ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Der ungewollte Gewichtsverlust – Diagnostik und Prognose: Washington hatte keinen Gewichtsverlust

MEDIZIN: Diskussion

Der ungewollte Gewichtsverlust – Diagnostik und Prognose: Washington hatte keinen Gewichtsverlust

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2350 / B-2004 / C-1886

Feldmann, Harald

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Paul Georg Lankisch in Heft 16/2002
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LNSLNS Zahnlosigkeit als Ursache für Gewichtsverlust spielte sicher früher eine große Rolle. George Washington (1732–1799) als Beispiel hierfür anzuführen, ist jedoch nicht ganz überzeugend, wenn man einerseits die Gebissprobleme betrachtet, unter denen er wie zahllose andere Zeitgenossen seines Alters zu leiden hatte, andererseits aber abwägt, welchen Einfluss sie auf seine Lebensführung und besonders sein Lebensende gehabt haben. Washington brauchte schon im Alter von 40 Jahren Gebiss-Teilprothesen, die er sich selbst mit Draht und einer Zange an den Restzähnen befestigen musste. Während seiner Amtsführung als erster Präsident der Union von 1787 bis 1797 hatte er schon vollständige Zahnprothesen für den Ober- und Unterkiefer. 1796 im Alter von 64 Jahren, ein Jahr vor Beendigung seiner zweiten Amtszeit als Präsident der Union, war ihm der letzte Backenzahn im Unterkiefer links entfernt worden, der bis dahin die Unterkieferprothese einigermaßen gehalten hatte.
Aus diesem Jahr stammt das im Artikel wiedergegebene Portrait von G. Stuart, auf dem Washington wahrscheinlich mit der neuen Prothese dargestellt ist. Sie war etwas zu klein geraten, so dass die Lippen und Wangen eingefallen erschienen; deshalb, und wohl nicht wegen Unterernährung, ließ der Maler sie mit Verbandmull unterpolstern. Die letzte von Washington getragene Prothese, von dem Zahnarzt John Greenwood angefertigt, wird heute im National Museum
of American History, Smithonian Institution, Washington, D. C., aufbewahrt. Sie besteht aus einer Gaumenplatte aus Gold, in die Zähne aus Elfenbein eingedübelt sind. Die Unterkieferprothese ist aus einer zusammenhängenden Elfenbeinplatte geschnitzt. Sie lag flach auf dem Alveolarkamm des Unterkiefers und konnte leicht hin und her rutschen. Ober- und Unterkieferprothesen wer-
den durch zwei kräftige Spiralfedern zusammengehalten, gleichzeitig aber auch „aufgeklappt“.
Die Prothese konnte nur als Ganzes eingesetzt oder herausgenommen werden. Der Träger musste durch ständige Muskelkraft beide Gebissteile zusammenpressen und mit den Lippen die Position der Prothesen stabilisieren. Das ist der Grund für den verkniffenen Gesichtsausdruck auf dem Portrait und die bekannte Scheu Washingtons, in der Öffentlichkeit Reden zu halten. Trotz der mit dem Zahnverlust verbundenen Probleme beim Essen gibt es keinen Anhalt dafür, dass Washington durch Gewichtsverlust wesentlich geschwächt worden wäre. Er hat sich 1797 auf seine Farm zurückgezogen und sich bei allgemein zufriedenstellender Gesundheit den dort anfallenden schweren Arbeiten gewidmet. Am 12. Dezember 1799 hatte er noch wie gewöhnlich fünf Stunden, von 10 bis 15 Uhr, zu Pferd im Sattel seine Farm besichtigt, geriet hierbei aber in ein heftiges Unwetter mit Regen und Schnee, so dass er durchnässt zurückkehrte. Am nächsten Tag verzichtete er wegen eines Schneesturms auf einen Ausritt, zeichnete aber noch am Nachmittag Bäume an, die demnächst gefällt werden sollten. In der Nacht vom 13. zum 14. Dezember stellte sich ein Schüttelfrost ein, er konnte nur mühsam sprechen und atmen und nichts mehr schlucken. Es handelte sich zweifellos um eine akute Laryngitis und Epiglottitis. Bevor der herbeigerufene Arzt kommen konnte, ließ sich Washington selbst von einem seiner Getreuen einen Aderlass machen. Auf Einspruch von Mrs. Washington wurde aber nur „half a pint“ (ca. 250 ml) abgenommen. Der Zustand verschlechterte sich laufend. Der bald danach eintreffende Hausarzt nahm sogleich einen ergiebigeren Aderlass vor. Dann erschienen zwei weitere herbeigerufene Ärzte. Nach intensiven Beratungen wurden Brechmittel und Abführmittel verabreicht und Blasenpflaster gesetzt, und es wurden im Abstand von wenigen Stunden noch einmal zwei Aderlässe vorgenommen; bei dem letzten kam das Blut „dick und langsam“.
Eine Tracheotomie wurde zwar erwogen, aber letztlich doch nicht durchgeführt. Noch am selben Abend des 14. Dezember zwischen 22 und 23 Uhr starb Washington. Die Atmung war zuletzt
etwas leichter geworden, er ist also nicht erstickt, sondern hatte offensichtlich nach vier Aderlässen innerhalb von acht Stunden mit einem Blutverlust von circa 1 500 mL ohne jegliche Flüssigkeitszufuhr einen Kreislaufkollaps erlitten, den der Körper nicht mehr kompensieren konnte. Eine allgemeine Schwächung durch ungenügende Nahrungsaufnahme wegen der Gebissprobleme stand wohl bei dem sonst kräftigen 67-Jährigen nicht im Vordergrund.
Prof. Dr. med. Harald Feldmann
Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Münster
Kardinal-von-Galen-Ring 10
48149 Münster

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