ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002Juckreiz - Eine diagnostische und therapeutische Crux: Nebenwirkungsprofil unbeachtet

MEDIZIN: Diskussion

Juckreiz - Eine diagnostische und therapeutische Crux: Nebenwirkungsprofil unbeachtet

Dtsch Arztebl 2002; 99(39): A-2565 / B-2190 / C-2053

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LNSLNS Zu der im Artikel beschriebenen topischen Therapie mit Capsaicin, welches „bei unterschiedlichen pruritusassoziierten Erkrankungen zur Linderung des Juckreizes bewährt“ sei, möchten wir auf zwei Probleme bei der Anwendung hinweisen.
Durch die Depletierung der Substanz-P-Speicher der C-Afferenzen kommt es initial häufig zu brennenden Dysästhesien im Anwendungsbereich, auf die die Patienten vorher aufmerksam gemacht werden sollten. Dabei kann auch über die vorübergehende Natur dieser unerwünschten Wirkung aufgeklärt werden.
Ein weiterer Aspekt dieser Therapie ist die Möglichkeit, die funktionelle Ausschaltung der C-Fasern durch die Kontrolle des Axon-Reflexes nach Applikation von 0,1- bis 1-prozentiger Histamindihydrochloridlösung mittels eines Haut-Prick-Testes überprüfen zu können. Bei ausreichender Wirkung ist auch die Reflexrötung weitestgehend supprimiert. Oftmals ist eine wiederholte Anwendung von Capsaicin oder die Erhöhung der topischen Konzentration der Substanz erforderlich, um optimale Wirksamkeit zu gewährleisten.
Dem steht jedoch vielfach die beschriebene initiale Missempfindung entgegen, sodass die Therapie mit Capsaicin eine ausführliche Beratung des kooperationswilligen Patienten zur Voraussetzung hat. Darüber hinaus eignen sich entzündliche Hauterkrankungen mit starker Irritabilität oftmals nicht für eine Therapie mit dieser Substanz.
Auch bei der Anwendung von Doxepin zur topischen Therapie bei atopischem Ekzem sollten Arzt und Patient über häufiger auftretende unerwünschte Wirkungen informiert sein. Die Substanz wird perkutan recht gut resorbiert, was zur unerwünschten Sedierung schon nach Behandlung kleinerer Teile der Körperoberfläche führen kann.
Neuere Untersuchungen zur zentralnervösen Verarbeitung der Juckreizempfindung weisen darauf hin, dass es sich bei Pruritus ähnlich wie bei Schmerz um eine komplexe, multifaktorielle Sinneswahrnehmung handelt. Funktionelle Kovariable der Juckreizverarbeitung können mit modernen bildgebenden Verfahren wie Positronen­emissions­tomo­graphie ermittelt werden. Hierbei konnte eine Koaktivierung von anteriorem Gyrus cinguli, bilateral motorischen Arealen, somatosensorischen Arealen sowie im Bereich von frontalem und parietalem Kortex nachgewiesen werden (1,2). Es wurden dabei sowohl Parallelen als auch deutliche Unterschiede zur Verarbeitung der Schmerzempfindung gezeigt (3).
In der Juckreiztherapie bewähren sich daher oftmals Kombinationen von topischen und systemischen, auf das zentrale Nervensystem gerichtete Therapieformen.

Literatur
1. Hsieh JC, Hägermark O, Stahle-Backdahl M, et al.: Urge to scratch represented in the human cerebral cortex during itch. J Neurophysiol 1994; 72: 3004– 3008.
2. Darsow U, Drzezga A, Frisch M, et al.: Processing of histamine-induced itch in the human cerebral cortex: A correlation analysis with dermal reactions. J Invest Dermatol 2000; 115: 1029–1033.
3. Drzezga A, Darsow U, Treede RD, et al.: Central
activation by histamine-induced itch. Analogies to pain processing: a correlational analysis of O-15 H2O positron emission tomography studies. Pain 2001; 92: 295–305.

Priv.-Doz. Dr. med. Ulf Darsow
Prof. Dr. med. Dr. phil. Johannes Ring
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein TU München
Postfach 40 18 40
80718 München

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