ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2002Psychische Störungen im Internet: Leichter Zugriff

WISSENSCHAFT

Psychische Störungen im Internet: Leichter Zugriff

PP 1, Ausgabe Januar 2002, Seite 34

Eichenberg, Christiane

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LNSLNS Aus der Fülle an Informationen zu psychischen Erkrankungen werden die wichtigsten Web-Seiten vorgestellt.

Dem Internet als Informations- und Kommunikationsmedium ist es in wenigen Jahren gelungen, zu einem Alltagsmedium für die private und
berufliche Nutzung zu werden. Auch in der Klinischen Psychologie und Psychotherapie gewinnt es an Bedeutung. Nutzen, aber auch Grenzen netzbasierter Anwendungen für Psychotherapeuten werden häufig diskutiert.
Das Potenzial des Mediums für diese Berufsgruppe soll hier fokussiert
werden: Die Chance der schnellen, unkomplizierten, kostengünstigen sowie orts- und zeitunabhängigen Gewinnung von Fachinformationen über
psychische Störungen. Ressourcen zu den wichtigsten psychischen Störungsgruppen im Internet (Angststörungen, affektive Störungen,
somatoforme Störungen, Schizophrenie, Essstörungen, Schlafstörungen und sexuelle Funktionsstörungen) werden kommentiert vorgestellt, wobei sich die Darstellung auf Störungen des Erwachsenenalters beschränkt (Anmerkung der Redaktion: Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen werden in einem besonderen Beitrag behandelt).
Alle vorgestellten Internetangebote sind als Auswahl zu verstehen, nicht
als repräsentative Informationssammlung.
So genannte Indexseiten bieten Informationen zu allen psychischen Erkrankungen. Der vom kanadischen Psychiater Phillip W. Long, MD, geleitete Service Internet Mental Health (1) steht in dieser Kategorie an erster Stelle. Hier finden sich zu 54 Störungsbildern die diagnostischen Kriterien nach ICD-10 und DSM-IV sowie Informationen zur Therapie, zum Teil sogar Manuale und Informationen zur aktuellen Forschung. Weitere Schwerpunkte dieses Angebots sind eine glossarische Übersicht der wichtigsten pharmakologischen Medikamente, ihre Indikationen und Kontraindikationen und eine Adressliste anderer relevanter Informationen im Web. Im deutschsprachigen Bereich ist die www-Seite von Dr. med. Elmar Kainz, Österreich, besonders erwähnenswert (2): www.psychiater.at ist ein Online-Portal für Psychotherapeuten und Psychiater die umfassende und aktuelle psychiatrische Informationen zu Störungsbildern und Therapie suchen. Eine weitere nennenswerte Indexseite findet sich unter www.mhsource.com (3). Störungsübergreifende Informationen zur Diagnostik psychischer Störungen bietet die englisch- und deutschsprachige Hypertext-Version des Kapitels V (F) der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO, 1991)
(4). Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) stellt wissensbasierte Leitlinien für Diagnostik und Therapie (5) zur Verfügung.

Angststörungen
Bei allen störungsspezifischen Ressourcen orientiert sich die Klassifikation der klinischen Bilder an dem Diagnostischen und Statistischen Manual (DSM-IV) der Amerikanischen Psychiater-Vereinigung (APA, 1994). Eine kurze, aber fundierte Einführung gibt Dr. med. Hans Morschitzky, Autor des Buches „Angststörungen“ (1998), auf seiner Homepage (6). Er liefert Kurzbeschreibungen der verschiedenen Formen von Angsterkrankungen, ergänzt um Angaben der Lebenszeitprävalenz. Eine ähnliche Kurzübersicht stammt von Dipl.-Psych. Volker Drewes, wobei hier ergänzend zu Morschitzkys Informationen theoretische Aspekte vertieft werden wie beispielsweise
ätiologische Modelle der Angst (7). Zur Therapie von Angststörungen
gibt es Web-Seiten, die entweder unterschiedliche Therapiemethoden
beschreiben (8) oder einen speziellen Behandlungsansatz (zum Beispiel
Verhaltenstherapie [9]) hervorheben. Ein Angebot der Obsessive-Compulsive Foundation (OCF) (10) bietet klinische Informationen zu Zwangsstörungen. Informationen für Ärzte und Psychologen zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) gibt es im Internet ausreichend. Eine Übersicht bieten Eichenberg und Schmitt, 2001. Besonders empfehlenswert ist die Überblickseite des National Center for
PTSD (11).

