ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Neue ärztliche Aufgaben bei Alkoholproblemen: Kein Prädiktor für Entzugskomplikationen

MEDIZIN: Diskussion

Neue ärztliche Aufgaben bei Alkoholproblemen: Kein Prädiktor für Entzugskomplikationen

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2349 / B-2003 / C-1885

Tretter, Felix

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Karl F. Mann in Heft 10/2002
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LNSLNS Dem Autor ist für den sehr konzisen Artikel zu danken, insofern die Versorgungslandschaft für Alkoholkranke gut dargestellt wird. Vor allem die komplizierte Finanzierungsrechtslage wird gut ersichtlich. Von zentraler Bedeutung ist der Hinweis auf die evidenzbasierte Notwendigkeit, in der Entgiftungsphase nicht nur Medikamente zur Stabilisierung zu verabreichen, sondern auch durch die motivierende Gesprächsführung eine „sprechende Medizin“ zu betreiben.
Zur Theorie des Entzugs, die darauf aufbaut, dass bei zunehmender Anzahl der Entzüge immer stärkere Entzüge folgen (Kindling-Mechanismus), ist allerdings zu erwähnen, dass nicht gut geklärt ist, ob auch bei medikamentös gestützten Entzügen eine zunehmende (Krampf-)Vulnerabilität entsteht. Das wäre zumindest klinisch nicht plausibel. Außerdem: Je mehr Entzüge stattfinden, desto länger muss auch jemand dem Alkohol exponiert (und damit geschädigt) sein. Kindling scheint darüber hinaus für Entzugsdelire keine ausreichende Erklärung zu bieten (3). Es gibt aus klinischer Sicht leider noch keinen validen Prädiktor für Entzugskomplikationen. Das Kindling-Konstrukt wird übrigens auch bei der Zyklothymie, der Schizophrenie und vor allem bei der Epilepsie als Erklärung für Vulnerabilitäten verwendet, ist also nicht suchtspezifisch. Aus therapeutischer Sicht ist ferner relevant, dass die psychophysiologische Destabilisierung noch mehrere Wochen nach dem Absetzen des Alkohols besteht (2) und damit eine besonders hohe Rückfallgefahr aus „Beruhigungsmotiven“ besteht (1). Daher ist die suffiziente Entzugsbehandlung nach solchen Parametern auszurichten und kann mehrere Wochen betragen.

Literatur
1. Fleischmann H et al.: Positionspapier der Leiter von Suchtabteilungen in bayerischen Bezirkskrankenhäusern zur Entzugsbehandlung von Alkoholkranken gem.
§ 63 der Empfehlungsvereinbarung vom 20. 11. 1978. Sucht 2001; 47: 446–451.
2. Heinz A, Rommelspacher H, Graef K-J, Kuerten I, Otto M, Baumgartner A: Hypothalamic-pituitary-gonadal axis, prolactin and cortisol in alcoholics during withdrawal and after three weeks of abstinence: comparison with healthy control subjects. Psychiatry Research 1995; 56: 81–95.
3. Wojnar M, Bizon Z, Wasilewski D: Assessment of the
role of kindling in the pathogenesis of alcohol withdrawal seizures and delirium tremens. Alcohol Clin Exp Res 1999; 23: 204–208.

Priv.-Doz. Dr. med. Dr. phil. Dr. rer. pol. Felix Tretter
Bezirkskrankenhaus
85529 Haar

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