ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Homöopathie: Denktradition außer Kraft gesetzt

BRIEFE

Homöopathie: Denktradition außer Kraft gesetzt

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2324 / B-1986 / C-1868

Stöhr, Manfred

Zu den Leserbriefen in Heft 18/2002, die sich auf den Beitrag „Verständnis in Bildern“ von Dr. med. Susanne Thor in Heft 9/2002 bezogen:
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LNSLNS Die lebhafte Diskussion über ein anachronistisch anmutendes Heilverfahren, dessen Wirksamkeit auch nach mehr als 200-jährigem Einsatz unbewiesen blieb, ist ausge-sprochen verwunderlich. Die Beliebtheit der Homöopathie bei den Patienten beruht wohl auf ihrer Verwechslung mit Naturheilverfahren, mit denen sie allerdings nicht das Geringste zu tun hat. Zwar kommen Stoffe wie Schwefel, Quecksilber, Blei und Schlangengifte durchaus in der Natur vor, sind aber schwerlich das, was sich alternativ eingestellte Patienten erwarten; vielmehr trägt die Verabreichung solcher Substanzen in Niederpotenzen zur ohnehin verbreiteten Schadstoffbelastung bei, was bislang nur die Stiftung Warentest zu beunruhigen scheint.
Die beiden Grundprinzipien der Homöopathie – das Simile- und das Verdünnungs-prinzip – sind bereits im gedanklichen Ansatz nicht nachvollziehbar. Schon dem medizinisch nicht geschulten Verstand eines Laien dürfte es schwer fallen, seinen erhöhten Blutzucker mit einer Blutzucker-steigernden Substanz behandeln zu lassen, wie es die Ähnlichkeitsregel erfordert, und dass eine Arznei durch extreme Verdünnung (psychologisch geschickt als „Potenzierung“ und „Dynamisierung“ verbrämt) wirksamer werden soll, ist nur einem Liebhaber von Paradoxien klar zu machen und setzt eine zweieinhalbtausendjährige abendländische Denktradition außer Kraft. Außerdem gibt es „die Homöopathie“ gar nicht, sondern lediglich diverse, sich gegenseitig Unwirksamkeit vorwerfende homöopathische Schulen sowie viele Polypragmatiker, die je nach Erwartungshaltung ihrer Patienten eine bunte Mischung aus Homöopathie, Naturheilverfahren, Akupunktur und Schulmedizin anbieten.
Der Ansicht von Herrn Dr. Dogs, den Placebo-Effekt einer homöopathischen Therapie auszunützen, kann man nur zustimmen, sollte sich aber bewusst sein, was man tut, und potenziell toxische Niederpotenzen vermeiden.
Während wir auf anderen medizinischen Gebieten den Amerikanern alles nachzumachen pflegen, ist dies in Bezug auf die Homöopathie nicht der Fall. In den USA wurde die letzte homöopathische Weiterbildungsstätte – das Hahnemann-College in Philadelphia – bereits 1950 geschlossen, und 1959 wurde die homöopathische Lehre endgültig aus dem Lehrplan für Medizinstudenten eliminiert. Warum diese hierzulande als besondere Therapierichtung anerkannt und von den Ärztekammern auch noch durch Zuerkennung einer entsprechenden Zusatzbezeichnung besonders gewürdigt wird, bleibt unklar – die Protektion der Homöopathie im Dritten Reich im Rahmen der „neuen deutschen Heilkunde“ dürfte ja wohl keine Rolle mehr spielen. Wie sich die seit Jahren laufenden Qualitätsoffensiven und die Protegierung der evidence based medicine mit der offiziellen Akzeptanz der Homöopathie vereinen lassen, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen.
Prof. Dr. med. Manfred Stöhr, Klinikum Augsburg, Neurologische Klinik, Postfach 10 19 20,
86009 Augsburg
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