ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2002Methylphenidat: Kaum kundige Ärzte

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Methylphenidat: Kaum kundige Ärzte

PP 1, Ausgabe Januar 2002, Seite 31

Timm, Henning

Zu der Meldung„Zu häufig verordnet“ in Heft 44/2001:
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LNSLNS . . . Ich fühle mich als einer der Gynäkologen, die in diesem Artikel erwähnt sind, angesprochen, denn ich verordne Methylphenidat, so zum Beispiel meinem eigenen Sohn im Sinne einer Folgeverordnung. Zum einen meine ich inzwischen mehr von ADHS zu verstehen als so mancher Kinderarzt. Zum anderen muss man trennen zwischen Erstverordnung, also der Diagnosestellung durch einen kompetenten und zuständigen Arzt wie Kinderarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater und einer Weiterverordnung, die natürlich von anderen Kollegen vorgenommen werden kann.
Die Familien mit ADHD-Kindern haben die verschiedensten Probleme. Eines ist, dass es kaum kundige Ärzte gibt und dass der Grad der Nicht-Information auch heute noch erschreckend ist. Ein anderer ist, dass unter Umständen Hunderte von Kilometern zurückgelegt werden müssen, um zu einem kompetenten Arzt zu kommen, der auch eine angemessene Untersuchung mit Testung vornehmen kann. Wie soll dieser Kollege denn die weiteren Rezepte ausstellen? Die Wartezeiten auf eine Testung liegen mitunter bei fast einem Jahr, eine Zeit, die für ein Kind, bei dem die Schulprobleme akut sind, meist die Ausschulung schon besiegelt.
Auch die angesprochene psychotherapeutische Hilfe ist ein Problem, einfach deshalb, weil es fast keine Psychotherapeuten gibt, die sich mit ADHD und seinen Auswirkungen auskennen. Das bedeutet, dass nur für eine absolute Minderheit der Kinder eine psychotherapeutische Hilfe zur Verfügung steht. Die Erwachsenen mit ADS oder ADHS trifft dieses Problem besonders. Wenn jeder Leser sich jetzt einmal fragt, ob er auch nur einen einzigen Therapeuten kennt, der sich mit dieser Erkrankung bei Erwachsenen auskennt und mit deren spezifischen Problemen in Beruf oder Partnerschaft, wird er vermutlich auf eine gähnende Therapeutenleere stoßen. Wer hat denn schon mal die Diagnose ADHD in einem Arztbrief von erwachsenen Patienten gefunden? Und das bei einer zu vermutenden Häufigkeit bei Kindern von mindestens fünf Prozent und einer vermutlich entsprechenden Rate bei Erwachsenen?
Insofern kann ich ein Aufmerksammachen auf diese Probleme nur dringend begrüßen, aber dass dies über die Verordnung von Methylphenidat angestoßen wird und von der Drogenbeauftragten ausgeht, macht das eigentliche Problem erst deutlich: Reden wir denn immer noch nur über Methylphenidat? Ist denn die Erkrankung mit den vielfachen Problemen immer noch so wenig bekannt? Ist uns Ärzten denn immer nicht klar, dass viele ADHD-Kinder für ihr Leben mindestens so eingeschränkt sind wie körperlich oder geistig behinderte? Und dass sich die Probleme dieser Menschen in das Erwachsenenleben hineinziehen und auch später noch spezifische Hilfe erfordern, so unter Umständen auch medikamentöse Hilfe?
Dr. Henning Timm, Wilhelmstraße 6, 23669 Timmendorfer Strand
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