ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2002Tabakkontrollpolitik: Umfassendes Werbeverbot

POLITIK

Tabakkontrollpolitik: Umfassendes Werbeverbot

Dtsch Arztebl 2002; 99(37): A-2384 / B-2038 / C-1776

Lenze, Susanne

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LNSLNS Deutsches Krebsforschungszentrum fordert höhere
Tabaksteuer und Verbot von Sponsoring und Tabakwerbung.

Mehr als 300 Menschen sterben täglich in Deutschland an den Folgen des Rauchens – eine Zahl, die einem vollbesetzten Jumbo-Jet entspricht. Der Zigarettenkonsum ist das bedeutendste Gesundheitsrisiko und die Hauptursache für frühes Sterben in Deutschland und anderen Industrienationen. Dr. Annette Bornhäuser vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg fragte auf einer Pressekonferenz des Forschungszentrums in Berlin, was in Deutschland geschehen würde, wenn täglich ein vollbesetzter Jumbo-Jet abstürzen würde? Zeit zum Handeln für die Bundesregierung, für die Opposition und die Bundesländer sowie für die Medien.
Wie können Ärzte handeln?
Die Bundesregierung agiere nicht, sie beharre weiter auf der Position, dass die Europäische Union (EU) keine Kompetenz habe, ein EU-weites Werbeverbot für Tabakprodukte auszusprechen. Was können Ärzte tun? „In der medizinischen Versorgung wird sich europaweit kaum um die Raucherentwöhnung gekümmert“, sagte Prof. Dr. med. Ulrich Keil von der epidemiologischen Abteilung der Universität Münster bei der Veranstaltung. Das Zentrum legte neue Handlungsempfehlungen für eine wirksame Tabakkontrollpolitik vor. Hierzu gehören unter anderem deutliche Tabaksteuererhöhungen und ein umfassendes Werbeverbot. Weitere Empfehlungen sind etwa die Produktregulierung von Tabakwaren und große Warnhinweise auf Zigarettenpackungen. Die Empfehlungen wurden mit über 30 Wissenschaftlern, Ärzten und Fachleuten in der Prävention und Gesund­heits­förder­ung erstellt – in enger Zusammenarbeit mit der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) und anderen Wissenschafts- und Gesundheitsorganisationen. Für das Zentrum stellen Tabakkontrollmaßnahmen, bezogen auf das jeweilige soziale Umfeld, die Basis für eine Absenkung des Konsums in allen Bevölkerungsgruppen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, dar.
Eingekaufte Reputation
Für „absolut falsch“ hält Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Mitglied des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, jedoch eine alleinige Kampagne gegen das Rauchen bei Kindern und Jugendlichen. Rosenbrock ist auch Leiter der AG Public Health in Deutschland im Wissenschaftszentrum Berlin. Er erinnerte an die diesjährige Unterstützung des Verbandes der deutschen Zigarettenindustrie für das Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Mit 11,8 Millionen Euro wolle das Ge­sund­heits­mi­nis­terium in einem Zeitraum von fünf Jahren gezielt Kampagnen gegen das Rauchen bei Kindern und Schülern machen. In diesem Falle sei klar, dass sich die Zigarettenindustrie Reputation eingekauft habe und sonst nichts, sagte Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren und Koalition gegen das Rauchen. Wenn die Zigarettenindustrie Geld explizit für vorgegebene Kampagnen ausgebe, könne man sicher sein, dass diese Maßnahme keine Wirkung habe. Nur ein kombinierter Einsatz der Maßnahmen führe zum Erfolg. Dr. Derek Yach, Direktor der Abteilung für nicht übertragbare Krankheiten bei der WHO, bemerkte zu der Zahlung der Tabakindustrie an das Ge­sund­heits­mi­nis­terium: „We will never send the fox to look after the chicken.“ Susanne Lenze
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