ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2002Toleranz vor dem Anderssein: Psychoanalyse und Gesellschaft

POLITIK

Toleranz vor dem Anderssein: Psychoanalyse und Gesellschaft

PP 1, Ausgabe Januar 2002, Seite 16

Schneider, Andrea

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LNSLNS Warum tritt rechtsextreme Gewalt in den neuen Bundesländern häufiger auf als im Westen? Mit dem nicht verarbeiteten Nationalsozialismus allein lässt sich Gewalt nicht erklären.

Warum marschieren in Deutschland wieder Jugendliche zu völkischen
Parolen? Warum ist deren Anzahl im Osten höher als im Westen? Warum ist die gewaltbereite Skin-Szene in den neuen Bundesländern
stärker vertreten als in den alten?
Dem Phänomen Rechtsextremismus ist mit der klassischen Massenpsychologie nicht mehr beizukommen. Auch Freuds Theorien von einer primären Masse als „Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ich-Ideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben“ sind heute nur als Aufforderungen weiterzudenken.
Mit dem Wort Regression allein ließen sich rechtsextremistische Gruppen und Gewalttaten nicht erklären, sagt die Münchener Psychologin und Philosophin Dr. Dr. phil. Sieglinde Eva Tömmel.
Denn was bewirkt, dass die einen sich als reife Individuen in der Gruppe behaupten und Abstand gewinnen können, die anderen aber „auf die Stufe von Primitiven oder Kindern“ zurückrutschen und die Welt mit einem Gut-böse-Raster überziehen, das jede Frage nach Zwischentönen
abwehrt? Umfassende Erklärungsansätze, die über eine punktuelle
Betrachtung der aktuellen Ost-West-Gegensätze hinausgehen, aber sucht
man auch in ihrer Zusammenfassung „Identität und Deutschsein“ vergeblich.
In Globalisierungs- und Individualisierungsprozessen verortet Tömmel
mögliche Ursachen der Gewaltbereitschaft. Denn wo Grenzen schwinden,
treten nicht nur Freiheiten auf, die das Leben vielfältiger, kommunikativer, großräumiger, freier und spannender machen. Sie provozieren zudem Verunsicherungen, Angst vor existenzieller Not, drohender Armut oder Jobverlust. Wenn gesellschaftliche Instanzen in Sitte und Norm, Moral und Konvention keine verbindlichen Vorschriften mehr repräsentieren, ist es dem Einzelnen aufgebürdet, die notwendigen Grenzen alltäglich neu zu erfinden: Nährboden für ideologisierende Ersatzbildungen. In Zeiten des rasanten sozialen Wandels, so Tömmel, gebe es immer „offenkundige Überforderungserscheinungen, die sich in Symptomen zeigen wie Gewalt gegen die eigene Person (steigende Suizidraten), Gewalt gegen andere extreme politische Strömungen wie Rassismus, Kriege, Terror“.

