ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002New York in Film und Musik: Aggregatzustände von Zeit

VARIA: Feuilleton

New York in Film und Musik: Aggregatzustände von Zeit

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): A-2354 / B-2008 / C-1890

Bartholomäus, Elke

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Fotos: privat
Fotos: privat
Die junge Film-/Fotokünstlerin und Saxophonistin Sonia Bach stellt ihr Multimedia-Projekt „Zwischenzeitlich“ in Köln vor.

Als die Kölner Saxophonistin Sonia Bach im Herbst 1999 mit Saxophon und Super-8-Kamera im Gepäck nach New York aufbrach, hatte sie von dem filmischen Endprodukt so wenig eine konkrete Vorstellung wie vom Ziel ihrer Reise. Mit der Kamera erforschte sie den neuen Alltag, bis ein Konzept in ihr entstand. Was im September in Köln zu sehen sein wird, ist das Ergebnis dieser Spurensuche in der Fremde, die immer auch eine Suche nach sich selbst ist, denn „das Ende allen Erkundens wird sein, dass wir ankommen, wo wir aufbrachen, und diesen Ort zum ersten Mal erkennen“ (T. S. Eliot).
Bachs Funde sind vielfältig und mehrdeutig. Die großformatige Filmprojektion wird von zwei Dia-Projektionen umrahmt, sodass ein Triptychon-Charakter in
der Gesamtvorführung entsteht. Die 160 Dias sind synchron geschaltet und im Gegensatz zum mittig projizierten Farbfilm in Schwarz-Weiß gehalten. Als weiterer Verfremdungseffekt wurden sie im Cross-Over-Verfahren entwik-
kelt, das Licht zu Schatten verkehrt und aus dem Dia-Positiv ein Negativ macht. Durch solche Irritation sowie durch unübliche Aufsichten öffnet Bach den Blick für das Ungewöhnliche. Gegenstände und Situationen, an denen man im Alltag achtlos vorübergeht, werden fokussiert: ein Riss im Asphalt, ein Glanz auf dem See, architektonische Formen, eine Menschenmen-
ge. Bachs filmische Sicht gibt
einer entzauberten Welt ihr
Geheimnis zurück. Wenn ihr
Blick aufdeckt, was hinter dem alltäglichen Blick liegen könn-
te, so legt sich zugleich ein
neuer Schleier der Vieldeutigkeit darüber. Hier ist die assoziative Kreativität der Zu-
schauer angesprochen, die im
Zwischenraum der
möglichen Sichtweisen zum Schöpfer ihrer eigenen Realität werden.
Zur Bildebene kommt eine weitere, die musikalische Ebene hinzu. Ebenso wie die Rhyth-
misierung der synchronen Dia-Projektionen orientiert sich die Musik am Film, dem damit eine
zentrale Rolle zukommt. Komponiert wurde die Musik von der mehrfachen Kompositions-Preis-
trägerin Christina Fuchs („jazzart“ D/NRW, Julius Hemphill Composition Awards [USA] for Large Ensemble und andere). Sie bewegt sich stilistisch zwischen zeitgenössischem Jazz und improvisierter Musik.
Ein fünfköpfiges Ensemble begleitet das filmische Geschehen live: Sonia Bach (Tenor-, Sopransaxophon und Klarinette), Christina Fuchs (Tenor-, Alt- und Sopransaxophon, Bassklarinette und Flöte), Thomas Rückert (Klavier), Jens Düppe (Schlagzeug), Kees van Zomeren (Kontrabass). Die Musiker des Ensembles sind in der Kölner Musikszene etabliert und haben sich
auf internationalen Jazzfestivals sowie durch
Auftritte in Funk und Fernsehen einen Namen gemacht.
Auf der musikalischen Ebene wechseln auskomponierte Passagen mit Phasen freier Improvisation. Auf der visuellen Ebene entspricht dieser Gegensatz den unterschiedlichen Manipulationen der Zeitwahrnehmung. Bach bearbeitet
Anzeige
Zeit
wie ein Material, das gedehnt, verflüssigt oder verfestigt werden kann. Sie stellt den gefrorenen Moment neben Zeitraffer und Überblendung. Dabei
kontrastieren die harten Übergänge der Dia-Negative das Fließgleichgewicht der Film-
vorführung. Die Musik ant-
wortet entsprechend mit einer spannungsvollen und unvor-
hersehbaren Kombination aus Rhythmik und Getragenheit.
Durch Phasenverschiebungen gelingt es Bach, selbst Objekte und Menschen in die Zeit hinein zu „verflüssigen“: Architektonische Formen lösen sich auf und formieren sich durch die Phasenverschiebungen zu einem dichten, amorphen Knäu-
el. Menschen lösen sich aus
ihrer eigenen Körperform, fallen hinter sich selbst zurück
und holen sich nicht mehr ein.
Wegen der Vielfältigkeit des rezeptiven Angebots lässt sich das ästhetische Geschehen in seiner Gesamtheit nur erfassen, wenn der analytische Blick zugunsten einer Empfänglichkeit aufgegeben wird, die über ein rationales Verstehen hinausgeht. In diesem ästhetischen Feld der Gleichzeitigkeiten gegenläufiger Rhythmen und Erzählebenen in Musik und Bild fällt vieles in die Zwischenräume des bewusst Rezipierbaren und zeugt auf diese Weise unkalkulierbare Zwischenzustände. Eine den ständig wechselnden Eindrücken antwortende Bewertung, das heißt letztlich eine persönliche Aneignung und Ausdeutung von Sinneseindrücken, kann in Bachs Raum-Zeit-Kontinuum „Zwischenzeitlich“ im September in Köln erprobt werden. Elke Bartholomäus

Aufführungstermine:
Donnerstag, 26. September im „Kunstsalon“, Brühlerstraße. 11–13, 50968 Köln; Sonntag, 29. September im „Loft“, Wissmannstraße
30, 50823 Köln; jeweils 20 Uhr/Einlass 19.30 Uhr. Tickets an der Abendkasse (Eintritt 12 Euro).
Informationen: E-Mail: amae@gmx.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema