ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2002Helgoland: Auf der roten Felseninsel

VARIA: Reise / Sport / Freizeit

Helgoland: Auf der roten Felseninsel

Hoffmann, Frank

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Die „lange Anna“
Die „lange Anna“
Morgens kurz vor neun im Hamburger Hafen, typisches Schmuddelwetter an den Landungsbrücken. Die „Vargoy“, ein schnittiger Katamaran, schaukelt im brackigen Wasser. Die Passagiere steigen in das moderne Schiff wie in einen ICE ein. Wie eine starke Lokomotive nimmt der „Kat“ dumpf-dröhnend Fahrt auf. Blankenese, das weltberühmte Treppenviertel, zieht an Steuerbord vorbei. Der Fluss wird breiter, Schafe grasen auf den Deichen, und nach knapp zwei Stunden ist kaum noch Land zu sehen.
Es wird heller, die Sonne kommt heraus. In Cuxhaven sind noch ein paar Fahrgäste an Bord gekommen. Sie schauen jetzt, wie alle anderen, fasziniert den Möwenschwärmen zu, die den Fischkuttern und kleinen Dampfern folgen.
Schicksalsinsel
Der Felsen kommt in Sicht, zwischen zwei Wellenbergen leuchtet er dunkelrot in der Sonne, ein Postkartenbild. Helgoland, rund 70 Kilometer vom Festland entfernt, Schicksalsinsel in der Nordsee, ein Mikrokosmos von nicht mal einem Quadratkilometer Größe. Hier schrieb Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 das „Lied der Deutschen“, heute Nationalhymne. Damals war Helgoland britische Kolonie, und die Engländer waren es auch, die den Tourismus auf der Insel, die Kur im Meer, „erfunden“ haben. Erst 1890 wurde der Felsen zum „Edelstein in des deutschen Kaisers Krone“. Wilhelm II. hatte dafür Sansibar hergegeben, jenseits von Afrika (heute: Tansania). Immer war Helgoland etwas Besonderes: ein Naturdenkmal aus der Vorzeit, Deutschlands einzige Hochsee-Insel, zu allen Zeiten auch ein Symbol des Überlebenswillens seiner Bewohner, schließlich ein Lieblingsziel der Küstenurlauber und Hamburg-Touristen, heute auf dem Wege zu einem Wellness- und Kurbad. Dabei schien vor 55 Jahren das Ende der alten Friesengemeinde Helgoland besiegelt, nach mehr als tausend Jahren Geschichte.
Kriegs-Bombardement
„Hummerbuden“ im Fischereihafen. Fotos: Frank Hoffmann
„Hummerbuden“ im Fischereihafen.
Fotos: Frank Hoffmann
Frühjahr 1945: Der Krieg war so gut wie zu Ende, verloren war er allemal. Am 18. April, kurz vor 12 Uhr, tickert eine Meldung über die Fernschreiber: „Mehr als tausend britische Bomber im Anflug auf die Deutsche Bucht“. Als zwei Tage später die Überlebenden auf Helgoland aus ihren Kellern und Bunkern klettern, ist wenig übrig geblieben vom traditionsreichen Seebad, das die Engländer im 19. Jahrhundert gegründet hatten. Auch die Dänen hatten einst lange Zeit das Sagen auf dem roten Felsen in der Nordsee. Aber stets wurde dort friesisch oder deutsch gesprochen, nie hatten die fremden Herren die Insulaner verdrängen können. Jetzt, kurz vor Kriegsende, war der grün-weiß-rote Leuchtturm in sich zusammengefallen und hatte die Mannschaft unter sich begraben; wo die Kirche 300 Jahre lang gestanden hatte, ragte nur noch der kaputte Turm aus den Steinen.
Zwei Jahre nach diesem Angriff, als der 2. Weltkrieg längst vorüber und alle Bewohner evakuiert waren, fielen noch einmal Tausende von Bomben auf den Felsen: Mit einem „Big Bang“, so nennen die Insulaner das Ereignis bis heute, sprengten die Briten alle militärischen Anlagen zwischen der Langen Anna im Norden und dem Vorhafen an der Südspitze. Jahrelang nutzte die Royal Air Force auch danach noch die geschundene Insel als Übungsplatz für ihre Bomber. Die Helgoländer gaben dennoch die Hoffnung auf eine Rückkehr nicht auf. Sie mobilisierten Konrad Adenauer, die UNO und den Papst – mit Erfolg: Gleich in der ersten Saison nach dem Krieg 1952 stolperten gut 15 000 Tagesgäste über die Bombentrichter, die bis heute das Bild auf dem Oberland prägen.
Die Helgoländer kamen zurück, als genügend Häuser gebaut waren: 1953 wohnten nur 88 Insulaner auf dem roten Felsen, zehn Jahre später waren es knapp 3 000. Neuerdings stieg zwar die Zahl der Besucher wieder stark – fast 500 000 kamen allein im letzten Jahr, aber nur noch etwas über 1 600 Menschen wohnen ständig auf der Insel.
Zollfreie Zone
Noch erinnern zwar die vielen Whisky- und Parfümgeschäfte an den Fuselfelsen, das Billigziel zahlreicher „Butterfahrer“ der 70er- und 80er-Jahre, denn Helgoland genießt noch immer Zollfreiheit, und Mehrwertsteuer muss dort auch nicht bezahlt werden. Aber die Atmosphäre ist gediegener geworden, die Gastronomie an vielen Stellen uriger und zugleich anspruchsvoller. Mit großzügigen Fitness-Anlagen und mit Angeboten, die der Nachfrage von heute entsprechen, liegt Helgoland im Trend der Zeit.
Entspanntes Nichtstun
Vor allem die Natur macht den Aufenthalt zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Die Kenner setzen sich nachmittags auf eine Bank auf dem Oberland und schauen zu, wie Seebäderschiffe die Reede zwischen Düne und Insel verlassen, sie beobachten Lummen, Dreizehenmöwen und Basstölpel, die in den Felsnischen Rast machen oder brüten, sie freuen sich im Frühjahr über die gelbe Blütenpracht des Klippenkohls. Abends schlagen die Insel-Urlauber ihre Kragen hoch, wandern gegen den Wind, zum Jachthafen oder zur Jugendherberge am Nordstrand. Manchmal endet der Spaziergang in „Didis Bürgerstuben“. Andere laufen noch ein Stück weiter, an den Hummerbuden vorbei, die jetzt zum Teil als Galerien dienen, oder sie lassen sich auf dem Oberland nochmal kräftig durchpusten. Danach muss ein Knieper-Essen folgen. Knieper sind Krebse, die im Gegensatz zum Helgoländer Hummer wirklich alle aus den Gewässern rund um den Felsen stammen. Frank Hoffmann


Auskunft: Helgoland-Touristic GmbH, Lung Wai 28, 27493 Helgoland, Telefon: 0 47 25/81 37-11 oder 12, Fax: 81 37-25, www.helgoland.de
Hotels und Privatquartiere: Hotel „Atoll“ (Telefon: 0 47 25/ 8 00-0, www.atoll.de); „Insulaner“ (Telefon: 0 47 25/8 14 10;
www. insulaner.com). Einen guten Überblick über Hotels, Gästehäuser und Privatquartiere gibt eine Broschüre der Touristic-GmbH.
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