ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2002Private Kranken: Höchster Nettozugang seit 25 Jahren

Versicherungen

Private Kranken: Höchster Nettozugang seit 25 Jahren

Dtsch Arztebl 2002; 99(36): [143]

Clade, Harald

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LNSLNS Die private Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) meldet für das Geschäftsjahr 2001 den höchsten Nettozugang beim Bestand von privat Krankenversicherten: Im vergangenen Jahr betrug der Nettozugang in der Krankheitskostenversicherung, der Hauptversicherungsart der PKV, 215 800 (Vorjahr: 166 000) Versicherte (+2,9 Prozent). Dies ist ein Spitzenwert beim Versichertenzugang, der zuletzt vor 25 Jahren erzielt wurde. Noch vor vier Jahren war der Nettozugang zur Krankheitskostenversicherung in der PKV weniger als einige Hundert Personen gewesen.
Zugang trotz Zuschlag
Ausweislich des jüngsten Rechenschaftsberichts des Verbandes der privaten Kran­ken­ver­siche­rung e.V. für das Jahr 2001 hat die PKV jetzt einen Marktanteil von 9,3 Prozent – eine Quote, die allerdings unter dem Level von Anfang der 60er-Jahre liegt. Eine Analyse der Wanderungsbewegung zwischen privater und Gesetzlicher Kran­ken­ver­siche­rung ergibt: 360 700 Personen sind aus der Gesetzlichen in die private Kran­ken­ver­siche­rung übergetreten, obwohl vor zwei Jahren ein zehnprozentiger pauschaler Prämienzuschlag bei neu eintretenden Versicherten gesetzlich vorgeschrieben wurde. Wegen Eintritts der Versicherungspflicht sind im Jahr 2001 rund 148 000 Personen von der privaten wieder in die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung zurückgekehrt. Hieraus resultiert ein Saldo von 212 700. Dass sich ein höherer Nettozuwachs beim Bestand zugunsten der PKV ergibt, liegt an den Zugängen durch Geburten und bisher nicht versicherten Personen.
In der privaten Pflegeversicherung waren am 30. September 2001 rund 8 553 300 Personen versichert; am 31. Dezember 2000 waren es noch 8 365 000 Millionen Personen gewesen. Hieraus resultiert ein Bestandszuwachs von 188 800 Versicherten. Er liegt niedriger als in der Krankheitskostenversicherung, weil es bei den Beständen von Post und Bahn keine Neuzugänge mehr gibt.
Inzwischen hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt bei der Präsentation der Ausgabenbilanz im Bereich der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung für das erste Quartal 2002 („KV-45-Statistik“) beklagt, dass in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres bereits 106 000 Versicherte von der Gesetzlichen in die private Kran­ken­ver­siche­rung übergewechselt seien. Daraus resultiere für die gesetzlichen Krankenkassen – hochgerechnet auf das Gesamtjahr 2002 – ein Einnahmenausfall von einer Milliarde Euro.
Ulla Schmidt rechtfertigt unter dem Eindruck dieser Wechselbilanz die von ihr favorisierte Anhebung der Versicherungspflichtgrenze in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, um den „Entsolidarisierungsprozess“ und den damit verbundenen Einnahmenausfall zu stoppen. Andererseits erklärt der PKV-Verband den höheren Zuspruch zugunsten der PKV und den wachsenden Neumitgliederzugang auch durch die Negativwirkungen infolge des Ankündigungseffektes einer erhöhten Versicherungspflichtgrenze in der GKV (und einer damit möglicherweise kurzfristig ebenfalls erhöhten Beitragsbemessungsgrenze, was in der Spitze zu einer Verteuerung der GKV-Beiträge von über 30 Prozent bedeuten würde).
