ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2002Selbsterfahrung in der Aus- und Weiterbildung: Lebenslanger Lernprozess

WISSENSCHAFT

Selbsterfahrung in der Aus- und Weiterbildung: Lebenslanger Lernprozess

PP 1, Ausgabe Januar 2002, Seite 37

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Zwei Studien belegen die Bedeutung der Selbsterfahrung bei Verhaltenstherapeuten und Psychoanalytikern.

Lange wurde Selbsterfahrung in der verhaltenstherapeutischen Aus- und Weiterbildung kaum thematisiert. Ein Grund dafür war die primär problem- und methodenorientierte Ausrichtung der Verhaltenstherapie. Das Bedürfnis nach Selbsterfahrung war daher nur gering. Angeregt von Therapeuten anderer Schulrichtungen, hat Selbsterfahrung in der Weiterbildung von Verhaltenstherapeuten mittlerweile einen festen Platz eingenommen.
Probleme bei Selbsterfahrung in der Verhaltenstherapie
Verschiedene Studien zeigten, dass Selbsterfahrung einen positiven Effekt auf persönliche, private und berufliche Probleme von Psychotherapeuten hat. Das Erleben der Patientenrolle und der therapeutischen Beziehung wird als wichtige Erfahrung gewertet. Außerdem zeigte sich, dass die Selbstanwendung sehr wirksam bei der Aneignung therapeutischer Methoden ist. Selbsterfahrung leistet auch einen Beitrag zur Entwicklung wichtiger therapiefördernder Kompetenz, zur Sensibilisierung gegenüber der eigenen Person und zur Klärung wichtiger persönlicher Fragen.
Dennoch scheint es Probleme zu geben: „Obwohl Selbsterfahrung in der Verhaltenstherapie im deutschsprachigen Raum prinzipiell befürwortet wird, herrscht keineswegs Einigkeit darüber, wie verhaltenstherapeutische Selbsterfahrung konzeptionell und inhaltlich aussehen soll und welche Ziele verfolgt werden“, schreiben Volker Roder, Direktion Sozial- und Gemeindepsychiatrie, Universitäre Psychiatrische Dienste (UPD) Bern, et al., in der Zeitschrift „Verhaltenstherapie“ (1). Zur Diskussion steht beispielsweise die Kombination aus persönlicher und berufsbezogener Selbsterfahrung. Andere meinen hingegen, der Hauptzweck der Selbsterfahrung sollte die Minimierung von Störfaktoren in der therapeutischen Beziehung und die Anwendung von Therapiemethoden sein.
Die Autoren entwickelten ein Programm, das sich über vier Wochenenden mit einem Gesamtumfang von hundert Stunden erstreckt. Durch Informationsvermittlung, Selbst- und Fremdbewertungen, Problembearbeitung, Entwicklung von Therapieplänen und Durchführung von Kurzinterventionen sollten die Teilnehmer zur Selbstmodifikation angeregt werden.
Bei der Evaluation standen das Gruppenerleben, die Bewertungsprozesse und Erwartungen im Vordergrund. Festgestellt wurde, dass der Wert von Selbsterfahrung für die Teilnehmer entscheidend vom Ausbildungsstand und den Erfahrungen als Therapeut abhängt. „Die Inhalte von Selbsterfahrung müssen entsprechend flexibel gestaltet werden.“ Vor Beginn der Gruppe erwarteten die Teilnehmer hauptsächlich eine Förderung psychotherapeutischer Basisqualifikationen. Nachher schien ihnen die persönliche Entwicklung wichtiger. Roder et al. kommen zu dem Schluss, dass kombinierte Konzepte, die sowohl personale als auch praxisbezogene und methodisch-didaktische Aufgaben erfüllen, am ehesten den heutigen Vorstellungen von Selbsterfahrung gerecht werden. Insbesondere scheint personenbezogene Selbsterfahrung bei noch unerfahrenen Therapeuten hilfreich zu sein, um den späteren Bezug zu therapeutischen Erfahrungen herstellen zu können. „Durch das Programm konnte jedoch (noch) nicht nachgewiesen werden, dass die Durchführung von Selbsterfahrung die therapeutische Effektivität und Kompetenz von Verhaltenstherapeuten wirklich erhöht“, betonen die Autoren.
Obwohl ein Effektivitätsnachweis noch nicht erbracht wurde, erleben auch Psychoanalytiker Selbsterfahrung subjektiv als persönliche und berufliche Bereicherung. Hadas Wiseman, University of Haifa, und Gaby Shefler, Hebrew University of Jerusalem, berichten über Interviews, die sie mit erfahrenen Psychoanalytikern über deren eigene Therapie als Bestandteil ihrer Aus- und Weiterbildung geführt haben (2). Diese wird von den meisten Therapeuten als eine der einflussreichsten Komponenten ihrer eigenen Entwicklung angesehen. Die befragten Psychoanalytiker beschreiben sie als „Reise ins Selbst“, die dem eigenen inneren Wachstum, der Verbesserung der Selbstkenntnis und dem Training dient. „Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit kommt auch der therapeutischen Arbeit zugute, denn es gibt viele Überschneidungen“, erklären Wiseman und Shefler. Beispielsweise kann sich ein Therapeut besser in der therapeutischen Beziehung zum Klienten engagieren, wenn er seine ganz persönlichen Schwachpunkte kennt. Selbsterfahrung im persönlichen und beruflichen Bereich ermöglicht es dem Psychoanalytiker, sich frei und spontan zwischen beiden zu bewegen und sie für seine Arbeit zu nutzen.
Persönliche Entwicklung kommt der Therapie zugute
Die Studien belegen die große Bedeutung von Selbsterfahrung für Therapeuten verschiedener Schulrichtungen. Obwohl es unterschiedliche Ansätze und Verfahren gibt, haben sie zumindest ein Ziel gemeinsam: Selbsterfahrung ist in jeder Phase des Therapeutendaseins bedeutsam und sollte deshalb als lebenslanger Lern- und Entwicklungsprozess praktiziert werden. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Roder V, Dubuis Ch, Lächler M, Hecht H: Selbsterfahrung in der Weiterbildung von Verhaltenstherapeuten. Verhaltenstherapie 2001; 11: 94–103.
2. Wiseman H, Shefler G: Experienced psychoanalytically oriented therapists’ narrative accounts of their personal therapy: impacts on professional and personal development. Psychotherapy 2001; 38: 129–141.
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