ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002Forschung: Pionierleistung in Heidelberg

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Forschung: Pionierleistung in Heidelberg

Dtsch Arztebl 2002; 99(39): A-2539 / B-2169 / C-2032

Seiler, Christoph M.

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LNSLNS Klinisches Studienzentrum Chirurgie läuft erfolgreich.

Die patientenorientierte Forschung in Deutschland ist im Gegensatz zur grundlagen- und krankheits-orientierten Wissenschaft in einem problematischen Zustand. Die Ursachen sind vielfältig und nach einer Studie der Boston Consulting Group auf die fehlende räumliche Infrastruktur in den Kliniken, eine mangelnde Koordination von Studien, die fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten in klinischer For-schung/Epidemiologie und eine hohe Komplexität der Ethikkommissions-verfahren sowie die mangelnde Teilnahmebereitschaft von Patienten an klinischen Studien zurückzuführen.
Unter allen angewandten Studienty-pen ist die randomisierte kontrollierte Studie als Gold-Standard anzusehen. Sie ist zugleich der anspruchvollste und schwierigste Studientyp und verursacht damit in der Regel die höchsten Kosten. Derzeit werden Studien dieses Typs zu 70 Prozent durch die pharmazeutische Industrie durchgeführt und sind oftmals bereits durch Einflüsse des Marketings gesteuert. Aus akademischer Sicht ist diese Entwicklung kritisch zu werten. Den Universitäten und akademischen Lehrkrankenhäusern fehlt oft das Geld, Studien dieser Art selbstständig durchzuführen. Mit der Einrichtung der Koordinierungszentren für Klinische Studien (KKS) wurde vonseiten der öffentlichen Hand der Versuch unternommen, die patientenorientierte Forschung wesentlich zu stärken. Diese fakultätsübergreifenden Einrichtungen scheinen ideal für die Verbesserung der bisherigen Situation.
Ziel der Medizin ist es, Unsicherheiten in Therapie, Diagnostik und Prognoseabschätzung zu beseitigen. Diese Fragestellungen entstehen bei der Betreuung von Patienten und können unter Anwendung der evidenzbasierten Medizin (EbM) gelöst werden. Dabei fällt das eklatante Missverhältnis von Evidenz zu offenen Fragen auf. Deshalb wurde an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg ein neuer Ansatz entwickelt. Innerhalb der Abteilung für Allgemein-, Viszeral-, Unfallchirurgie und Poliklinik (Direktor: Prof. Dr. med. Markus W. Büchler) wurde das Klinische Studienzentrum Chirurgie (KSC) eingerichtet, das speziell für die Belange der Chirurgie Evidenz mit dem Instrumentarium der klinischen Epidemiologie schaffen wird. Damit können vier von fünf der am Anfang aufgeführten Probleme gelöst werden. Als wesentlicher Erfolgsfaktor wird die Verankerung der Forschung in der Klinik gesehen, damit die Studien dort entwickelt, durchgeführt und ausgewertet werden, wo die Fragen entstehen, nämlich beim Patienten. Daraus ergibt sich die Zusammensetzung der Mitarbeiter, die in diesem Fall aus Chirurgen und Studienschwestern bestehen, die sowohl im KSC als auch in der Krankenversorgung tätig sind.
Kooperation mit der Industrie
Die notwendige Finanzierung kann derzeit nur in Kooperation mit der Industrie erfolgen, weil die Mittel der öffentlichen Hand für eine derartige Forschung nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Der Einfluss auf die wissenschaftlichen Projekte lässt sich aber durch klinikunabhängige Unterstützung und Monitoring der Studien durch die KKS kontrollieren. Die Einhaltung wesentlicher Qualitätsmerkmale von Studien im Sinne von Good Clinical Practice und der Deklaration von Helsinki wird zusätzlich durch nationale und internationale Boards sichergestellt.
Das Konzept aus der Klinik für die Klinik erscheint auf andere Fachrichtungen zwanglos übertragbar. Einrichtungen wie das KSC müssen und können nicht zwingend an jeder akademisch klinischen Einrichtung vorgehalten werden. Die derzeitige Personaldecke an Klinikern, die zusätzlich klinisch epidemiologisch tätig sind, ist sehr dünn. Dennoch ergibt sich durch das KSC die Möglichkeit einer Forschung, die direkt am und mit dem Patienten im Rahmen der Krankenversorgung stattfindet. Dr. med. Christoph M. Seiler
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