ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2002zur Steuerfahndung: Der liebe Gott sieht alles . . .

VARIA: Schlusspunkt

zur Steuerfahndung: Der liebe Gott sieht alles . . .

Dtsch Arztebl 2002; 99(39): [80]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Tugendhafte Menschen unterlassen böses Tun oft nur deswegen, weil der Herrgott bekanntlich alles sieht. Leichtsinnige, dafür weniger moralstarke Leute übersehen dabei auch noch, dass der liebe Gott zwar alles sieht, die nette Verwandtschaft aber noch viel mehr.
Die Neidhammelherde so mancher Cousinen, Tanten und anderer weitläufiger Vettern wird freilich noch unterstützt von böswilligen Verwandten, entsetzten Erben, entlassenen Mitarbeitern und nicht zu schweigen von enttäuschten Ehefrauen. Sie alle sind sich dafür nicht zu schade, dem bundesrepublikanischen Fiskus Helferdienste zu leisten, man habe schließlich steuerlich Relevantes über den Herrn Dr. X zu vermelden, anonym selbstverständlich, wie es sich so gehört. Sei’s drum. Dieses Phänomen der dreisten Weitsichtigkeit macht sich die deutsche Steuerfahndung durchaus zunutze, indem sie selbst den kuriosesten Hinweisen noch nachgeht. Sogar die komplette Buchführung eines bekannten Kölner Bordells landete auf diese Weise beim Amtsschimmel, dem darob sogar das Wiehern verging, wohl mehr vor Freude als vor Schreck. Der Umstand, dass der Staat verstopfte Einnahmequellen doch noch ans Sprudeln bringen will, ist dem Fiskus Motiv genug, selbst hintenrum und auch, wenn die Methoden dabei durchaus fragwürdig sind.
Mal im Ernst: Bei etlichen Finanzämtern gibt es mittlerweile regelrechte Bereitschaftsdienste, die ausschließlich anonymen Hinweisen auf etwaige Steuersünder nachgehen, in Köln gibt es, kaum zu glauben, sogar eine Telefon-Hotline für Denunzianten.
Ein Fünftel aller Steuerfahndungsfälle soll nach Schätzungen über diesen Weg kommen. Nur auf den ersten Blick erstaunt die Tatsache, dass speziell an Montagen die Zahl der Anrufe drastisch anschwillt. Da haben offenbar diverse veritable eheliche Hauskräche nicht im Guten geendet.
Gerade in Scheidungsfällen sind nicht wenige akut gefährdet. Nach einer Trennung wird dann gerne das Einkommen vermeintlich schlau „nach unten“ gerechnet, um die Unterhaltsforderungen geringer zu halten. Die Gegenseite „rächt“ sich dann halt als steuerliche Mitwisserin auf ihre Weise, was ja auch irgendwie wieder verständlich ist. Der trennungswütige Ehemann ist am Ende eh der Gelackmeierte, weil sich der Unterhalt am späteren Steuerbescheid orientiert, der sich durch das Steuerstrafverfahren auch noch ordentlich aufbläht.
Das Fazit dieser Zeilen klingt schlicht. Wer steuertechnisch Dreck am Stecken hat, sollte ihn wenigstens nicht mit anderen teilen, weder verbal noch optisch. Große Sprüche im Freundes-, Bekannten- und Familienkreis, wie man dem Fiskus wieder einen reingewürgt hat, kultivieren zwar den eigenen Größenwahn, können hier aber doch sehr kontraproduktiv sein. Am besten fährt sowieso, wer sein Finanzamt ehrt und es nicht betrügt. Beides durchzuhalten fällt gleichwohl schwer.
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