ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002Ärzte ohne Grenzen: „Man hat uns dort wirklich geschätzt“

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Ärzte ohne Grenzen: „Man hat uns dort wirklich geschätzt“

Korzilius, Heike

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Seit Jahren betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Hilfsprojekt im Süd-Sudan. Fotos: Sabine Kampmüller
Seit Jahren betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Hilfsprojekt im Süd-Sudan. Fotos: Sabine Kampmüller
Neben der medizinischen Hilfe für Menschen in Not ist die persönliche Herausforderung ein wichtiges Motiv für die Mitarbeit in einem Projekt. Stimmen aus einem Vorbereitungskurs

Welcome to the Welcome Days“ steht auf der Tafel in einem der Seminarräume der Andreas Hermes Akademie in Bonn. Gut 20 Frauen und Männer – Ärzte, Krankenschwestern und Logistiker – haben sich hier eingefunden, um sich in einem dreitägigen Seminar auf ihren Einsatz in einem der Krisengebiete dieser Welt vorbereiten zu lassen. Für viele ist es der erste Hilfseinsatz überhaupt, für andere der erste mit der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières, MSF).
Einer der wenigen, die schon wissen, in welchem Projekt sie mitarbeiten werden, ist Jürgen. Der 36-jährige Anästhesist wird in zehn Tagen für gut drei Monate nach Sri Lanka ausreisen. „Seit Anfang des Jahres laufen dort Friedensverhandlungen zwischen den Bürgerkriegsparteien. Ich glaube, Sri Lanka ist ein gutes Ziel für den ersten Einsatz“, sagt er. In einem internationalen Team von sieben MSF-Mitarbeitern, darunter zwei Ärzte, sowie einheimischem Personal wird Jürgen in der Stadt Madhu für die medizinische Versorgung der Bevölkerung sorgen. MSF betreibt dort seit 1999 eine kleine Klinik. Vor der nach wie vor instabilen Sicherheitslage hat der Anästhesist keine Angst. „Ich frage mich eher, ob ich den fachlichen Anforderungen genüge“, sagt er. In Sri Lanka wird er als „Generalist“ für das gesamte Krankheitsspektrum zuständig sein.
Die Entscheidung darüber, wo, wann und wie die Hilfsorganisation tätig wird, treffen die fünf so genannten operational centers in Frankreich, Belgien, Holland, Spanien und der Schweiz. Die Büros in anderen Ländern sind zuständig für die Anwerbung von Mitarbeitern und Spenden sowie für die Öffentlichkeitsarbeit. Derzeit betreut Ärzte ohne Grenzen 200 Projekte in 80 Ländern. Voraussetzung für eine Bewerbung bei MSF ist für Ärzte das abgeschlossene AiP. Chirurgen und Anästhesisten müssen über eine abgeschlossene Facharztweiterbildung verfügen. Auf diese Standards haben sich die weltweit 18 Büros der Hilfsorganisation verständigt. Ein weiteres Kriterium ist die Verfügbarkeit. Pflegekräfte sollten neun bis zwölf Monate, Ärzte sechs Monate einsatzfähig sein. Ausnahmen gelten für Chirurgen und Anästhesisten. Ihr Einsatz ist bereits ab sechs Wochen beziehungsweise drei Monate willkommen. Entscheidend ist darüber hinaus, dass die Bewerber fließend Englisch sprechen. Der Sinn dieser Regelung erschließt sich spätestens bei den Welcome Days. Norweger, Schweden, Briten, Österreicher und Deutsche haben sich in Bonn eingefunden. Die Dozenten stammen aus der Schweiz, aus den Niederlanden, aus Belgien, Deutschland und Ghana. Auch in den Hilfsprojekten werden die „Neuen“ in internationalen Teams zusammenarbeiten. Die gemeinsame Sprache ist dort (über-)lebenswichtig.
