen der Sack, pardon, bevölkerungsbezogene Krebsregister eine wichtige Rolle spielen müssten.
Prof. Dr. rer. nat. K.-H. Jöckel, Dr. med. A. Stang, MPH, Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Universitätsklinikum Essen, Hufelandstraße 55, 45122 Essen
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