Affektive Störungen
Einen umfassenden Überblick zu affektiven Störungen bietet der bereits erwähnte englischsprachige Klassiker zu Themen der Klinischen Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie, Internet Mental Health (1). Unter der Überschrift „Mood Disorders“ wird ausführlich über Symptomatik, Diagnostik und Therapie von Major Depressive Disorder, Bipolar Disorder, Cyclothymic Disorder und Dysthymic Disorder informiert. Aufgeführt werden Forschungsergebnisse, Fachzeitschriften, weiterführende Literatur sowie eine reichhaltige Linksammlung. Einen guten Überblick liefert auch die von dem New Yorker Psychiater Ivan Goldberg verwaltete Seite „Depression Central“ (13). Einige Web-Seiten widmen sich einem bestimmten Aspekt affektiver Störungen, so zum Beispiel Dr. phil. Wolfram Dorrmann der Suizidprophylaxe bei Patienten
in akuten suizidalen Krisen (14).

Somatoforme Störungen
Online-Ressourcen zu den somatoformen Störungen sind vor allem im englischsprachigen World-Wide-Web zu finden. Empfehlenswert ist die von Dr. med. Norbert Hartkamp zusammengestellte Literaturdatenbank, die einen aktuellen Überblick über die per Medline, Psyindex und PsycLit zugängliche wissenschaftliche Literatur gibt (15).

Essstörungen
Eine knappe Einführung in Symptome, Komorbiditäten und Behandlungsansätze von Essstörungen bietet das Europäische Forschungsprojekt Essstörungen, das unter der Leitung von Dr. med. Andreas Karwautz und Prof. Dr. med. univ. Max H. Friedrich an der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters, Wien, durchgeführt wird (16). Einen detaillierten Überblick gibt der Forschungsund Informationsserver zur Anorexia nervosa und Bulimia nervosa (17) unter der Leitung von Dr. Martin Grunwald, Dipl.-Psych., Klinik für Psychiatrie der Universität Leipzig. Dieses Angebot listet Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Therapie- und Forschungseinrichtungen, Forschungsprojekte und -ergebnisse, Diskussionsforen, Hinweise zu Tagungen/Weiterbildungen, Kontaktadressen sowie eine Liste von Links zu anderen Internetseiten auf.

Schlafstörungen
Nennenswert ist die Internet-Seite der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) (18), die sich als Fachgesellschaft mit der Erforschung des Schlafes und seiner Störungen sowie mit der klinischen Diagnostik und Therapie von Schlaf-Wach-Störungen befasst. Der Webauftritt umfasst unter anderem Fachinformationen zu Schlaftagebüchern in der Diagnostik von Insomnien sowie diagnostische Skalen zur Erfassung von Tagesmüdigkeit. Ein Kongresskalender und ein Patientenratgeber runden das Angebot ab. Das Ambulante Schlafmedizinische Zentrum Osnabrück unter der Leitung von Dr. med. Christoph Schenk (19) bietet ein Online-Portal, in dem unter anderem das Schlaflabor vorgestellt wird.
In der Rubrik „Schlaf und Gehirn“ werden medikamentöse und andere Behandlungsmethoden kommentiert.

Sexuelle Funktionsstörungen Ein empfehlenswerter Startpunkt zur Recherche ist die Seite der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung e.V. (20). Sie bietet eine Liste von Publikationen ihrer Forschungsergebnisse an und listet Links auf zu Studienmöglichkeiten der Sexualwissenschaften, Sexualwissenschaftlichen Institutionen und Beratungsstellen sowie zu Fachzeitschriften.
Das Archiv für Sexualwissenschaft (21), Magnus-Hirschfeld-Zentrum, Humboldt-Universität Berlin, hat das Ziel, die Förderung und den Schutz der sexuellen Gesundheit durch eigene Forschung sowie durch die Sammlung, kritische Sichtung und Verbreitung wissenschaftlicher Informationen aus anderen Quellen zu unterstützen. Es bietet Online-Kurse an, stellt eine virtuelle Bibliothek zur Verfügung, bereitet geschichtliche Informationen wie zum Beispiel die Chronologie der Sexualforschung auf und listet unter der Rubrik Sexology Worldwide Institutionen, Organisationen, Forschungseinrichtungen und wissenschaftliche Zeitschriften auf.
Neben diesen institutionellen Webauftritten gibt es auch reine Informationsseiten zu sexuellen Problemen und Störungen. Für die nichtorganischen sexuellen Funktionsstörungen ist die von Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse zu nennen (22).
Der Autor liefert ständig aktualisierte Informationen, zitiert jüngste Studien, nennt psychogene und organische Ursachen der sexuellen Funktionsstörungen, definiert Begriffe aus der Sexualmedizin und listet eine umfangreiche Sammlung weiterführender Online-Literatur auf. Weitere Links finden sich in dem Beitrag von Eichenberg, 2001, der zwar vorrangig Web-Seiten für Betroffene behandelt, aber auch Ärzten und Psychologen nützliche Informationen liefert.