„Interessant sind für uns natürlich auch Bewerber, die bereits Arbeits- oder Reiseerfahrung in Entwicklungsländern haben oder neben Englisch weitere Fremdsprachen wie Französisch, Spanisch, Portugiesisch oder Russisch sprechen“, sagt Andreas Fertig, Personalreferent des deutschen MSF-Büros in Bonn. Voraussetzung für einen Einsatz mit MSF sei dies aber nicht. Ähnliches gelte für tropenmedizinische Kenntnisse. Sie seien zwar wünschenswert, aber nicht verpflichtend.
Eineinhalb Jahre arbeitete Sabine Kampmüller in einem Basisgesundheitsprogramm im Sudan.
Eineinhalb Jahre arbeitete Sabine Kampmüller in einem Basisgesundheitsprogramm im Sudan.
Mariska absolviert in Vorbereitung auf ihren ersten Hilfseinsatz dennoch einen Tropenmedizin-Kurs in Heidelberg. Die 29-jährige Ärztin, die sich in der Weiterbildung für Innere Medizin befindet, hat ihren befristeten Arbeitsvertrag auslaufen lassen, um für einen Einsatz verfügbar zu sein. Sich für ein Jahr freistellen zu lassen wäre an ihrer Klinik unmöglich gewesen, vermutet sie. Die Vorurteile gegenüber humanitären Hilfseinsätzen sind hierzulande offenbar immer noch deutlicher ausgeprägt als in anderen Ländern. „Entwicklungshilfe machen doch nur Leute, die woanders keinen Job bekommen“, beschreibt Mariska die Reaktion eines Kollegen auf ihre Entscheidung. Viele fürchten deshalb einen Karriereknick, wenn sie sich zur Mitarbeit in der humanitären Hilfe entschließen. „Dabei sind die Leute so motiviert. Schon allein aufgrund ihres Engagements können sie nach ihrer Rückkehr wertvolle Mitarbeiter sein“, hält Mariska dagegen.
Optimistischer, was seine Freistellung betrifft, ist Egil. Der 61-jährige Norweger, der perfekt Englisch und Deutsch spricht, hat nach 20 Jahren seine eigene Praxis aufgegeben, weil er der zunehmenden Bürokratie überdrüssig war, und arbeitet jetzt in einer Poliklinik. Er ist überzeugt, dass sein Chef einer Freistellung für ein halbes Jahr zustimmen wird.
Trotz des straffen Zeitplans ist die Stimmung unter den Teilnehmern des Vorbereitungsseminars gelöst. Auf dem Stundenplan stehen die Geschichte der humanitären Hilfe, multikulturelle Kommunikation, Sicherheitsrichtlinien, Verhaltensregeln, Stressmanagement und natürlich die ideelle und organisatorische Struktur von Ärzte ohne Grenzen. „Mir gefällt an den Welcome Days vor allem der intensive Kontakt mit den anderen Bewerbern und den projekterfahrenen Mitarbeitern von MSF“, sagt Mariska. Angesichts der Komplexität des Programms hätte sie jedoch gerne länger als drei Tage Zeit für die Vorbereitung gehabt. Die Welcome Days haben ihr unter anderem verdeutlicht, dass es während des Hilfseinsatzes Situationen geben kann, in denen sie überfordert ist. „Ich war noch nie in einer lebensbedrohlichen Situation und kann von daher meine Reaktion nicht wirklich einschätzen.“
Neben dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes gehört Ärzte ohne Grenzen meist zu den Letzten, die ein Krisengebiet verlassen, wenn sich die Sicherheitslage dramatisch verschärft. Die Organisation verfügt deshalb über strenge Sicherheitsrichtlinien und einen Evakuierungsplan für den Fall, dass die Lage für die Mitarbeiter vor Ort zu gefährlich wird. Arno Mulders, ebenfalls Personalreferent in Bonn, weist in diesem Zusammenhang auf die zuweilen frustrierende Beschränkung der persönlichen Freiheit hin. Er hat lange für MSF in Sarajewo gearbeitet. „Ohne Helm und kugelsichere Weste durften wir das Haus nicht verlassen. Auch dann nicht, wenn man nur etwas im Auto vergessen hatte, das zehn Meter weiter parkte.“
