ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Desinfektion: Starke Zweifel

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Desinfektion: Starke Zweifel

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2323 / B-1984 / C-1768

Posevec

Zu dem Beitrag „Flächendesinfek-tion im Krankenhaus: Eine unverantwortliche Verschwendung“ von Prof. Dr. Walter Marget in Heft 18/2002:
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LNSLNS Bereits 1970 versuchte sich die industrielle Reinigung in Krankenhäusern als Fremdreinigung durchzusetzen. Vor dieser Zeitspanne hat es in den Kliniken keine Erfahrung mit der industriellen Reinigung gegeben und somit auch kein Vertrauen. Die Industrie sah zum damaligen Zeitpunkt einen großen wirtschaftlichen Vorteil auf sich zukommen und versuchte von 1976 bis 1985 den Krankenhäusern eine Qualitätsreinigung anzubieten. Das Reinigungspersonal wurde vor Beginn dieser Reinigung geschult und außerdem vor der Einstellung in den Betrieb betriebsärztlich untersucht. Die Desinfektionsmittel wurden von der Industrie in der Dosierung eingesetzt, dass eine völlige Keimabtötung gewährleistet war. In dieser besagten Zeit wurde mit verschiedenen Laboratorien in dieser Richtung zusammengearbeitet. So wurden drei- bis viermal jährlich Abklatschuntersuchungen in Krankenhäusern durchgeführt. Pro Station wurden mindestens 10 Abklatsche durch Fachpersonal aus Hygieneinstituten entnommen.
Unser Institut überwachte den Hygienestatus in 350 bis 400 Krankenhäusern in Deutschland und führte jährlich 250 000 bis 280 000 Abklatsche durch. Das bakteriologische Resultat dieser Untersuchungen war: durchschnittlich 92 % bis 95 %
negative Abdruckkulturen.
Die eingesetzten Wischer wurden bei 95 °C gewaschen, und somit bestand keine Gefahr für eine Übertragung der Bakterien von einem in den anderen Raum. So wurde die industrielle Reinigung damals eingeführt. Die Industrie hatte dadurch zu 90 % die Reinigung in Krankenhäusern übernommen. Außerdem war diese Art der Reinigung billiger als durch das hauseigene Personal und zusätzlich noch qualitativer.
Ab 1985 begannen bereits die ersten Probleme mit der industriellen Flächenreinigung. Es wurden ab dieser Zeit keine erforderlichen bakteriologischen Überwachungsuntersuchungen mehr vorgenommen und auch keine regelmäßigen Reinigungspersonaluntersuchungen. Für ein Krankenhaus mit 400 Betten wurden nur noch maximal 20 Abklatsche von Laien und nicht mehr von medizinisch ausgebildetem Personal durchgeführt. Die Desinfektionsmittel wurden nur noch als „Augenwischerei“ in zu niedriger Dosierung eingesetzt, und somit kam es zu der heutigen Resistenzbildung. Außerdem wurden die Wischer nur noch mit zu niedriger Waschtemperatur gewaschen. Somit wurden die Qualitätsreinigung und Überwachung durch die Industrie von Jahr zu Jahr schlechter und zusätzlich noch teurer. In der jetzigen Zeit hat die industrielle Reinigung zu 90 % in der Leistungsfähigkeit versagt und ist im Endeffekt dreimal
teurer als früher durch das hauseigene Personal.
Im Jahr 2001 hat unser Institut einen Versuch in elf Krankenhäusern durchgeführt, welche mit eigenem Personal reinigten, und 7 860 Abklatsche entnommen. Resultat: 7 309 Abklatsche (92,99 %) negative Abdruckkulturen. Die Flächenreinigung wurde bei den vorgenannten Untersuchungen mit hauseigenem Personal fünfmal wöchentlich nur mit warmem Wasser – ohne Desinfektionsmittel – und einmal wöchentlich mit Schmierseife durchgeführt. Für jedes Krankenzimmer wurden bakteriologisch einwandfreie Aufnehmer verwendet. Die Reinigungsflächen waren durch die Anwendung dieser Methode optisch sauber.
Es bestehen daher starke Zweifel, ob eine industrielle Reinigung in Kliniken überhaupt noch durch die gegebenen Umstände durchgeführt werden soll.
Dr. Posevec, Institut für Krankenhaushygiene, Mikrobiologie, Arbeitsmedizin und Strahlenschutz, Mercatorstraße 96–98, 47051 Duisburg
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