ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Desinfektion: Präventive Bedeutung nicht infrage stellen

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Desinfektion: Präventive Bedeutung nicht infrage stellen

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2322 / B-1984 / C-1867

Kramer, A.

Zu dem Beitrag „Flächendesinfek-tion im Krankenhaus: Eine unverantwortliche Verschwendung“ von Prof. Dr. Walter Marget in Heft 18/2002:
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LNSLNS Kurz vor Abschluss der Arbeit der RKI-Kommission Krankenhaushygiene und Infektionsverhütung an den Empfehlungen zur Flächenreinigung/-desinfektion halten wir eine fachliche Stellungnahme zu den in polemischer Form getroffenen nachweisbar falschen Aussagen in dem Artikel von Marget für kontraproduktiv und wollten daher nicht reagieren. Da jedoch der Vorstand der DGKH mit einer Fülle von Anfragen konfrontiert wurde, wird uns leider eine Antwort aufgenötigt.
Marget geht nicht darauf ein, dass die Aussage falsch ist, dass die Desinfektion gegenüber der Reinigung von Flächen unverantwortlich höhere Kosten verursacht. Hierzu ist seit längerem bekannt, dass weit mehr als 90 % der Kosten für die Hausreinigung durch die Personalkosten bedingt sind, wobei eine desinfizierende Reinigung keinen wesentlich höheren Aufwand erfordert als die Reinigung allein. Die geringen Mehrkosten stehen in keinem Verhältnis zu den Kosten u. U. nur einer zusätzlich auftretenden nosokomialen Infektion. Darauf hat bereits der von Marget als renommierter deutscher Hygieniker zitierte Borneff in seinem Leitfaden der Hygiene für Studenten und Ärzte 1982 ausdrücklich hingewiesen. Wenn schon eine Aussage von Borneff auf einem Workshop aus dem Jahre 1977 zur Ablehnung der Flächendesinfektion herangezogen wird, hätten korrekterweise auch die hierzu von ihm fünf Jahre später in dem genannten Leitfaden getroffenen Aussagen zitiert werden müssen: „Die Flächendesinfektion ist ein Glied in der Abwehrkette von Hospitalinfektionen, sie sollte unter Berücksichtigung der epidemiologischen Situation weder unter- noch überbewertet werden. Entscheidend sind nicht die Bakterienzahlen, sondern die Keimarten. Die Fußbodenreinigung ohne Desinfektion birgt die Gefahr in sich, dass vorzugsweise gramnegative Bakterien durch das Wischwasser verbreitet werden, das bis zu Millionen/ml enthalten kann.“ Und an anderer Stelle wird fortgesetzt: „Die Notwendigkeit der Desinfektion von Flächen an Geräten und Einrichtungsgegenständen wird nicht bezweifelt. Es sei aber ausdrücklich erwähnt, dass Decken und Wände sowie andere senkrechte Flächen weitaus geringer als Fußböden kontaminiert sind (ca. 1/100) und einer Desinfektion nur bei direkter Anschmutzung bedürfen.“
Wenn entschieden wird, dass eine Flächendesinfektion notwendig oder sinnvoll ist, ist eine Grundanforderung an die Präparate, dass eine gesicherte antimikrobielle Wirksamkeit belegt werden muss. Desinfektionsverfahren unterscheiden sich zum Teil erheblich in dem von ihnen erfassten Erregerspektrum und in den dazu notwendigen Konzentrations- und Zeitrelationen. Verlässliche Daten über die Wirksamkeit von Desinfektionsverfahren werden durch unabhängige Prüfungen nach standardisierten Testbedingungen erstellt (Koch 1981, Spicher and Peters 1988, Standardmethoden der DGHM zur Prüfung chemischer Desinfektionsverfahren 2002 und Anforderungskatalog für die Aufnahme von chemischen Desinfektionsverfahren in die Desinfektionsmittel-Liste der DGHM 2002, europäische Normen). Auf diesen Grundlagen erfolgt die Listung für folgende Bereiche:
c prophylaktische Desinfektion in medizinischen Einrichtungen (DGHM-Liste)
c behördlich angeordnete Desinfektion (RKI-Liste, jeweils neueste Version www.rki.de)
c Liste von chemischen Desinfektionsverfahren im Lebensmittelbereich der Deutschen veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG).
Die Kosten für die Gutachten und Listung sind durchaus unterschiedlich, stehen aber in keinem Verhältnis zum Prüfaufwand für Antibiotika. Im Gegensatz zu den Äußerungen von Marget zeugt es von großem Veranwortungsgefühl für Patienten und Personal, wenn in einem Land im Wesentlichen nur die Präparate verwendet werden, die firmenunabhängig entsprechend europäischer Prüfstandards auf antimikrobielle Wirksamkeit geprüft werden.
Nicht zuletzt in Hinblick auf die in der aktuellen Draft „Guideline for Disinfection and Sterilization in Healthcare Facilities“ der HICPAC (http://www.cd.gov/ncidod/hip/dsguie/dsguide.pdf) erfolgten Neubewertung der Flächendesinfektion wäre es zum jetzigen Zeitpunkt unverantwortlich, die präventive Bedeutung der Flächendesinfektion infrage zu stellen, und dies erkennbar mit einer emotionalen Zielsetzung.
Prof. Dr. med. A. Kramer, Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Hainstraße 26, 17493 Greifswald
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