ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2002Krankenhausärzte: Unter Ökonomie-Druck

POLITIK: Kommentar

Krankenhausärzte: Unter Ökonomie-Druck

Dtsch Arztebl 2002; 99(37): A-2378 / B-2032 / C-1908

Clade, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die leitenden Krankenhausärzte (Chefärzte) geraten unter den Druck der immer mehr dominierenden Ökonomie im Krankenhaus – mit weitreichenden Konsequenzen für die wirtschaftliche Prosperität der vom Chefarzt geleiteten Krankenhausabteilung, für den Klinikträger, das angestellte Fachpersonal und für die eigenen existenziellen Grundlagen. Der Paradigmenwandel in der Krankenhausfinanzierung infolge der Einführung von diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRG) und des verschärften Wettbewerbs veranlasst die Krankenhausträger und Klinikleitungen, die Chefärzte zu verpflichten, auch unternehmerische Verantwortung zu übernehmen und über Incentives die Führungskräfte im Krankenhaus (Leitende Ärzte, Verwaltungsmanager) zu animieren, die Interessen von Klinikträgern, Abteilungen und Führungscrew gleichzurichten. Da die leitenden Ärzte und die im Ärzteteam kooperierenden Fachärzte zusätzlich zur medizinischen auch immer mehr die ökonomische Verantwortung übernehmen müssen, geraten sie immer wieder in einen Interessenkonflikt zwischen ökonomischen Notwendigkeiten, Budget- und Gesetzesvorgaben und der am Bedarf des Patienten orientierten Versorgung.
Schon geben die Verbände der Krankenhausträger die Losung aus: Weil der Chefarzt eine Leitungsfunktion im Krankenhaus ausübt, ist es unabdingbar, ihn auch konsequent in die ökonomische Verantwortung miteinzubeziehen. Denn der ärztliche Dienst und die Chefärzte bestimmen mit Diagnostik und Therapie das Betriebsgeschehen im Krankenhaus. Ihr Handeln hat deshalb erhebliche Kostenrelevanz, zumindest bei der Arzneimitteltherapie und den angeordneten Überstunden.
Das neue Entgeltsystem veranlasst die Leitenden, ob Arzt oder Ökonom, auch dazu, gesamtunternehmerisch und unternehmenszielbezogen zu denken und zu handeln. Die Gefahr eines durch die Ökonomie dominierten Krankenhausbetriebes besteht allerdings darin, dass Ökonomismus und überzogenes Marktdenken den Medizinbetrieb dominieren und dadurch die eigentlichen humanitären und medizinischen Versorgungsziele vernachlässigt werden. Die Identifizierung mit dem Krankenhausbetrieb, den Unternehmenszielen ist wichtig und richtig. Wer das Leitbild des Profit-Centers für das Krankenhaus und einzelne Abteilungen prägt, setzt auf Einsatz, fordert die Solidarität aller, ist am eigenen Wohl ebenso wie am Ergebnis des Ganzen interessiert. Dazu sind eine „kongeniale“ Führung und Leitung notwendig.
Allerdings darf das Krankenhaus nicht in einen ökonomistisch überzogenen und fließbandartig durchorganisierten Wirtschaftsbetrieb abdriften, der die Humanität und das Fürsorgeprinzip hintanstellt. Die Führungskräfte der Krankenhäuser dürfen nicht für alles und jedes ökonomisch haftbar gemacht werden – Budgetüberschreitungen, Nachfrageänderungen und anderes, für das sie als Nichteigentümer und angestellte Führungskräfte nicht haftbar gemacht werden können. Standort-, Investitions- und Angebotsentscheidungen treffen immer noch die Klinikträger als Eigentümer und „Dienstherren“. Sie sind also für die Strukturqualität des Krankenhauses in erster Linie verantwortlich – mit allen daraus folgenden Konsequenzen, nicht aber die Führungscrew, es sei denn, diese ist Eigentümer oder Miteigentümer der Klinikbetriebe. Dr. rer. pol. Harald Clade
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema