ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2002Fachtagung Psychotherapie im Dialog: Individuelle Behandlungskonzepte

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Fachtagung Psychotherapie im Dialog: Individuelle Behandlungskonzepte

Dtsch Arztebl 2002; 99(37): A-2390 / B-2040 / C-1915

Lenze, Susanne

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Prof. Dr.Wolfgang Senf, Prof. Dr. Peter Fürstenau, Prof. Dr. Klaus Grawe und Dr. Steffen Fliegel (von links nach rechts) fordern die Modernisierung der Psychotherapie- Richtlinien. Foto: Thieme Verlag
Prof. Dr.Wolfgang Senf, Prof. Dr. Peter Fürstenau, Prof. Dr. Klaus Grawe und Dr. Steffen Fliegel (von links nach rechts) fordern die Modernisierung der Psychotherapie- Richtlinien. Foto: Thieme Verlag
Die methodische Vielfalt der Psychotherapie wird wegen der offiziell definierten Schulenorientierung nicht genutzt.

Die Psychotherapie-Richtlinien bedürfen dringend der Modernisierung“, sagte Prof. Dr. Peter Fürstenau, Leiter des Instituts für angewandte Psychoanalyse, Düsseldorf, bei der Fachtagung „Psychotherapie im Dialog“ in Berlin. Er rief zu „sozialem Unfrieden und Widerstand“ auf. Therapeuten sollten kämpferisch auf dem für sie angemessen gehaltenen Behandlungskonzept beharren. Stattdessen würden die Richtlinien stillschweigend und listig unterlaufen. Weiterhin forderte Fürstenau, auch die „völlig antiquierte Ausbildung“ nach dem heutigen Wissen und Können neu zu konzipieren und zu organisieren. In den vergangenen Jahren sei eine Vielfalt therapeutischer Möglichkeiten entstanden, mit denen man zahlreiche Krankheiten behandeln könne. „Diese Vielfalt nutzen die Psychotherapeuten wegen der offiziell definierten Schulenorientierung kaum“, stellte Prof. Dr. Klaus Grawe, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität Bern, fest. In den Psychotherapie-Richtlinien des Bundes­aus­schusses der Ärzte und Krankenkassen ist vorgeschrieben, dass psychoanalytische oder verhaltenstherapeutische Psychotherapien jeweils nur getrennt angewandt werden dürfen.
Vom 5. bis 7. September veranstaltete das Herausgeberteam der Fachzeitschrift „Psychotherapie im Dialog“ und der Georg Thieme Verlag, Stuttgart, in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der Freien Universität Berlin (FU Berlin) die Fachtagung „Psychotherapie im Dialog“. In Arbeitsgruppen hatten Therapeuten die Möglichkeit, verschiedene Therapierichtungen kennen zu lernen und Anregungen für ihre tägliche Arbeit zu erhalten. Neben den Therapieschulen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie öffnete sich die Tagung auch anderen wissenschaftlichen Therapieverfahren, die bislang noch wenig integriert sind.
Bei der Arbeitsgruppe „Psychotherapie bei chronisch körperlichen Erkrankungen – wie können chronisch Kranke optimal versorgt werden?“ berichtete Ursula Wendt, Dipl.-Psych., von ihren Erfahrungen. Sie arbeitet in einem Zentrum für Dialyse in Kaiserslautern. In der Einrichtung werden 80 Patienten betreut. „Zuerst wollten das Pflegepersonal und die Patienten mich nicht haben – ich störte geradezu“, berichtete die Psychologin. Der Funke zum Patienten und zum Pflegepersonal sprang jedoch über, als sie zunächst den Betroffenen beim Ausfüllen eines Antrags für einen Schwerbehindertenausweis half. Direkt am Dialyseplatz, an der Maschine, sprachen Patienten mit Wendt über ihre Emotionen. „Die Themen drehten sich um Angst vor dem Sterben und dem Überleben“, resümierte sie. Mittlerweile begleitet sie Patienten in den Operationssaal oder zur Krankenkasse. Verhaltenstherapeutische Ansätze sind ihr sehr hilfreich gewesen. Klassische Settings ließen sich in ihrem konkreten Fall nicht realisieren. Prof. Dr. med. Friedebert Kröger, Leitender Arzt der Klinik II für Psychotherapeutische Medizin, Psychosomatik und des Zentrums für Suchttherapie, Fliedner Krankenhaus, Ratingen, hält es mit Tucholsky, wenn er über seine Behandlungskonzepte spricht. „Die Familie weiß alles voneinander: wann Karlchen die Masern gehabt hat, wie Inge mit ihrem Schneider zufrieden ist, wann Erna den Elektrotechniker heiraten wird (. . .). Die Familie weiß alles, missbilligt aber grundsätzlich. Für Kröger ist es ganz wichtig, frühe Settings mit der Familie oder relevanten Bezugspersonen zu veranstalten. „Meine Patienten kommen mit Symptomen zu mir, zunächst nicht mit Problemen“, erklärte er. Die Einstiegsmöglichkeit für den Therapeuten sei der Moment, in dem die Krankheit den Alltagskonflikt für den Patienten vergrößere. Dr. Arist von Schlippe, Dipl.-Psych., Universität Osnabrück, Fachbereich Psychologie, plädierte für Kooperationen und Vernetzungen von Psychotherapeuten mit Klinikärzten, niedergelassenen Gynäkologen, Internisten, Allgemeinmedizinern und mit Sachbearbeitern des Arbeits- und Sozialamts sowie mit Seelsorgern und Beratungsstellen. „Bieten Sie den Ärzten an, dass sie auch gerne in die Praxen kommen“, schlug Kröger den Psychotherapeuten vor. Die Schmerztherapie sei bisher das einzige Fach, das eine solche Vernetzung mit Klinkärzten und Niedergelassenen geschafft habe, bemerkte er. In 15 Jahren werde es solche Vernetzungen in verschiedenen Fächern geben, schätzt Kröger. Susanne Lenze
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