ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2002Der Athlet von Ephesos: Der antike Patient

VARIA: Feuilleton

Der Athlet von Ephesos: Der antike Patient

Dtsch Arztebl 2002; 99(38): A-2497 / B-2133 / C-1998

Krannich, Stephanie

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In Wien gelang die Wiederherstellung einer Bronzeplastik, die in 234 Fragmente zerbrochen war. Sie ist zurzeit in einer Bonner Ausstellung zu sehen.

Klassik“, „ideales klassisches Maß“, „klassische Schönheit“ – kaum eine andere Epoche hat zu diesen Begriffen einen entscheidenderen Beitrag geleistet als die griechische Kultur des 5. Jahrhunderts v. Chr. Vor allem die Darstellung der menschlichen Gestalt gelangte während dieser Periode zu einer solchen Reife, dass sie späteren Generationen bis heute Vorbild blieb. Leider sind die meisten griechischen plastischen Werke verloren gegangen. Viele sind als römische Marmor- oder Bronzekopien überliefert. „Ideale klassische Maße“ weist auch der „Athlet von Ephesos“ auf, eine Bronzestatue, die 1896 im Areal des Hafengymnasiums in Ephesos von österreichischen Archäologen geborgen wurde. Sie war, möglicherweise durch ein Erdbeben in der Antike bedingt, in 234 Fragmente zerbrochen.
Die Wiederherstellung dieser Bronzeplastik gelang in
Wien mithilfe eines Gipsabgusses einer schon seit dem 16. Jahrhundert bekannten, in den Uffizien befindlichen Marmorkopie. Sie stellt einen Athleten mit wohlgeformtem, muskulösem Körper und schweißnassem Haar dar. Die Rekonstruktion ergab zunächst einen Apoxyomenos (Schaber), der sich mit einer Strigilis (Schabeisen aus Bronze, mit dem sich die Athleten nach dem Wettkampf von Öl und Schmutz reinigten) in der rechten Hand den Handrücken der linken säubert.
Ein bekanntes Beispiel eines Apoxyomenos ist die im
Vatikanischen Museum aufbewahrte römische Marmorkopie nach einem Original des Lysipp (um 330 v. Chr.). Der Vergleich mit einer Marmorreplik aus Frascati (Museum of Fine Arts, Boston) führte dann jedoch zu einer Korrektur der Haltung des rechten Armes: Danach handelt es sich um einen Strigilisreiniger, der also nicht sich selbst, sondern mit den Fingern der linken Hand die benutzte Strigilis reinigt. Eine endgültige Klärung der Handhaltung beziehungsweise Aktion der Hände könnte sich durch einen Vergleich mit einem Neufund ergeben: 1999 wurde in der kroatischen Adria eine maßgleiche Ausführung des ephesischen Athleten entdeckt.
Obwohl die Restaurierung der Bronzeplastik aus Ephesos damals nach neuestem Kenntnisstand erfolgte, führte die angewandte Methode im Laufe der Jahre zu Veränderungen und Schäden der Oberfläche. Der „antike Patient“ musste deshalb in den letzten Monaten eingehenden Untersuchungen unterzogen werden: Computertomographien und Durchstrahlungsaufnahmen dokumentieren den derzeitigen Zustand des Athleten und geben zugleich Aufschluss über antike Guss- und Formtechniken. Eine genauere „Hautanalyse“ mittels digitaler Aufnahmen machte selbst feinste Oberflächenrisse deutlich.
Die Restaurierwerkstätten der Wiener Antikensammlung wollen die jetzt notwendige Nachbehandlung der Bronzestatue in Zusammenarbeit mit Frank Willer, Experte für die Restaurierung von Metallobjekten, vornehmen. Als Mitarbeiter der Werkstätten des Rheinischen Landesmuseums Bonn, die sich mit der Aufarbeitung der Funde aus dem antiken Schiffswrack von Mahdia internationales Ansehen erworben haben, war er maßgeblich an der Restaurierung der Bronzeobjekte beteiligt. Die Befunde der Guss- und Formtechnik, der Oberflächen und der Art der Versokkelung sprechen im Fall des Athleten von Ephesos für ein römisches Werk. Ein Vergleich mit dem „Zwilling“ aus Kroatien, der am rechten Fuß noch Reste eines Metallsockels aufweist, könnte möglicherweise Hinweise auf dieselbe antike Werkstatt ergeben und eine genauere Datierung zulassen.
Zurzeit ist der Athlet von Ephesos in der Bonner Kunsthalle ausgestellt: als wertvolle Leihgabe in der von der Antikensammlung Berlin organisierten Ausstellung, die die Kunst und Kultur des klassischen Griechenlands und die Nachwirkungen der Klassik in späteren Epochen umfassend darstellt. Dr. Stephanie Krannich


Die Ausstellung „Die Griechische Klassik – Idee oder Wirklichkeit?“ ist noch bis zum 13. Oktober in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museumsmeile, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn zu sehen.
Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs 10 bis 21 Uhr, donnerstags bis sonntags 10 bis 19 Uhr, montags
geschlossen. Katalog: 25,50 Euro. Weitere Informationen:
Telefon: 02 28/91 71-2 00, Internet: www.kah-bonn.de
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