ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002Therapie-Leitlinien: Umsetzung in Norwegen schwierig

AKTUELL: Akut

Therapie-Leitlinien: Umsetzung in Norwegen schwierig

Dtsch Arztebl 2002; 99(39): A-2517 / B-2149 / C-2013

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Eingefahrene Verhaltensweisen lassen sich kurzfristig nur schwer ändern. Diese Erfahrung machten norwegische Gesundheitsplaner, die Hausärzte dazu motivieren wollten, ihre Behandlung bei unkomplizierter Angina tonsillaris und Harnwegsinfekten Leitlinien anzupassen. Wie sie im British Medical Journal (2002; 325: 367–72) berichten, hatten auch „maßgeschneiderte“ Interventionen keinen Erfolg. Die Leitlinien, die das Norwegische Ärzteblatt im Jahr 2000 publiziert hatte, sehen vor, dass die Hausärzte bei einer Angina tonsillaris nicht routinemäßig Antibiotika verordnen sollen. Eine klinische Untersuchung und Labortests sind oftmals überflüssig. Die meisten Patienten müssen auch nicht in die Praxis einbestellt werden, sondern können telefonisch beraten werden. Bei einer unkomplizierten Harnwegsinfektion mit typischen Symptomen können nichtschwangere Patientinnen im Alter von 16 bis 55 Jahren zunächst ohne Labortests behandelt werden. Bei einer Wiederholung ist eine erneute Verordnung auch per Telefon möglich. Um es den Ärzten zu erleichtern, diese neuen Regelungen umzusetzen, wurde für die „Interventions“-Gruppe der Studie ein maßgeschneidertes Programm entworfen. Die Hausärzte erhielten eine Zusammenfassung der wichtigsten Empfehlungen als Poster und als Computer-Datei. Informationsmaterial für die Patienten wurde ebenfalls in elektronischer Form und auf Papier zur Verfügung gestellt.

Für ihren Praxiscomputer erhielten die Ärzte ein Programm, das sie bei der Therapieentscheidung beriet und sie an die Leitlinien erinnerte. Schließlich wurde das Honorar bei telefonischen Beratungen für die beiden Diagnosen von 22 auf 50 Norwegische Kronen erhöht, während das Honorar für eine Praxisvisite bei 110 Kronen für Allgemeinärzte und 155 Kronen für Spezialisten gleich blieb. Ärzte, die an dem Projekt teilnahmen, erhielten Punkte für ihr Fortbildungskonto.
Geholfen hat dies alles (leider) wenig. Zunächst konnten oder wollten von 292 eingeladenen Praxen 122 nicht an der Studie teilnehmen. Weitere 28 Praxen stiegen in der Anfangsphase der Studie aus, sodass nur 142 randomisiert werden konnten. Danach gingen noch einmal 30 Praxen verloren (zum Teil wegen Computerproblemen), sodass nur 113 Hausärzte an der Studie teilnahmen. In dieser Gruppe – möglicherweise eine Selektion von motivierten und/oder computertechnisch modern ausgerüsteten Ärzten – senkte die Intervention die Rate der Antibiotikaverschreibungen bei Angina gerade einmal um drei Prozent. Die Zahl der Laboruntersuchungen bei Harnwegsinfektionen ging um 5,1 Prozent zurück. Angesichts des hohen Aufwandes zeigen sich Signe Flottorp vom Norwegischen Sozial- und Gesundheitsamt („Sosial- og helsedirektorat“) und Mitarbeiter enttäuscht. Offenbar sei eine passive Intervention nicht erfolgversprechend, auch wenn sie auf die Hausärzte zugeschnitten ist. Die Autoren fordern eine „aktive“ Intervention, ohne dass allerdings klar wird, was genau sie darunter verstehen. Rüdiger Meyer
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