ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Krebsregister – Nutzen-Schaden-Abwägung: Schlusswort

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Krebsregister – Nutzen-Schaden-Abwägung: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2321 / B-1982 / C-1766

Link, Günter

zu dem Kommentar von Dr. med. Günter Link in Heft 15/2002
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LNSLNS Zu danken ist zunächst allen, die sich zum Thema geäußert haben. Mit Erstaunen vermerke ich leider nicht selten bei Leserbriefen eine überzogene Angriffslust, die wenig zur Sachlichkeit beiträgt. Unzureichende wissenschaftliche Evaluierung engt den Sinn eines Registers sicher ein. Ich denke hier an den Missbrauch des Begriffs der Wertheimschen Operation in der Gynäkologie. Aber auch Herr Jöckel spricht wie Herr Betzler nur von präventiven und/oder therapeutischen Konsequenzen, ohne zu sagen, wie diese realisierbar sind. Was wird mit den bereitgestellten, nicht selten sich widersprechenden Informationen über Krebsursachen erreicht? Hat sich trotz „auch international unschätzbarer Informationen“ am Krebsgeschehen Entscheidendes verändert? Ist vom Lokalisationswechsel abgesehen bis heute trotz jahrzehntelanger Forschung ein Rückgang der Krebserkrankung erkennbar?
Es besteht kein Zweifel, dass statistische Erhebungen für wissenschaftliche Untersuchungen unerlässlich sind. Allerdings schließt sich die Frage nach Zeitdauer solcher Erhebung und Umfang an. Ich möchte als Patient, der ein Karzinom durchgemacht hat, nicht in ein entsprechendes „Dienstleistungszentrum“, eventuell gar lebenslang, wovon Kalinic spricht, eingebunden werden. Ich stimme allerdings seiner Kritik zu, dass es in Deutschland keine einheitliche Krebsregistrierung gibt. – Eine weitere Problematik besteht in der „Eingleisigkeit“ eines Inzidenzregisters, wie am klarsten Wünsch et al. den Sinn des diskutierten Registers umreißen, wonach sich der Schwerpunkt auf die epidemiologische Erforschung der Krebskrankheiten begrenzt.
Altmann sieht es sicher richtig, dass ein bevölkerungsbezogenes und ein klinisches Krebsregister integriert werden müssten, um zu schlüssigeren Aussagen zu kommen. Das versucht nun das bayrische Register zu realisieren, wie aus den Ausführungsbestimmungen, veröffentlicht im Bayerisches Ärzteblatt 10/2001, hervorgeht: „Mit der Kombination von klinischen und epidemiologischen Registern ist eine adäquate regionale Struktur auf Landesebene geschaffen worden.“ Und: „Zwei Ziele der Krebsregistrierung sind herauszustellen:
« Die datenschutzgerechte Zusammenführung der Daten der klinischen Krebsregister (regionale Tumorzentren) im bevölkerungsbezogenen Krebsregister.
¬ Auf der Ebene der klinischen Krebsregister stellt sich die Aufgabe, die Versorgung der Patienten durch Analysen zu unterstützen.“
So ergibt sich als Resümee, dass das bevölkerungsbezogene Krebsregister ein eng umschriebenes Aussagespektrum besitzt und länderbezogene Uneinheitlichkeiten sachlich unsinnig (kein Schimpfwort!) sind. Demgegenüber stellen sich die bayrischen Bemühungen, epidemiologisches und klinisches Register zu integrieren, sinnvoller dar, drohen aber – staatlich installiert bei Freiwilligkeit – infolge der damit verbundenen Bürokratisierung zu einer Gängelung für alle darin Involvierten zu werden, wie wir es in unserem Behördenstaat hinreichend erleben dürfen. Auf diesen zitierten Ausführungsbestimmungen fußen weiterhin meine kritischen Gedanken und Fragen. Welche Risiken auch bezüglich Datenschutz damit verbunden sein können, lässt sich in dem Buch „Die wehrlose Gesellschaft“ von V. Packard leicht nachlesen. Nach dem Sinn des Registers lässt mich aber weiterhin fragen. Bis heute fehlt eine akademische Antwort auf den Heidelberger „Krebsatlas“. Und welchen Sinn macht ein Inzidenzregister insbesondere in Deutschland, wenn von unseren Politikern – egal ob rot oder schwarz – in der Tabakfrage sogar die europäische Gesundheitspolitik blockiert und damit jede wissenschaftliche Erkenntnis sabotiert wird? Oder was soll ein Inzidenzregister, wenn unverändert unsere Nahrung regulär mit Pestiziden kontaminiert werden darf? Was bringen die jahrelang sich hinziehenden kontroversen Diskussionen hinsichtlich Fluch oder Segen einer Hormontherapie? Und zuletzt, was haben dann die früheren Krebsregister für einen Sinn gehabt?
Dr. Günter Link, Auf der Halde 13, 87439 Kempten
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