ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002Diagnostica-Industrie: „Verfehlte Politik der Selbstverwaltung“

VARIA: Wirtschaft

Diagnostica-Industrie: „Verfehlte Politik der Selbstverwaltung“

Dtsch Arztebl 2002; 99(39): A-2570 / B-2194 / C-2058

Rabbata, Samir

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Dr. Volker Oeding, Vorsitzender des Verbandes der Diagnostica- Industrie: „Das Gesundheitswesen ist nicht durch stupides Sparen zu retten.“ Foto:VDGH
Dr. Volker Oeding, Vorsitzender des Verbandes der Diagnostica- Industrie: „Das Gesundheitswesen ist nicht durch stupides Sparen zu retten.“ Foto:VDGH
Die Diagnostica-Hersteller sehen erwartungsgemäß keine Einsparungen durch Labor-Budgets.

Scharfe Kritik an der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und den gesetzlichen Krankenkassen hat der Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH) geübt. Dr. Volker Oeding, Vorsitzender des Industrieverbandes, warf Vertragsärzten und Krankenkassen vor, durch „die von ihnen zu verantwortende Budgetierung von laborärztlichen Leistungen“ die Qualität der gesundheitlichen Versorgung zu gefährden. Man könne nicht der Labordiagnostik die Verantwortung für steigende Kosten im Gesundheitswesen zuschieben.
Kritik an Labor-Budget
Nach Angaben des VDGH wuchsen die Gesamtausgaben der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) zwischen 1993 und 2001 um rund 28 Prozent (Grafik). Die Aufwendungen für Labordiagnostik hätten sich dagegen um fünf Prozent vermindert. Oeding erwähnte allerdings nicht, dass es von 1993 bis 1998, also bis unmittelbar vor Einführung des Labor-Budgets zum 1. Juli 1999, zu einem Anstieg der Aufwendungen für Labordiagnostik um 6,9 Prozent gekommen ist. Erst unter Budgetbedingungen waren weitere Einsparungen erfolgt.
Mit der Einführung des Labor-Budgets wollte die Selbstverwaltung ausufernde Kosten im Laborbereich vermeiden. Leitgedanke war deshalb, dass man bei gleicher Leistungsqualität stärkere Anreize zum medizinisch notwendigen Umgang mit Laborleistungen schafft. Die Verantwortung für die Wirtschaftlichkeit sollte dem Veranlasser der Leistungen übertragen werden.
Nach Einschätzung des VDGH habe sich die Budgetierung von Laborleistungen bisher nicht bewährt. Zwar seien Anordnungen von Spezialuntersuchungen um 35 Prozent zurückgegangen. Ein sinkender Bedarf an solchen Diagnoseverfahren könne daraus aber nicht abgeleitet werden. Dies hätte auch eine Untersuchung beim diesjährigen Deutschen Labortag ergeben. Zahlreiche Bürger hätten die Möglichkeit genutzt, kostenfrei bestimmte Diagnosen vornehmen zu lassen. Ein erheblicher Teil der Teilnehmer trug Krankheiten in sich, von denen der Einzelne nichts geahnt hatte, so das Ergebnis der Untersuchung. Oeding forderte deshalb von der Bundesregierung, die „Sparpolitik“ der Selbstverwaltungspartner nicht länger stillschweigend zu dulden: „Das Gesundheitswesen ist nicht durch stupides Sparen zu retten, sondern durch den intelligenten Einsatz der vorhandenen Mittel.“
Der Umsatz der Diagnostica-Industrie wird nach Berechnung des VDGH 2002 um rund fünf Prozent auf 1,67 Milliarden Euro steigen. Bei den Diagnostica, die in ärztlichen Laboratorien benötigt werden, sei der Umsatz um 2,9 Prozent auf 1,127 Milliarden Euro gegenüber 1,096 Milliarden Euro im Vorjahr gewachsen.
Dierk Meyer-Lüerßen, Geschäftsführer des VDGH, wies darauf hin, dass auch die Diagnostica-Industrie in die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung eingebunden sei, obwohl sich dies nicht aus der GKV-Ausgabenstatistik herauslesen lasse. Die Kosten der Diagnostica seien Bestandteil der laborärztlichen Honorare, erläuterte der Verbandsfunktionär. „Die Erzeugnisse unserer Branche werden nicht mit den Krankenkassen abgerechnet, sondern von den Ärzten aus ihrem Honorar bezahlt. Je günstiger sie Labordiagnostica einkaufen können, desto mehr bleibt ihnen übrig.“
Die Diagnostica-Industrie stellt Reagenzien („In-vitro-Diagnostica“) und die entsprechenden Analysegeräte her, mit deren Hilfe im ärztlichen und Krankenhaus-Laboratorium – zum Teil auch durch den Patienten selbst – Körperflüssigkeiten und Gewebe untersucht werden. Hierbei spielt auch die Biotechnologie eine wichtige Rolle. 2001 wurden in Deutschland Diagnostica im Wert von rund 1,58 Milliarden Euro verkauft, davon Reagenzien für rund 1,38 Milliarden Euro. Knapp ein Drittel davon mit einem geschätzten Umsatzvolumen von rund 460 Millionen Euro wurde mittels biotechnologischer Verfahren produziert. Samir Rabbata
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