Anlässlich seiner jüngsten Mitgliederversammlung am 13. Juni in Berlin beklagte der PKV-Verband, dass die Politik und der Gesetzgeber vor allem im Arznei- und Heilmittelbereich der privaten Kran­ken­ver­siche­rung keine analogen Kostendämpfungseffekte angedeihen lasse, wie dies seit einem Jahr im Bereich der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung der Fall ist (Aufhebung des Kollektivregresses; Arzneimittelbudgetablösungsgesetz).
Die Privatassekuranz vermeldet, dass immer mehr Privatversicherte bei Überschreiten des 60. Lebensjahres den Standardtarif wählen. Während 1999 in diesem Spartarif noch 1 047 vollversicherte Personen registriert wurden, waren es Ende 2000 bereits 3 024 Personen, am 31. Dezember 2001 dagegen 6 597 Versicherte. Diese Aufwärtsbewegung wird auf zwei Ursachen zurückgeführt: Einerseits wurde im Jahr 2000 der beihilfekonforme Standardtarif neu eingeführt, andererseits wechselten noch Anfang des Jahres viele Personen im Rahmen der bis zum 31. Dezember 2000 befristeten Öffnung der PKV in den Standardtarif.
Keine Entwarnung an der Ausgabenfront
Eine Krankentagegeldversicherung hatten Ende 2001 rund 2,78 Millionen Personen abgeschlossen. 1,8 Millionen Personen wählten diese zusätzlich zu ihrer Vollversicherung, rund 986 000 Personen ergänzten damit ihr GKV-Krankengeld. Der Zuwachs in diesem Sektor der PKV lag bei rund 156 000 Personen. Bei der Zusatzversicherung für Wahl- und Komfortleistungen im Krankenhaus gab es einen Zuwachs von 80 000 Policen auf 4,474 Millionen Personen (Vorjahr: +34 000 Personen). In der ambulanten Zusatzversicherung wurden rund 159 000 Personen hinzugewonnen. Der Bestand betrug Ende 2001 insgesamt 4,6 Millionen Personen. Die Pflegezusatzversicherung stieg in ihrem Bestand um 50 600 Personen auf 655 700 Versicherte.
Bei der PKV gibt es noch keine Entwarnung an der Ausgabenfront. So betrug der Anstieg bei den Leistungsausgaben mit 5,2 Prozent je Versichertem bei den Krankheitskosten mehr als der allgemeine Preisanstieg (2,5 Prozent). Insbesondere bei den Ausgaben für Arznei- und Hilfsmittel (+9,4 Prozent) und für die privatärztliche Behandlung (+6,2 Prozent) dürften nach PKV-Interpretation die Kompensationsbemühungen der Ärzte wegen der Restriktionen auf der Seite der GKV eine Rolle gespielt haben.
Bremsspuren bei der Ausgabenentwicklung zeigt hingegen der stationäre Sektor – von den Pflegesätzen abgesehen. Hier lag der Anstieg der Erstattungsleistungen mit 3,7 Prozent in etwa auf der Höhe wie im gesetzlichen Bereich. Der relativ geringe Ausgabenanstieg bei den Chefarzthonoraren (+2,8 Prozent) deutet der PKV-Verband mit der Unterstellung, dass im Bereich der Privatliquidation im stationären Sektor die Möglichkeiten, die GOÄ auszuschöpfen, weitgehend realisiert wurden. Bemerkenswert ist der Rückgang der Erstattungsleistungen für die Wahlleistung Unterbringung: +2,9 Prozent. Der Verband führt dies auf die erfolgreich geführten Musterprozesse über die Ein- und Zweitbettzimmerzuschläge bei der Wahlleistung Unterbringung zurück.
Die Prämieneinnahmen der PKV stiegen um 4,8 Prozent. Dies ist etwa zur Hälfte auf das Bestandswachstum zurückzuführen. Die PKV hatte im Jahr 2001 Prämien in Höhe von rund 19,75 Milliarden Euro eingenommen. In der privaten Pflegeversicherung wurden Prämien in Höhe von 1,96 Milliarden Euro verbucht. Insgesamt ergab sich somit für die Branche eine Gesamtbeitragseinnahme in Höhe von rund 21,71 Milliarden Euro (+4,8 Prozent). Dr. rer. pol. Harald Clade
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