ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002Medizintechnik: Intelligenter Draht für die Kardiologie

VARIA: Technik

Medizintechnik: Intelligenter Draht für die Kardiologie

Dtsch Arztebl 2002; 99(39): A-2569 / B-2193 / C-2057

Müllges, Kay

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Während der Katheteruntersuchung wird anhand des winzigen Führungsdrahtes mit Drucksensor der Blutfluss unmittelbar an der verstopften Arterie gemessen. Foto: RADI Medical Systems GmbH
Während der Katheteruntersuchung wird anhand des winzigen Führungsdrahtes mit Drucksensor der Blutfluss unmittelbar an der verstopften Arterie gemessen. Foto: RADI Medical Systems GmbH
Die koronare Angiographie wurde entwickelt, um entscheiden zu können, ob die Arterien so weit verengt sind, dass der Blutfluss ernsthaft unterdrückt ist. Früher war das eine komplizierte Methode, heute ist die Angiographie selbst relativ einfach geworden, aber die Interpretation der Ergebnisse ist ungleich schwieriger als früher. Zwei Hauptfragen muss sich der Kardiologe heute stellen: Wie stark muss eine Stenose sein, um eine klinisch relevante Reduktion des Blutflusses zu erzeugen? Und: Inwiefern hängt die Schwere einer Stenose mit ihrem Hang zusammen, einen Infarkt herbeizuführen?
„Jede vierte Operation der Herzgefäße ist überflüssig!“ Mit dieser Vorstellung eröffnete Lars Tenerz von der Firma Radi-Medical aus Uppsala einen Presseworkshop in Berlin. Neuere Studien, so der Vizepräsident der Firma, hätten gezeigt, dass mit der Methode der so genannten „Fraktionierten Flussreserve“ (FFR) eine weit präzisere Abschätzung der OP-Notwendigkeit möglich sei als bisher. Anders als der Name suggeriert, misst FFR nicht den Blutfluss. Vielmehr basiert die Methode auf der physiologischen Bestimmung der funktionellen Schwere einer Stenose. Dabei werden die Werte des distalen Koronardrucks in Relation zu den Myokard-Blutdruck-Werten gesetzt, und zwar während einer künstlich herbeigeführten maximalen Vasodilatation. Mehrere klinische Studien der letzten Zeit haben nun gezeigt, dass ein FFR-Niveau > 0,75 anzeigt, dass keine bedrohlichen Stenosen vorliegen, der Patient also auch nicht operiert werden muss.
Parallel zur Entwicklung der FFR-Methode hat die kleine schwedische Firma einen Druckdrahtsensor entwickelt, mit dem die FFR-Werte sicher und präzise gemessen werden können. Zwei Sensoren am Katheter messen Druck und Temperatur und übermitteln die Werte an den so genannten Radi-Analyzer. In Echtzeit kann der Operateur am Bildschirm die FFR-Werte ablesen und seine Diagnose entsprechend stellen.
Positive Erfahrungswerte
Im Jahr 2001 auf den deutschen Markt gebracht, arbeiten mittlerweile 40 Krankenhäuser – von der Uni-Klinik bis zum Kreiskrankenhaus – mit dem Pressure-Wire.
„Unsere Erfahrungen mit dem Druckdrahtsensor sind gut“, meint Prof. Andreas Zeiher von der Universitätsklinik Frankfurt/Main. Das System habe sich insbesondere bei seriellen Stenosen und bei eher diffusen Sklerosen bewährt. Er berichtete über ein Beispiel aus seiner klinischen Praxis: „Wir hatten einen 75-jährigen Patienten mit einem 18 Jahre zurückliegenden ausgedehnten Hinterwandinfarkt. Die optische Diagnose ergab eine 60-prozentige Verengung der Arterie, und ich war sicher, dass wir bei diesem Patienten eine Bypass-Operation durchführen müssten, wegen des Alters und Zustands des Patientens riskant. Die FFR-Messung mit dem Druckdrahtsensor ergab dann allerdings einen Wert von 0,92, sodass wir auf eine Operation verzichten konnten.“
Kritische Stimmen
Gute Eigenschaften billigt auch Professor Dr. med. Eckhart Fleck vom Deutschen Herzzentrum Berlin dem Druckdrahtsensor zu: „Die Messtechnik ist einfach, die Signale sind stabil, und man kann die FFR gut validieren.“ Für den Einsatz in wissenschaftlichen Studien sei der Pressure-Wire daher durchaus sinnvoll und sogar notwendig – nicht aber im klinischen Alltag. „In der Praxis ist die FFR weitgehend ersetzbar durch andere nicht invasive Ischämienachweise und durch die klinische Erfahrung des behandelnden Arztes. Außerdem sind die Kosten zu hoch.“
Tatsächlich kostet ein Draht, der nur einmal verwendbar ist, nach Herstellerangaben 560 Euro und ist damit acht- bis zehnmal teurer als herkömmliche Drähte. Die Herstellerfirma hat ein Gutachten erstellen lassen, nach dem die Kostenminderungen durch die Vermeidung unnötiger Operationen um ein Vielfaches höher seien als die in der Tat hohen Kosten des klinischen Einsatzes – eine Argumentation, der man auf dem Presseseminar in Berlin nicht unbedingt folgen mochte. Zu spekulativ seien die Zahlen, zu ungewiss die Annahmen über die weitere Verbreitung der Technik. Kay Müllges
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema