ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2002Versorgung von Migranten: Mangel an kulturellem Verständnis

POLITIK

Versorgung von Migranten: Mangel an kulturellem Verständnis

PP 1, Ausgabe Januar 2002, Seite 19

Richter, Eva A.

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Ärzte können ausländische Patienten oftmals nur unzureichend beraten und aufklären. Foto: Peter Wirtz
Ärzte können ausländische Patienten oftmals nur unzureichend beraten und aufklären. Foto: Peter Wirtz
Bei der ärztlichen Beratung und gesundheitlichen Versorgung der Migranten in Deutschland bestehen Defizite.


Verschiedene Barrieren erschweren die Kommunikation zwischen Arzt und ausländischen Patienten. Dies sind nicht nur sprachliche Hindernisse, sondern auch die Unwissenheit über die Kultur der Migrantinnen und Migranten sowie über deren Verständnis von Erkrankungen. Ein türkischer Patient wolle Tabletten, keine Psychotherapie, erklärte Zerif Karabulut vom Deutsch-Türkischen Pflegedienst Berlin beim diesjährigen Kongress Armut und Gesundheit. Dieses Beispiel ist symptomatisch: Unmut auf beiden Seiten und Defizite in der gesundheitlichen Versorgung sind häufig die Folge – besonders im sozial-psychiatrischen Hilfesystem.
„Migration und Gesundheit“ gehörte zu den Schwerpunktthemen des Kongresses, der in diesem Jahr in Berlin unter dem Motto „Gesundheitsziele gegen Armut – Netzwerke für Menschen in schwierigen Lebenslagen“ stand. Die seit 1995 jährlich stattfindenden bundesweiten Treffen von Ärzten, Wissenschaftlern sowie Vertretern von Politik und Initiativen organisiert die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft für Gesund­heits­förder­ung, Gesundheit Berlin e.V. Schirmherren waren in diesem Jahr Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit.
Psychische Probleme werden in der islamischen Tradition und Kultur als Krankheitsform weitgehend tabuisiert. Sie würden als die Wirkung einer höheren Macht angesehen, erklärte Dr. Mohamad Kaouk von Via e.V., Berlin. „Der Betroffene ist von Gott verlassen und von einem Dämon besessen, was zu einem fatalistischen Umgang mit der Situation führt.“ Fast alle Praktiken richten sich demzufolge darauf, die kranke Person von den bösen Geistern zu befreien, beispielsweise durch Bleigießen oder das Herstellen von Amuletten zur Abwehr von „bösen Blicken“. Deutsche Psychiater und Psychotherapeuten könnten deshalb oftmals nur schwer mit den Patienten oder Klienten kooperieren und ihm die psychiatrische Störung als Erkrankung begreifbar machen. Schwer lassen sich auch Therapiemöglichkeiten und psycho-soziale Projekte vermitteln. „Türkische Patienten erweisen sich bei der Medikamenteneinnahme als vorbildlich, bei der Ergotherapie leisten sie jedoch Widerstand“, berichtete Karabulut. Um die Therapiekonzepte zu erläutern, seien deshalb „Vermittler“ nötig, die die jeweilige Sprache sprechen, sich mit der deutschen Gesetzgebung sowie dem deutschen Hilfesystem auskennen und auch kulturelle Kompetenz besitzen.
Okkultistischer Umgang mit der Krankheit
Die islamische Gesellschaft geht völlig anders mit psychisch Kranken um. Sie bleiben weitgehend in der Gesellschaft, vor allem in der Familie, integriert. „Dort werden sie zwar nicht ignoriert, aber auch nicht respektiert, sondern als ,Narr‘ toleriert“, erläutert Kaouk. Sie erhielten quasi einen Freibrief. Sozial betreut würden die Kranken hauptsächlich in der Großfamilie, aber auch in religiösen und privaten Einrichtungen. Erst wenn die Angehörigen völlig überfordert sind, kommen die Kranken in eine psychiatrische Klinik. „Das differenzierte System zwischen den beiden Polen Familie und Krankenhaus, wie es in Deutschland existiert, ist weitgehend unbekannt“, berichtet Kaouk. Ein wesentlicher Teil eines jeden Migranten-Betreuungskonzeptes müsse daher die Information von Migrantenfamilien über die verschiedenen Formen des deutschen Hilfesystems und die konkreten Inhalte einzelner sozialer Projekte, wie beispielsweise des Betreuten Wohnens, sowie die kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Familien der Klienten sein.
Oftmals scheitert die Verständigung bereits an der Sprache. Nach dem Beschluss der 72. Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz von 1999 muss die ärztliche Aufklärung und Beratung auch für Patienten, die die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen, mit der „bei deutschsprachigen Personen üblichen Sorgfalt erfolgen und sichergestellt werden“. Ärzte sind somit verpflichtet, sich zu überzeugen, dass der Patient die Information verstanden hat.
„Statt klarer Regelungen existieren in der Praxis jedoch eher vage Konzepte für die sprachliche Vermittlung eines Aufklärungsgesprächs“, erklärte Theda Borde, Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Charité, Berlin. Sie untersuchte mit der Studie „Analyse der Versorgungssituation gynäkologisch erkrankter Frauen deutscher und türkischer Herkunft im Krankenhaus“* die besonderen Probleme der Kommunikation, Information und Aufklärung im Krankenhaus aus der Sicht der Patientinnen sowie des Klinikpersonals. In der Universitätsfrauenklinik, die im Berliner Stadtteil Wedding liegt, waren im Untersuchungszeitraum 1996 bis 1999 etwa 35 Prozent der stationären Patientinnen Ausländerinnen, hauptsächlich aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien und aus arabischen Ländern. Die Hälfte der Migrantinnen benötigte während des Klinikaufenthalts einen Dolmetscher. Meist übersetzten die Ehemänner und andere Familienangehörige oder das Klinikpersonal. Ein professioneller Dolmetscher kam nur in zwei Prozent der Fälle zum Einsatz. „Das Verständnis der medizinischen Aufklärung wird durch diese Art der Vermittlung erheblich beeinträchtigt“, erklärte Borde. Fast die Hälfte der türkischsprachigen Patientinnen (n = 230) gegenüber zehn Prozent der deutschen Vergleichsgruppe (n = 294) hätte angegeben, dass die Information unverständlich gewesen sei. In Interviews betonten die Migrantinnen darüber hinaus, dass dringend Dolmetscher und mehrsprachige Informationsmaterialien benötigt, mehr muttersprachliches Personal eingestellt und die Gleichbehandlung mit deutschen Patientinnen sichergestellt werden müssten.
Großer Bedarf an Dolmetschern
In Deutschland mangelt es jedoch an professionellen Dolmetschern für das Gesundheits- und Sozialwesen. „Vorhandene Dolmetscher sind häufig aufgrund fehlender psychologischer, medizinischer und sozialer Kompetenzen kaum in der Lage, die Bedarfslücke zu schließen“, betonte Ramazan Salman, Geschäftsführer des Ethnomedizinischen Zentrum e.V., Hannover. Das Zentrum baute Anfang der 90er-Jahre für Hannover den ersten öffentlichen medizinischen Dolmetscherservice auf. Inzwischen existiert im Bayrischen Zentrum für transkulturelle Medizin e.V. ein vergleichbarer Service für München. Dies reicht jedoch bei weitem nicht. Etwa 7,4 Millionen Migrantinnen und Migranten leben derzeit in Deutschland. Das entspricht einem Anteil von neun Prozent der Bevölkerung. Die meisten Zuwanderer kommen aus der Türkei (28 Prozent), gefolgt vom ehemaligen Jugoslawien (zehn Prozent), Italien (acht Prozent) und Griechenland (fünf Prozent). „Weder durch öffentliche Haushalte noch durch Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens werden ausreichende finanzielle Mittel bereitgestellt, um den tatsächlichen Bedarf an Dolmetschern zu sichern“, kritisiert Salman. Dies mindere die Chancengleichheit der Migranten beim Zugriff auf öffentliche gesundheitliche und soziale Dienstleistungen.
Mit diesem Problem beschäftigt sich seit Januar 2000 auch die Arbeitsgruppe „Armut und Gesundheit“ des Bundesministeriums für Gesundheit, der Experten des Bundes, der Länder, der Spitzenverbände der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Bundes­ärzte­kammer, des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie Einzelsachverständige angehören. Die Empfehlungen der Unterarbeitsgruppe „Migration und Gesundheit“ liegen jetzt vor: „Der Erfolg von Integrationsbemühungen lässt sich daran messen, inwieweit ein gleicher Zugang zur gesundheitlichen Versorgung realisiert ist und die Medizinangebote den besonderen Erfordernissen der Versorgung von Migrantinnen und Migranten Rechnung tragen“, heißt es in der Grundleitlinie. Doch davon ist Deutschland offensichtlich noch weit entfernt. Die Arbeitsgruppe fordert daher, interkulturelle Kompetenz bereits in der Aus-, Weiter- und Fortbildung des medizinischen Personals zu vermitteln, mehr muttersprachliches Personal einzustellen, ausländischen Ärzten und Psychotherapeuten die Erlaubnis zur Berufsausübung zu erleichtern, niedrigschwellige muttersprachliche Angebote zu erweitern, vermehrt multikulturelle Beratungen und Aufklärungsbroschüren anzubieten sowie vernetzte Dolmetscherzentralen nach dem Hannoveraner Beispiel einzurichten. „Die mangelnde sprachliche Verständigung ist eine wesentliche Zugangsbarriere zur gesundheitlichen Versorgung“, heißt es in dem Bericht. Die Arbeitsgruppe fordert die Bundesregierung daher auf, nach Lösungen für die Finanzierung zu suchen. Sie schlägt vor, einen Fonds zu bilden. Dr. med. Eva A. Richter
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