„Ich halte das Seminar für sehr sinnvoll“, sagt Sabine. „Die Leute müssen wissen, wie ernst die Lage werden kann.“ Die 29-jährige Krankenschwester aus Österreich arbeitet derzeit im Wiener Büro von MSF. Zuvor war sie für die Organisation zwei Jahre lang in einem Slumprojekt in Kenia, drei Monate in einem Wasserprojekt in Bergkarabach und gut eineinhalb Jahre in einem Basisgesundheitsprogramm im Süd-Sudan tätig. „Was die Hilfe betrifft, habe ich mit sehr idealistischen Vorstellungen begonnen. Mittlerweile bin ich realistischer geworden“, sagt Sabine. „In Nairobi fand meine erste wirkliche Begegnung mit Aids statt. Wir konnten damals nichts tun, um die Kranken zu behandeln. Es war schlimm zu sehen, wie auch unsere Mitarbeiter starben.“
Im Bürgerkriegsgebiet des Süd-Sudan war es die prekäre Sicherheitslage, die zu unterschwelliger Anspannung führte. „Es ist eigenartig, wie sehr man sich daran gewöhnen kann“, meint Sabine im Rückblick. Dort sei ihr auch bewusst geworden, wie wichtig die von MSF propagierte Neutralität und Unabhängigkeit von staatlichen, militärischen oder religiösen Einflüssen und Gruppierungen ist. Die Sudanesen seien zunächst skeptisch gewesen, weil sie glaubten, MSF handele im Auftrag der Regierung. „Aber in der Folge haben sie uns wirklich geschätzt. Jemand von ,draußen‘ interessierte sich für ihre Sitation und konnte der Welt darüber berichten.“ Den Hilfebedürftigen als Zeugen zu dienen ist neben der medizinischen Hilfe der zweite Grundpfeiler der MSF-Philosophie. Je nach Ernst der Lage reichen die Mittel der Berichterstattung von der stillen Diplomatie bis zur Einschaltung der Medien. Um ihre Unabhängigkeit zu bewahren, hat sich die Organisation die Verpflichtung auferlegt, dass mindestens 50 Prozent ihrer Mittel aus privaten Spenden stammen müssen. „Wir wollen selber entscheiden, welche Projekte wir wo realisieren“, sagt ein MSF-Mitarbeiter. „Im Zweifelsfall auch gegen den Willen der Regierung des betroffenen Landes.“
In Rollenspielen können die Teilnehmer ausprobieren, wie schwierig zuweilen die Kommunikation mit Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen sein kann. Trainiert wird unter Anleitung von Toni Kofi, der aus Ghana stammt und seit Jahren in Amsterdam lebt. Die Spielsituationen betreffen unter anderem den Umgang mit lokalen Mitarbeitern und den Versuch, für ein Projekt die Unterstützung der örtlichen Dorfgemeinschaft zu gewinnen – durchaus realistische Situationen, wie Sabine aus eigener Erfahrung bestätigen kann: „Im Vorfeld einer großen Impfkampagne gegen Meningitis musste ich mit den lokalen Autoritäten verhandeln, weil wir zur reibungslosen Durchführung auf deren Kooperation angewiesen waren. Davor hatte ich Angst. Wenn man sich allerdings Zeit für Gespräche nimmt, funktioniert es.“ Die Tatsache, dass sie eine Frau ist, habe weniger Schwierigkeiten verursacht als befürchtet. „Die chiefs haben mich schlicht nicht als ,normale‘ Frau in ihrem Sinne angesehen.“
Rund 200 Bewerber zählt MSF-Deutschland jährlich. Gut 60 Prozent von ihnen werden nach Auswertung der Bewerbungsunterlagen und einem rund zweistündigen Interview in den Projektpool aufgenommen. Dabei ist die Organisation ständig auf der Suche nach neuen Mitarbeitern, obwohl bei den „Altgedienten“ keine Projektmüdigkeit zu spüren ist. Befragt nach ihren Plänen antwortet Sabine: „Ich will wieder rausgehen.“
Heike Korzilius
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