ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2002Forschung und Ethik: Die Weichen sind gestellt

POLITIK

Forschung und Ethik: Die Weichen sind gestellt

PP 1, Ausgabe Januar 2002, Seite 13

Klinkhammer, Gisela; Richter, Eva A.

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Forschung in Israel: Petrischale mit schwimmenden embryonalen Stammzellen. Foto: dpa
Forschung in Israel: Petrischale mit schwimmenden embryonalen Stammzellen. Foto: dpa
Embryonale Stammzellforschung und PID sind umstrittene Themen, für die in diesem Jahr Entscheidungen anstehen.


Noch im Januar wird die Entscheidung in einer in Deutschland seit Monaten heftig umstrittenen Frage erwartet: Embryonale Stammzellforschung – ja oder nein? Eine Antwort darauf soll der Deutsche Bundestag nach einer erneuten Debatte am 30. Januar geben. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) will am 31. Januar über die öffentliche Förderung des Projekts von Prof. Dr. med. Oliver Brüstle, der embryonale Stammzelllinien importieren will, entscheiden.
Die Entscheidung ist bereits mehrfach verschoben worden, zuletzt am
7. Dezember 2001, um dem Bundestag nochmals Gelegenheit zur Diskussion
zu geben. Die Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“, die sich im November mehrheitlich gegen die Forschung an embryonalen Stammzellen und gegen den Import von Zelllinien wandte, macht es den Abgeordneten nicht leicht. Da es sich um eine Gewissensfrage handele, gab sie keine Empfehlung für die Abstimmung. Eine Minderheit plädierte dafür, den Import unter strengen Voraussetzungen zu tolerieren. Dies ist auch die Ansicht der knappen Mehrheit des Nationalen Ethikrats. Das von Bundeskanzler Gerhard Schröder im Frühjahr 2001 eingesetzte Gremium befürwortete am 29. November den Import von embryonalen Stammzellen unter strengen Auflagen und mit einer Befristung auf drei Jahre.
Bun­des­for­schungs­minis­terin Edelgard Bulmahn will die Forschung an „überzähligen“ Embryonen ebenso erlauben wie die Zentrale Ethikkommission, die zwar bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) angesiedelt, jedoch von ihr unabhängig ist. Der Präsident der BÄK, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, mahnt indes zur Besonnenheit. Man solle zunächst die Möglichkeiten der Forschung an adulten Stammzellen ausschöpfen, fordert er.
Ablehnend steht Bundesjustizministerin Däubler-Gmelin der Forschung an embryonalen Stammzellen gegenüber. Sie ist der Ansicht, dass Embryonen als frühe Formen des menschlichen Lebens nicht „vernutzt“ werden dürften. Forschungsfreiheit gehöre zwar zu den Grundrechten, sagte sie Ende Dezember in Berlin, doch Anwendungsforschung am Menschen sei selbstverständlich nicht frei. „Egal, wie das Votum des Bundestages am 30. Januar ausfällt“, sagte Däubler-Gmelin, an den DFG-Präsidenten Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker gewandt, „erwarte ich, dass dies auf die DFG-Entscheidung Einfluss hat!“ Deren Meinung steht jedoch bereits seit Mai vergangenen Jahres grundsätzlich fest: Man könne in Deutschland nicht auf die Forschung an embryonalen Stammzellen verzichten. Auch die Max-Planck-Gesellschaft sieht das so.
Die Präimplantationsdiagnostik (PID) ist längst kein Tabuthema mehr. Die Zahl ihrer Befürworter jedenfalls scheint zuzunehmen. Zurzeit ist diese Methode vorgeburtlicher Diagnostik nach dem Embryonenschutzgesetz verboten. Aber auch das ist umstritten. Der Wissenschaftliche Beirat der BÄK, der mit seinem „Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie zur Präimplantationsdiagnostik“ (DÄ, Heft 9/2000) die Debatte über diese Methode ausgelöst hatte, hält die PID für mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar. In einer jetzt vorgelegten „Ergänzenden Stellungnahme“ hält er nach Überprüfung der Einwände an seiner Position fest, „wonach die PID im Einzelfall bei Verdacht auf die Entstehung einer schwerwiegenden genetischen Erkrankung in engen Grenzen und Einhaltung strikter Verfahrensregeln aus medizinischen, ethischen und rechtlichen Gesichtspunkten vertretbar ist“. Der Wissenschaftliche Beirat drängt allerdings auf eine Klärung der Zulässigkeit der PID durch den Gesetzgeber. Die Bundes­ärzte­kammer hat dieser Stellungnahme noch nicht zugestimmt, deren Vorstand will sich am 17. Januar eine Meinung dazu bilden.
Die Mehrheit der Delegierten des 104. Deutschen Ärztetages in Ludwigshafen hatte ebenfalls an den Gesetzgeber appelliert, rechtliche Klarheit über die Zulässigkeit der PID herzustellen. Für den Fall einer Zulassung müsse der Gesetzgeber weitere Kriterien für eine maximale Eingrenzbarkeit dieser Methode mitgestalten, heißt es in einem Beschluss. Auch in der Politik besteht keine Einigkeit in der Frage, ob die PID zugelassen werden sollte. Nur die Freien Demokraten haben sich festgelegt: Sie sprechen sich eindeutig für die PID aus und haben einen entsprechenden Gesetzentwurf vorgelegt, der in erster Lesung am 14. Dezember im Bundestag beraten wurde. Dieser Entwurf stieß auf scharfe Kritik bei zahlreichen Abgeordneten unterschiedlicher Fraktionen. „Die Zulassung der PID kann stigmatisierende und diskriminierende Tendenzen in der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderungen und chronisch Kranken verstärken“, sagte die Behindertenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Helga Kühn-Mengel. Für Maria Böhmer (CDU/CSU) bedeutet PID, „dass menschliches Leben selektiert und getötet wird“.
Dr. med. Eva A. Richter/Gisela Klinkhammer
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