ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Neue ärztliche Aufgaben bei Alkoholproblemen: Qualifizierter Alkoholentzug

MEDIZIN: Diskussion

Neue ärztliche Aufgaben bei Alkoholproblemen: Qualifizierter Alkoholentzug

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2349 / B-2003 / C-1885

Schwoon, Dirk R.; Poppele, Georg; Schulz, Petra

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Karl F. Mann in Heft 10/2002
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LNSLNS Wir möchten auf den qualifizierten Entzug (QE) in der Inneren Medizin aufmerksam machen, der sich seit 1996 in einem Hamburger Krankenhaus bewährt hat. Anlass zu diesem neuen Behandlungsangebot gab unter anderem die Analyse von Maylath und Seidel (1) über die Verteilung der häufigsten psychiatrischen Entlassungsdiagnosen der Hamburger Krankenhäuser. Danach stand die Diagnose der Alkoholkrankheit an sechster Stelle aller Entlassungsdiagnosen in der Inneren Medizin (Patienten mit kurzer Verweildauer eingeschlossen), bei der Altersgruppe 15 bis 65 Jahren sogar an zweiter Stelle. Bei dieser Altersgruppe stand Alkoholkrankheit an achter Stelle unter den Entlassungsdiagnosen aller Abteilungen.
Wie in dem Artikel von Prof. Mann bereits aufgeführt, belegen diese Untersuchungen den Stellenwert der somatischen Abteilungen in der Behandlung von Alkoholkranken. Der Großteil dieser Patienten erreicht die Behandlungsplätze in psychiatrischen Kliniken erst gar nicht (bisher nur sechs Prozent).
Pro Jahr werden circa 450 Patienten mit Alkoholkrankheit in unserer Abteilung aufgenommen (wiederholte Aufnahmen nicht berücksichtigt). Nicht alle nehmen das dreiwöchige Angebote des QE wahr. Es stehen 20 Betten – integriert in zwei Stationen einer 75-Betten-Abteilung – dafür zur Verfügung. Diese Patienten nehmen an einem strukturierten Wochenprogramm teil – ähnlich wie in psychiatrischen Abteilungen. Speziell für diese Arbeit wurden zwei Stellen für Suchttherapeuten geschaffen. Erweitert wird das Angebot durch externe Teamsupervision, verschiedene externe Selbsthilfegruppen und die Kooperation mit regionalen suchttherapeutischen Einrichtungen.
In einer Vergleichsstudie mit dem Klientel zweier psychiatrischer Kliniken (2) schnitten die Patienten der Inneren Medizin bei den Ergebnissen „Abstinenz“ und „Therapieantritt“ und „Besuch von Selbsthilfegruppen“ jeweils besser ab als die Psychiatriepatienten. Die Analyse der Krankheitsdaten ergab bei den Patienten der Inneren Medizin ein gerin-
ger ausgeprägtes Risikoprofil: Sie hatten weniger psychiatrische Komplikationen und ein tendenziell höheres Einstiegsalter. Ob es sich hier um Patienten in einem früheren Stadium der Erkrankung oder eine Subpopulation handelt, ließ sich nicht klären.
Angesichts dieser Ergebnisse und inzwischen auch der positiven persönlichen Erfahrungen mit dem QE in unserer Abteilung sollte der QE nicht auf psychiatrische Kliniken beschränkt bleiben. Zudem dürfte es an Kapazitäten in den psychiatrischen Kliniken fehlen, um den behandlungsbedürftigen Alkoholkranken flächendeckend und wohnortnah eine qualifizierte Alkoholentzugsbehandlung anzubieten.
Darüber hinaus ist die Akzeptanz einer internistischen stationären Behandlung sowohl beim einweisenden Arzt als auch beim Patienten häufig größer als die Einweisung in eine psychiatrische Klinik.
Es ist daher zu fordern, dass sich auch die Innere Medizin gemäß den Empfehlungen der Expertenkommission von 1988 für die qualifizierte Entzugsbehandlung einsetzt. Es ist uns wichtig zu betonen, dass es sich hierbei nicht um konkurrierende sondern um ergänzende, bisher viel zu selten realisierte Angebote im Behandlungsnetz für Alkoholabhängige handeln soll.
Vereinzelt besteht das Angebot der QE bereits auch in anderen internistischen Abteilungen. Ob diese innovati-
ven Behandlungsmöglichkeiten bestehen bleiben und ausgebaut werden können ist angesichts der kommenden DRG-Fallpauschalen fraglich.
Zu einer Interessengemeinschaft wurde von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin im Internisten in der Ausgabe 3/2002 und in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift in 8/2002 aufgerufen.

Literatur:
1. Dr. Maylath E, Seidel J: Analyse der psychiatrischen Krankenhausfälle in Hamburg 1988–1994: Entwicklungstrends Versorgungslücken und -perspektiven. Gesundheitswesen 1997; 59: 423–433.
2. Schwoon, DR, Schulz P, Höppner H: Qualifizierte Entzugsbehandlung für Alkoholkranke in der Inneren Medizin. Suchttherapie 2002; 3: 117–123.

Priv.-Doz. Dr. phil. Dirk R. Schwoon
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinik Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
E-Mail: schwoon@uke.uni-hamburg.de

Dr. med. Georg Poppele
Dr. med. Petra Schulz
Evangelisches Krankenhaus Alsterdorf
E-Mail: g.poppele@kv.alsterdorf.de
Bodelschwinghstraße 24
22337 Hamburg

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