ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002Romantikjahr 2002: „Poetischer Widerstand“

VARIA: Feuilleton

Romantikjahr 2002: „Poetischer Widerstand“

Dtsch Arztebl 2002; 99(39): A-2566 / B-2191 / C-2054

Juds, Bernd

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Schloss Branitz Fotos: Kulturland Brandenburg
Schloss Branitz Fotos: Kulturland Brandenburg
Mit Ausstellungen, Lesungen und Konzerten
stellt sich das Kulturland Brandenburg vor.

Mit der Parole „Friede den Landschaften“ riet der Soziologe Wolfgang Engler neulich in einem Essay in der „Frankfurter Allgemeinen“ den neuen Bundesländern, sich als „Gegenbild“ zum Westen zu verstehen, das nicht den größeren Bruder imitiert. Vielmehr solle hier ein „Ruhe- und Regenerationsraum“ kultiviert werden, der dem „Westen unschätzbare Dienste leisten“ und obendrein „die Zukunft repräsentieren“ könnte, „statt Sorgenkind zu sein“. Eine absurde Utopie? „Poetischer Widerstand“ gegen die Zeitläufe ist angesagt. Brandenburg zum Beispiel – als letztes Refugium der deutschen Romantik?
Schloss Branitz, Salon
Schloss Branitz, Salon
Das Romantische zwischen Kleists Oder-Frankfurt, Hoffmanns Berlin, Webers Dresden und Eichendorffs abgekoppeltem Schlesien lebt irgendwo in jenem angeblich drögen Neubundesland weiter, welchem man zu Hölderlins Zeiten allenfalls seine „Sandpoeten“ zubilligte. Kurz entschlossen hat die Potsdamer Landesregierung jetzt, um die Jahresmitte, ein regelrechtes „Romantikjahr“ ausrufen lassen. „Nicht nur Heidelberg, Jena und Berlin“ seien bemerkenswerte Romantikorte, sagte die Kulturministerin Joanna Wanka. Auch das ländliche Brandenburg besitze poetische „Musenhöfe“ von Dichtern und Gelehrten. Also will man in Preußens blaublütigen Revieren nach der eigenen Spezies der „Blauen Blume“ forschen (übrigens mit rosarot plakatierter und prospektierter Werbung „Kulturland Brandenburg – Romantikjahr 2002“).
Walter Moras, Spreewald
Walter Moras, Spreewald
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Gemalt haben vor allem die sächsischen und Berliner Paysagisten, von denen einige jetzt in der Spreewald-Metropole Lübben ausgestellt sind. Galt und gilt doch der Spreewald als Inbegriff romantischer Landschaft: Im 19. Jahrhundert baute man dort noch Kahn-Einbäume, viele Maler und Poeten suchen unter alten Eichen und in der noch höchst lebendigen sorbischen Sagenwelt Zuflucht. Die Lübbener Bilderschau zeigt denn auch viele Raritäten – von meisterlichen „botanisch-ethnographischen“ Aquarellen des Dresdners Christian Gottlob Hammer (1779–1864) bis zu dem bekannten Ölgemälde „Wendische Begräbnisfeier“, für das der Berliner Genremaler Adolf Burger 1869 auf der Münchner Kunstausstellung die Goldmedaille erhielt. Burgers Meisterzeichnungen werden ergänzt durch Landschaften des sorbischen Spätromantikers Fritz Lattke mit ihren hohen Himmeln über den Spreesümpfen.
Kleist-Museum
Kleist-Museum
An anderen brandenburgischen Orten gibt es andere Einstimmungen ins Romantik-Thema: Kleinstädte der Uckermark zelebrieren Konzerte mit Fanny Hensel-Mendelssohn und Clara Schumann und Orgelwerken der Frühromantik. Im malerisch-verschlafen gelegenen Zisterzienserkloster Chorin geht es in einer Ausstellung um die „Faszination der Ruinen“. Cottbus erinnert an seinen großen Romantiker Carl Blechen und lässt die Briefe Bettina von Arnims an den Park-Romantiker-Fürsten Pückler lesen – hier will man „die Tradition des romantischen Salons wieder aufleben“ lassen. Natürlich wird allerorten auch an Carl Maria von Webers Bindungen an (bis 1815 zu Sachsen gehörende) Süd-Brandenburg erinnert: In Pücklers Park-Schlösschen Branitz bei Cottbus wird über „Freischütz – Wechselwirkung zwischen Oper und Landschaftskunst“ – philosophiert.
Schloss Nennhausen
Schloss Nennhausen
An vielen Dichter-Orten werden die Lokalgrößen zelebriert: Das Oder-Frankfurt präsentiert in der Kleist-Gedenkstätte „Eine neu entdeckte Kleist-Handschrift“, bei Fouqués Schloss Nennhausen wird seine „Undine“ als Puppenspiel gezeigt. Das Domstift zu Brandenburg erinnert an den angeblichen „Thron-Romantiker“ Friedrich-Wilhelm IV. Romantische Restauration: In der einstigen DDR-Bauernhochschule im Schloss Paretz bei Potsdam können „die ehemals vom Königspaar bewohnten Räume samt ihren kostbaren Tapeten wieder bewundert werden“.
In der Landeshauptstadt Potsdam führt man das Nicht-Rokoko vor: das „Tudor-Schloss“ Babelsberg, die romantisch am schilfigen Ufer der Havel postierte Heilandskirche und den archaisierenden Ruinenberg im Park von Sanssouci. Zugleich soll die Jugend via „Living Romanticism“ vom populären Rechts-drall weggebracht werden in vernünftigere Gefilde: Das Bildungsministerium hat einen „Jugend-Literaturwettbewerb“ ausgeschrieben – unter Novalis’ Motto „Alle Märchen sind nur Träume von jener heimlichen Welt, die überall und nirgends ist“. Die festliche Preisverleihung findet Ende November im Schlosstheater Sanssouci statt.
Weitere Informationen: Kulturland Brandenburg e.V., Schlossstraße 1, 14467 Potsdam, Internet: www.kulturlandbran denburg.de
Bernd Juds

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