ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002Ethische Aspekte neonatologischer Forschung: Die Sicht von Eltern, Pflegenden und Ärzten

MEDIZIN: Editorial

Ethische Aspekte neonatologischer Forschung: Die Sicht von Eltern, Pflegenden und Ärzten

Dtsch Arztebl 2002; 99(39): A-2554 / B-2180 / C-2043

Dahl, Matthias; Hoffmann, Johannes; Styllos, Marianthi; Wiesemann, Claudia

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LNSLNS Forschung in der Kinderheilkunde stößt oft auf besondere Besorgnis vonseiten der Öffentlichkeit. Denn Kinder und Jugendliche zählen zu den so genannten vulnerablen Gruppen, die aufgrund begrenzter Einwilligungsfähigkeit oder ihrer Abhängigkeit von anderen Personen leichter der Gefahr eines Missbrauchs von Forschung ausgesetzt sind. Die stellvertretende Einwilligung stellt Eltern wie Ärzte vor große Probleme (1). Darf man Eltern die Entscheidung über so konfliktbeladene Fragen überhaupt zumuten? Vorausgegangene empirische ethische Studien haben darauf teilweise widersprüchliche Antworten gegeben (25).
Anlässlich der CHF-PRO-INFANT-Studie ist eine Forschergruppe der Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Göttingen der Frage nachgegangen, wie Eltern, Pflegende und Ärzte die Teilnahme von Säuglingen an einer klinischen Studie erleben und bewerten. Die Autoren führten halbstrukturierte Interviews mit 26 Müttern und Vätern von 17 Säuglingen sowie mit 15 Pflegenden und sieben Ärzten durch, die unmittelbar an der Studie beteiligt waren. Die Interviews dauerten durchschnittlich 71 Minuten und erfolgten ein bis 37 Monate nach Beendigung der Studie. Die Eltern von vier in der Zwischenzeit verstorbenen Kindern wurden nicht kontaktiert. Drei Elternpaare antworteten nicht auf die Anfrage. Gefragt wurde, wie die Studienrekrutierung, das Informed-Consent-Verfahren und die Randomisierung erlebt wurden sowie nach den retrospektiven Wünschen und Verbesserungsvorschlägen der Beteiligten.
Die Auswertung der Interviews zeigt, dass Eltern und Pflegende den Informed Consent als deutlich weniger problematisch ansehen als die beteiligten Ärzte. Nur zwei der interviewten Eltern wünschten sich mehr Informationen während des Aufklärungsgesprächs, wohingegen fünf von sieben Ärzten der Meinung waren, die Eltern hätten wegen psychischer Belastung den Aufklärungsgesprächen nicht ausreichend folgen können. Problematischer fanden einige Eltern (in 7 von 17 Interviews) das Randomisierungsverfahren, das sie als moralisch bedenklich einschätzten, obgleich sie hinreichend darüber aufgeklärt worden waren und ihnen die wissenschaftliche Rationale einsichtig war.
Eltern bewerten Studie positiv
Im Nachhinein fanden es alle Eltern richtig, dass ihnen die Teilnahme an der Studie angeboten worden war. Vier Eltern beurteilten die Studienteilnahme als durchweg positiv. Zehn Eltern hätten sich eine intensivere psychologische und emotionale Betreuung während der Studie gewünscht. Diese Wünsche richten sich vor allen Dingen an die betreuenden Ärzte. Fünf Eltern dachten, dass eine Studienteilnahme eine bessere Betreuung des Kindes durch das medizinische Personal zur Folge hätte.
´Die Schlussfolgerungen lauten: Das Informed-Consent-Verfahren hat für Eltern einen geringeren Stellenwert als für Ärzte. Während es für Ärzte wichtig ist, die moralische Verantwortung für die Durchführung einer Studie mit den Eltern zu teilen, sind für Eltern die Ereignisse nach der Studienrekrutierung wichtiger. Mit einer Studie verbinden viele Eltern die Hoffnung, dass ihr Kind und sie selbst besonders gut betreut werden. Studienbedingte Ereignisse nach dem Informed Consent – wie zum Beispiel die Randomisierung – können das Vertrauen von Eltern erschüttern und müssen von Gesprächsangeboten begleitet werden. Die emotionalen Bedürfnisse von Eltern sind besonders groß. Eine gute psychologische Betreuung sollte Eltern das Gefühl geben, ernst genommen zu werden und an Entscheidungsprozessen beteiligt zu werden.

Manuskript eingereicht und angenommen: 26. 6. 2002

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 2554 [Heft 39]

Literatur
1. Dahl M, Wiesemann C: Forschung an Minderjährigen im internationalen Vergleich: Bilanz und Zukunftsperspektiven. Ethik Med 2001; 13: 87–110.
2. Mason SA, Allmark PJ, for the Euricon Study Group: Obtaining informed consent to neonatal randomised controlled trials: interviews with parents and clinicians in the Euricon study. Lancet 2000; 356: 2045–2051.
3. Postlethwaite RJ, Reynolds JM, Wood AJ, Evans JHC,
Lewis MA, Eminson DM: Recruiting patients to clinical
trials: lessons from studies of growth hormone treatment in renal failure. Arch Dis Child 1995; 73: 30–35.
4. Snowdon C, Garcia J, Elbourne D: Making sense of randomization; responses of parents of critically ill babies to random allocation of treatment in a clinical trial. Soc Sci Med 1997; 45: 1337–1355.
5. Van Stuijvenberg M, Suur MH, de Vos S, Tijang GCH, Steyerberg EW, Derksen-Lubsen G et al.: Informed consent, parental awareness, and reasons for participating in a randomised controlled study. Arch Dis Child 1998; 79: 120–125.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Claudia Wiesemann
Ethik und Geschichte der Medizin
Universität Göttingen
Humboldtallee 36
37073 Göttingen
E-Mail: cwiesem@gwdg.de

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