ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002Allgemeinärzte: Aus dem BDA wird der Hausärzteverband

POLITIK

Allgemeinärzte: Aus dem BDA wird der Hausärzteverband

Dtsch Arztebl 2002; 99(39): A-2524 / B-2154 / C-2018

Maus, Josef

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Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kossow sieht den Hausärzteverband nach den Beschlüssen des 105. Deutschen Ärztetages in Rostock am Ziel.
Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kossow sieht den Hausärzteverband nach den Beschlüssen des 105. Deutschen Ärztetages in Rostock am Ziel.
Während die Hausärzte weiterhin auf eine nachhaltige
Stärkung ihrer Rolle im Gesundheitswesen hoffen, steht
ein neuer Streit mit den Internisten an.

Wenn ein Berufsverband seinen Namen ändert und damit zugleich ein eingeführtes Markenzeichen aufgibt, dann muss das gewichtige Gründe haben. Die Allgemeinärzte haben dies beim 25. Deutschen Hausärztetag am 19. und 20. September in Koblenz getan. Aus dem BDA, dem Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands, ist jetzt der Deutsche Hausärzteverband e.V. geworden. „Es war ein langer und dornenreicher Weg, aber jetzt sind wir am Ziel“, kommentierte der Bundesvorsitzende Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kossow die Namensänderung. „Alle Voraussetzungen für eine qualifizierte und strukturierte Weiterbildung zum Hausarzt auf der gesetzlichen und der kammerrechtlichen Ebene sind geschaffen.“
Kossow bezieht sich damit auf den Beschluss des 105. Deutschen Ärztetages in Rostock, wonach der Hausarzt der Zukunft der „Arzt für Innere und Allgemeinmedizin“ mit einer einheitlichen fünfjährigen Weiterbildung sein wird. So gesehen bietet sich der „Deutsche Hausärzteverband“ bereits jetzt allen hausärztlich orientierten Internisten als berufsverbandliche Heimat an. Und Kossow glaubt, dass diese Heimat eine gute Zukunft verheißen wird.
In
Freundlicher Applaus für die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin: Ulla Schmidt (SPD) will die Rolle der Hausärzte weiter stärken. Fotos: Johannes Aevermann
Freundlicher Applaus für die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin: Ulla Schmidt (SPD) will die Rolle der Hausärzte weiter stärken. Fotos: Johannes Aevermann
seinem Bericht zur Lage zog der Hausärztechef eine überwiegend positive Bilanz der rot-grünen Gesundheitspolitik: „Die Regierung Schröder hat es nicht schlecht mit den Hausärzten gemeint.“ Das stimmt. Denn unter den Ministerinnen Andrea Fischer und Ulla Schmidt ist die bis dahin einheitliche Gesamtvergütung aller Kassenärzte getrennt worden – in einen hausärztlichen und einen fachärztlichen Topf. Ganz im Sinne der Allgemeinärzte waren ferner die Abschaffung des Arzneimittelbudgets und die Diskussion um Hausarzttarife. Auch Überlegungen, die auf eine weitgehende Reform der Kassenärztlichen Vereinigungen hinauslaufen, sind den Hausärzten durchaus willkommen, wie Kossow deutlich machte. Die unsichere Zukunft der KVen eröffnet dem Hausärzteverband nämlich verschiedene Optionen, die den Einfluss der Primärversorger nachhaltig stärken könnten – abhängig vom künftigen Regierungskurs.
Wie der aussehen wird, konnte Kossow bei seinem Bericht vor den Delegierten noch nicht wissen. Die Versammlung fand wenige Tage vor der Bundestagswahl statt. Doch der Hausärzteverband hat sich auf alle denkbaren Konstellationen eingestellt: Bleibt das solidarisch finanzierte Sachleistungsprinzip ohne eine Differenzierung in Grund- und Wahlleistungen (SPD), sollen die Versicherten über eine Selbstbeteiligung an den Behandlungskosten beim direkten Gang zum Facharzt beteiligt werden. Kommt es zu Wahlleistungen (Union und FDP), will der Verband einen obligatorischen Hausarzttarif mit der Einschreibung bei einem Hausarzt. In beiden Fällen soll der freie Zugang der Versicherten zu Augen- und Frauenärzten erhalten bleiben.
Sollten die Krankenkassen gestärkt und/oder die KVen so weit geschwächt werden, dass diese ihr Verhandlungsmonopol für Verträge zur ambulanten Versorgung verlieren, will der Hausärzteverband entweder eine Gewerkschaftsfunktion oder aber eine eigene Hausarzt-KV anstreben.