„Rechte Gewalt ist primär ein Gewaltphänomen“
Eine Frage aber lässt Tömmel offen. Was ist überhaupt rechte Gewalt? Sie repetiert die Zahlen des Bundeskriminalamts: Im Jahr 2000 lag die Anzahl der Straftaten mit rechtsextremistischem, antisemitischem und fremdenfeindlichem Hintergrund im gesamten Bundesgebiet bei 15 951 und ist damit im Vergleich zum Vorjahr um 59 Prozent angestiegen. Doch eine Definition des Begriffs „rechte Gewalt“ bleibt sie schuldig: Verüben nur Täter mit einem verinnerlichten rechten Weltbild rechte Gewalt? War der Mord an Alberto Adriano in Dessau durch drei junge Täter, die sich erst ein paar Stunden vorher kennengelernt hatten und zum Tatzeitpunkt betrunken waren, rechte Gewalt? Was ist mit Pogromen wie auf dem Balkan, mit Stammesmetzeleien wie in Ruanda, mit fundamentalistisch-islamischem Terror? Gemeinsam ist all den Taten die massive Entwertung der Opfer.
„Wenn wir uns dem Problem so nähern, muss beinahe alles jenseits einer Wirtshausschlägerei als rechte Gewalt gelten“, sagt der Psychoanalytiker Micha Hilgers, Aachen, und folgert: „Rechte Gewalt ist primär ein Gewaltphänomen. Nicht die Ziele lösen aggressive Affekte aus, sondern die aggressiven Affekte suchen ein Ziel.“
Tömmel widmet sich nicht dem globalen Phänomen, sondern sie sucht nach Erklärungen für die unterschiedlichen Ausprägungen der Gewaltbereitschaft in Deutschland Ost und West. Hüben wie drüben sei der Nationalsozialismus psychisch noch längst nicht verarbeitet worden, sagt sie. „Während in den westlichen Bundesländern die demokratische Erziehung einen gewissen Erfolg hatte“, entwickelte sich im Osten eine neue Diktatur. Unter dem Deckmantel einer antifaschistischen Gesellschaft, die sich als nicht verantwortlich für die nationalsozialistischen Verbrechen erklärte und folglich auch keine Diskussion hierüber zuließ, lebten faschistische Werte insgeheim weiter.
Tömmel erwähnt das hermetisch abgeschottete Nebeneinanderleben von Deutschen und sowjetischen Besatzungstruppen, das nicht dazu angetan war, tradierte Aversionen gegen Menschen anderer Nationalität zu überwinden. Zwar wurde die Völkersolidarität beschworen, doch so genannte Vertragsarbeiter aus sozialistischen Ländern von der übrigen Bevölkerung fern gehalten, was Gerüchte über deren finanzielle Bevorzugung und Diskriminierung zur Folge hatte. Ein öffentlicher Diskurs war jedoch nicht möglich, da die sozialistische Gesellschaftsordnung fremden- und ausländerfeindliche Einstellungen als alleiniges Problem imperialistischer Staaten gebranntmarkt hatte. So sei auch die Ächtung der rechten Skinhead-Szene, deren Akten bezüglich rechtsextremer Vorfälle in der DDR bis 1978 zurückreichen, nur halbherzig gewesen: Weil die rechte Szene in Hinsicht auf Arbeitsliebe, Ordnung, Sauberkeit und Akzeptanz des Militärdienstes den Normen und Werten des SED-Staates entsprach, konnte sie nicht in der Weise in das Visier des Staatssicherheitsdienstes geraten, wie dies vielleicht deren Gewalttätigkeit nahe gelegt hätte.
Mit der „kapitalistischen Übernahme“ der DDR, so Tömmel, brachen die „bis dahin durch die Herrschaft unbewusst gemachten Einstellungen“ wieder heraus. Globalisierung und Individualisierung wurden über die neuen Bundesländer gestülpt – der so genannte Modernisierungsprozess nicht schrittweise, sondern in großen Sprüngen absolviert. Der Traum von der großen Freiheit mutierte zu einem Albtraum, bestehend aus Orientierungslosigkeit und Verlustängsten. Die altnationalsozialistische Szene des Westens konnte im Osten so schnell Fuß fassen, weil sie mit ihren autoritären Denkweisen, gekoppelt mit antidemokratischen Einstellungen, Halt und Orientierung bot, wo Individualisierung vertraute Grenzen wegzuschwemmen drohte, glaubt Tömmel.
Globalisierung, Modernisierung und unterschiedliche Geschichte mögen Verunsicherung und damit einhergehend verschieden stark ausgeprägte Gewaltbereitschaft in Deutschland verstärken. Eine Erklärung für die Ursache rechter Gewalt aber bieten sie letztendlich nicht, auch nicht für das Vorhandensein einer rechten Skin-Szene in der durchaus Halt und Struktur gebenden DDR. Den unverarbeiteten Nationalsozialismus verantwortlich zu machen für die Bereitschaft, rechts-motiviert zuzuschlagen, hieße, die Augen zu verschließen vor ethnischen Konflikten in ehemaligen Sowjetstaaten und gewalttätigen Ressentiments in den USA. Dr. med. Günter Lempa, Psychoanalytiker aus München, entwickelte die These des sozialen Neids, eines missverstandenen Konservativismus, der nicht bereit ist, eigene Positionen zu überdenken und stattdessen mit Zähnen und Klauen alte Pfründe verteidigt.
Strategien gegen Gewalt müssen zwangsläufig scheitern, wenn sie nur eine Facette fokussieren: Hass, Ressentiment und Wut lassen sich nicht mehr ausschließlich auf der Grenze zwischen Xenophobie und Xenophilie festmachen. Torpediert werden nunmehr die Grundwerte der Gesellschaft: Toleranz vor dem Anderssein, Respekt vor bürgerlichen Rechten, vor Freiheiten und der Menschenwürde von Frauen und Männern gleich welcher Hautfarbe, von Gläubigen, Andersgläubigen und Nichtgläubigen. Andrea Schneider
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