ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2002Ambulante Versorgung: Großer Bedarf an Hausärzten

POLITIK

Ambulante Versorgung: Großer Bedarf an Hausärzten

Kopetsch, Thomas

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LNSLNS Während fachärztlich tätige Internisten fast überall auf
gesperrte Planungsbereiche stoßen, haben Hausärzte
bundesweit sehr gute Chancen auf eine Niederlassung.

Mit Beginn des Jahres 2001 hat sich die Bedarfsplanung in der vertragsärztlichen Versorgung erheblich verändert. Seit dem 1. Januar 2001 gibt es die neuen Arztgruppen der „Hausärzte“ und der „fachärztlich tätigen Internisten“. Die gesetzliche Grundlage dafür bildet der § 101 Abs. 5 SGB V.
Danach umfasst die Gruppe der Hausärzte die Praktischen Ärzte, die bereits zugelassenen Ärzte ohne Weiterbildung, die Fachärzte für Allgemeinmedizin sowie die Internisten ohne Schwerpunktbezeichnung, die sich für die hausärztliche Versorgung entschieden haben. Zu den fachärztlich tätigen Internisten zählen alle Internisten mit Schwerpunktbezeichnung sowie diejenigen Internisten ohne Schwerpunktbezeichnung, die sich nicht für die hausärztliche Versorgung entschieden haben.
Erstmals wurde die Versorgungssituation für diese neuen Arztgruppen Anfang 2001 ermittelt. Zu Beginn des Jahres 2002 stellt sich die Situation wie folgt dar:
Von den 406 Planungsbereichen in der Bundesrepublik Deutschland sind nur noch vier Prozent (18 Planungsbereiche) für weitere, über den Ersatzbedarf hinausgehende Zulassungen von fachärztlich tätigen Internisten offen. Das bedeutet: Die Chancen für fachärztlich tätige Internisten, sich jetzt noch im Rahmen des regulären Zulassungsverfahrens niederzulassen, sind äußerst gering. Zum Vergleich: Über alle Arztgruppen gerechnet, bestehen in 18 Prozent der Planungsbereiche noch Zulassungsmöglichkeiten. Bundesweit können regulär lediglich noch 27 fachärztlich tätige Internisten über den Ersatzbedarf hinaus zugelassen werden.
Allerdings sieht die Bedarfsplanung die Möglichkeit der so genannten Sonderbedarfszulassung vor. Danach können sich Internisten mit Schwerpunktbezeichnungen auch in gesperrten Gebieten niederlassen, sofern dort ein dauerhaft hoher Bedarf an entsprechenden Leistungen besteht, der anderweitig nicht befriedigt werden kann.
Der Grund für die weitgehende Sperrung der Planungsbereiche für die Gruppe der fachärztlich tätigen Internisten liegt unter anderem darin, dass sich die Gruppe der Internisten mit Schwerpunktbezeichnung in den alten Bundesländern vom Jahr 1990 (dem Basisjahr für die allgemeinen Bedarfsplanungs-Verhältniszahlen) bis zum Jahr 2001 vom Index-Stand 100 auf den Index-Stand 425, also um mehr als das Vierfache, ausgeweitet hat. Die Zahl der Internisten ohne Schwerpunktbezeichnung hat sich hingegen in den alten Bundesländern nur um den Faktor 1,12 erhöht. In den neuen Ländern liegt die Steigerungsrate der Internisten ohne Schwerpunktbezeichnung von 1993 bis 2001 beim Faktor 1,07 und die der Internisten mit Schwerpunktbezeichnung im gleichen Zeitraum beim Faktor 2,84. Bemerkenswert ist, dass der Anteil der Internisten mit Schwerpunktbezeichnung an allen Internisten von 6,8 Prozent im Jahre 1990 auf 21,8 Prozent im Jahr 2001 gestiegen ist. Diese Entwicklung ist Ausdruck der zunehmenden Spezialisierung.
Ganz anders stellt sich die Situation bei den Hausärzten dar. Für sie sind 64 Prozent aller Planungsbereiche offen, das heißt in 261 Planungsbereichen sind noch Zulassungen in der hausärztlichen Versorgung möglich. Bundesweit könnten sich rechnerisch noch 2 430 Hausärzte niederlassen – 626 davon in den neuen Bundesländern.
Die guten Chancen der nachrückenden Hausärzte werden zusätzlich von einer Entwicklung begünstigt, die Folge einer weiteren gesetzlichen Regelung ist: der Altersgrenze für Kassenärzte. In § 95 Abs. 7 Satz 2 SGB V heißt es: „Im übrigen endet ab 1. Januar 1999 die Zulassung am Ende des Kalendervierteljahres, in dem der Vertragsarzt sein achtundsechzigstes Lebensjahr vollendet.“ Weder die im Jahre 2000 noch die im Jahr 2001 ausgeschiedenen Hausärzte konnten vollständig ersetzt werden.
Die Altersstruktur der Hausärzte lässt vermuten, dass sich diese Entwicklung – es scheiden mehr Hausärzte aus, als neue nachrücken – in nächster Zukunft fortsetzen wird. Das Problem, ausreichend „Nachwuchs“ in der hausärztlichen Versorgung zu finden, wird sich eher noch verschärfen, denn ab Januar 2006 dürfen Hausarztsitze nur noch für Allgemeinärzte mit einer fünfjährigen Weiterbildung ausgeschrieben werden.
Die Niederlassungschancen der meisten anderen Fachärzte haben sich hingegen weiter verschlechtert. Nur bei den Anästhesisten und den ärztlichen Psychotherapeuten sowie – mit Abstrichen – bei den Nervenärzten bestehen noch nennenswerte Zulassungsmöglichkeiten. Bei den übrigen Gruppen, denen zwar noch einige Planungsbereiche offen stehen, darf jedoch bezweifelt werden, ob sich eine Niederlassung auch wirtschaftlich rechnet.
Insgesamt betrachtet lässt sich feststellen, dass die Zuwachsrate der 14 Arztgruppen, die der Bedarfsplanung unterliegen, recht gering ist: im Durchschnitt der Jahre 1994 bis 2001 liegt sie bei 0,7 Prozent. Diese Arztgruppen umfassen etwa 97 Prozent aller niedergelassenen Ärzte. In der hausärztlichen Versorgung droht Unterversorgung. Schon jetzt ist in 17 Planungsbereichen die 90-Prozent-Grenze unterschritten, vornehmlich in den neuen Bundesländern. Zwei Planungsbereiche stehen bereits kurz vor der rechnerischen Unterversorgung (75 Prozent der Soll-Versorgung). Aufgrund der Altersstruktur der Hausärzte in den neuen Bundesländern ist damit zu rechnen, dass etwa 21 bis 26 Prozent aller Hausärzte bis zum Jahre 2008 ausscheiden werden. Dies kann zu Versorgungsengpässen führen, bietet aber jüngeren Allgemeinärzten und hausärztlichen Internisten gute Perspektiven.
Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch
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