Entscheidend für den Erfolg der integrierten Versorgung
Weil die Prognosen zum Ausgang der Bundestagswahlen weder die Koalition noch die Opposition klar vorne sahen, äußerte sich der Vorsitzende des Hausärzteverbandes sehr zurückhaltend. Vor vier Jahren in Berlin sagte Kossow hingegen mehr oder weniger deutlich: „Die rot-grüne Koalitionssuppe dürfte den Hausärzten besser schmecken.“ Inzwischen ist klar, dass Rot-Grün erneut die Regierung stellen kann – mit einer knappen Mehrheit von wenigen Mandaten. Ob Ulla Schmidt auch in der kommenden Legislaturperiode Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin sein wird, ist derzeit noch offen. Auf dem Hausärztetag warb die Sozialdemokratin jedenfalls erneut mit ihrer Vorstellung vom Hausarzt als Lotsen im Gesundheitswesen. !
Schmidt, die mit viel Beifall empfangen worden war, blieb in ihren Aussagen eher vage. Sie kündigte zwar die „elektronische Gesundheitskarte“ an, ließ aber offen, ob damit der freie Zugang zu den Fachärzten verwehrt werden solle. Auch die Hausarztmodelle sprach die Ministerin an – allerdings mehr im Sinne einer freiwilligen Option für die Versicherten.
Einen besonderen Stellenwert der Hausärzte sieht Ulla Schmidt bei der integrierten Versorgung. Dieses Kernstück sozialdemokratischer Gesundheitspolitik könne nur mit den Hausärzten erfolgreich umgesetzt werden. Bislang war diese neue Kooperationsform von ambulanter und stationärer Versorgung ein Fehlschlag: Entsprechende Verträge gibt es nur vereinzelt.
Auch im Hinblick auf die Budgetierung legte sich die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin nicht fest. Zwar sei sie hinderlich für die koordinierte Zusammenarbeit, aber eine definitive Zusage, dass die Budgets abgeschafft werden, kam nicht.
Disease-Management-Programme: „In zwölf Monaten ruiniert“
Der Hausärzteverband wird gleichwohl mit der Neuauflage der rot-grünen Koalition gut leben können. Sein Einfluss dürfte eher wachsen als nachlassen. Vielleicht auch bei den Disease-Management-Programmen, deren bisheriges Schicksal Kossow bissig kommentierte: „Ein chancenreiches Thema wurde in nur zwölf Monaten ruiniert!“
Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes machte aus seiner Enttäuschung über das Verhalten der Krankenkassen keinen Hehl. Diese hätte die Verhandlungen mit kooperationsbereiten potenziellen Partnern wie den Hausärzten „schleifen lassen“ und stattdessen die Kassenärztlichen Vereinigungen bevorzugt. Die Kassen hätten ferner in Zusammenarbeit mit der Politik ihre wirtschaftlichen Interessen in Bezug auf den Risiko­struk­tur­aus­gleich und ihren Datenhunger über die Interessen der Patienten gestellt. Kossow: „Es bleibt nun nach den Wahlen abzuwarten, ob aus den verheerenden Fehlern genug gelernt worden ist, um es das nächste Mal besser zu machen.“
Was den Hausärzteverband in naher Zukunft aber noch stärker als die Folgen der Bundestagswahl beschäftigen dürfte, ist der erneut entbrannte Streit mit den Internisten. Unmittelbar vor dem Hausärztetag ist bekannt geworden, dass der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) den Beschluss des 105. Deutschen Ärztetages in Rostock zur Änderung der Weiter­bildungs­ordnung im Hinblick auf das neue Fach „Innere und Allgemeinmedizin“ offenbar nicht mehr mittragen will. Der BDI habe sogar erklärt, dass er die Beschlüsse des Ärztetages als „berufsrechtlich irrelevant“ ansehe und diese gegebenenfalls über die Bundesländer zu Fall bringen wolle. Dies ist theoretisch möglich, da die Weiter­bildungs­ordnungen letztlich Länderrecht sind.
Der Hausärzteverband sieht nunmehr in einer Arbeitsgruppe der Bundes­ärzte­kammer unter Leitung des bayerischen Präsidenten Dr. med. Hellmut Koch die letzte Chance auf eine einvernehmliche Gestaltung der Inhalte des neuen Fachgebiets – notfalls auch ohne Beteiligung des Berufsverbandes der Internisten. Josef Maus
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