ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Krebsregister – Nutzen-Schaden-Abwägung: Harmonisierung dringend notwendig

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Krebsregister – Nutzen-Schaden-Abwägung: Harmonisierung dringend notwendig

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2320 / B-2009 / C-1866

Katalinic, Alexander

zu dem Kommentar von Dr. med. Günter Link in Heft 15/2002
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LNSLNS . . . Die Gedanken von Dr. Link zur Tumornachsorge selbst mit den Hinweisen auf die Gefahr einer Stigmatisierung der Patienten und einer eventuell negativen psychologischen oder pyschosomatischen Auswirkung solcher Programme sind möglicherweise auch im Hinblick auf die zahlreich entstehenden Disease-Management-Programme im Bereich der Onkologie hilfreich.
Zu den kritischen Gedanken zur Krebsregistrierung gibt es jedoch einige Anmerkungen. Die Frage, ob Krebsregister wirklich einen Beitrag zur Beurteilung von Prävention und Therapie liefern können, ist durchweg zu bejahen. Krebsregister haben nicht nur die Aufgabe, Inzidenz und Mortalität verschiedener Krebserkrankungen vollzählig zu erfassen, sondern auch epidemiologische Daten für Wissenschaft und Gesundheitsberichterstattung zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus sind epidemiologische Krebsregister in der Lage, regionale, kleinräumige Analysen versorgungsrelevanter Variablen durchzuführen. Beispielhaft sei hier die in unserem Krebsregister (Schleswig-Holstein) durchgeführte Analyse von Tumorstadien beim Mammakarzinom zum Zeitpunkt der Diagnose auf Ebene der Kreise zu nennen. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede in der regionalen Stadienverteilung, die eventuell auf eine unterschiedliche Versorgungssituation im Rahmen der Prävention zurückzuführen sein könnten. Dies war für uns mit Anlass, eine genauere Untersuchung, selbstverständlich unter Berücksichtigung von Lebensqualität und Patientenzufriedenheit, zu initiieren. Aber auch die Beurteilung von Tumortherapie und Nachsorge kann durch die regionale Analyse von Überlebenszeiten unterstützt werden. Somit können Krebsregister zur Überprüfung der in § 70 des SGB V geforderten gleichmäßigen medizinischen Versorgung beitragen.
Dem Autor erscheint der Begriff „Krebsregister“ mehr als „schreckensbehaftet“, „viel mehr inkludiert mit der Vorstellung von Bürokratisierung“. Dies trifft sicher nicht auf die aktuelle Situation der Krebsregister in Deutschland zu. Krebsregister haben sich vielmehr zu modernen „Dienstleistungszentren“ für Wissenschaft, Gesundheitsberichterstattung und Bürger entwickelt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist zu nennen, dass die meisten Krebsregister eine wissenschaftlich-universitäre Anbindung gefunden haben, die eine über die blanke „statistische“ Nutzung gehende wissenschaftliche Nutzung der Daten gewährleistet.
Wesentliche und meines Erachtens erwähnenswerte Kritikpunkte an der Krebsregistrierung und an der geltenden Gesetzgebung in Deutschland fehlen im vorliegenden Kommentar leider.
So gibt es in Deutschland keine einheitliche Krebsregistrierung, vielmehr existieren 15 Landeskrebsregister, die aufgrund der unterschiedlichen Landesgesetze und Datenschutzbestimmungen nach unterschiedlichen Modellen (Melderecht mit/ohne Einwilligung, Meldepflicht etc.) Krebserkrankungen erfassen. Auch der Austausch von Tumormeldungen von Bundesland zu Bundesland ist nur teilweise oder gar nicht möglich. Ob die nach unterschiedlichen Verfahren erhobenen Daten überhaupt vergleichbar sind, ist offen; eine intensive und kritische Diskussion über die gesetzliche und datenschutzrechtliche Harmonisierung der Krebsregistrierung in Deutschland ist daher dringend notwendig.
Dr. med. Alexander Katalinic, Krebsregister Schleswig-Holstein, Institut für Krebsepidemiologie e.V., Universität Lübeck, Beckergrube 43–47, 23552 Lübeck
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