Schizophrenie
Hierzu sind die englischsprachige Homepage schizophrenia.com (23) sowie das Kompetenznetz Schizophrenie (24) besonders zu erwähnen, weil Informationen für verschiedene Zielgruppen getrennt aufbereitet werden. So erhalten Laien und Betroffene auf den Seiten des Kompetenznetzes umfassende Aufklärung über Entstehung und Verlauf ihrer Erkrankung und eine Adressenliste von Verbänden auf Bundes- und Landesebene. Ärzte und Psychologen finden eine Linkliste ausgewählter Adressen im Netz und können einen Newsletter abonnieren, der über aktuelle Forschungsergebnisse informiert.

Qualitätssicherung ist notwendig Eine repräsentative Telefonumfrage bei 12 751 volljährigen Personen in den USA, durchgeführt vom Pew Research Center, Washington, in Zusammenarbeit mit der Georgetown University, Washington, D. C., aus dem Jahr 2000, ergab (8): 52 Millionen US-Amerikaner beziehungsweise 55 Prozent der Personen mit Internetzugang nutzen das Netz, um medizinische Informationen zu recherchieren. Die meisten der Befragten gaben an, dass die Web-Inhalte ihre Entscheidungen zu Gesundheitsvorsorge und Arztbesuchen beeinflussen. Aufgrund dieser Popularität kommt der Qualitätssicherung eine besondere Bedeutung zu: Da der Laie oft nicht erkennt, wie gut die Qualität der Inhalte ist, wäre beispielsweise die Vergabe eines Qualitätssiegel für seriöse Web-Angebote durch wissenschaftliche Fachgesellschaften oder universitäre Einrichtungen sinnvoll. Die Notwendigkeit solcher Qualitätskontrollen wird diskutiert
und, wenn auch noch nicht optimal, praktisch umgesetzt: Die Health-on-the-Net-Foundation hat einen „Code of Conduct“ für medizinische Web-Seiten entworfen (www.hon.ch/HONcode/German/). Webmaster, die sich an diese Richtlinien halten, dürfen das HONCode-Logo führen. Das Logo zeigt allerdings nur eine Selbstverpflichtung des Webmasters an; es werden keine Qualitätskontrollen durchgeführt.
Einen Schritt weiter geht das von der Europäischen Union geförderte Projekt der Forschungsgruppe Cyber-Medizin unter der Leitung von Dr. med. Gunther Eysenbach, Heidelberg. Das MedCERTAIN-Siegel (www.medcertain.com) sollen Anbieter erhalten, die sich der Prüfung durch externe Experten unterziehen. MedCERTAIN hat ein dreistufiges Zertifizierungssystem.
Das einfache Gütesiegel erhält, wer eine Datenbank hinter seine Web-Seite legt, die transparent macht, wer mit welcher Qualifikation und welchen finanziellen Mitteln die Seite geschaffen hat. Die zweite Stufe steht für die gesicherte Überprüfung dieser Angaben durch MedCERTAIN, und für das Level-3-Gütesiegel werden alle medizinischen Informationen fachlich geprüft.

❚ Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: PP 34–36 [Heft 1]
Literatur
1. American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (4th edition). Washington: American Psychiatric Press, 1994.
2. Eichenberg C: Umgang mit sexuellen Probleme im Internet: Informations-, Beratungs- und Selbsthilfemöglichkeiten für Betroffene. Psychotherapie im Dialog 2001; 2, 3: 367–374.
3. Eichenberg C, Klemme A, Stecker HW: Potenziale des Internets für Psychologinnen und Psychologen. Posterpräsentation auf dem Deutschen Psychologentag 2001, 21. Kongress für Angewandte Psychologie. Kongressmotto „Psychologie am Puls der Zeit“, Gustav-Stresemann-Institut, Bonn, 1.–4. Nov. 2001.
4. Eichenberg C, Schmitt M: Informationen über akute und posttraumatische Belastungsstörungen im Internet. Teil 1: Wissenschaftliche Ressourcen. Psychomed 2001; 1: 53–57.
5. Eichenberg C, Ott R: Informationen über psychische Störungen im Internet; Überblick und Probleme. In: Eichenberg C, Ott R (Hrsg.): Klinische Psychologie im Internet. Göttingen: Hogrefe, (im Druck).
6. Morschitzky H: Angststörungen. Diagnostik, Erklärungsmodelle, Therapie und Selbsthilfe bei krankhafter Angst. Wien: Springer Verlag, 1998.
7.Welt­gesund­heits­organi­sation: Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F), klinisch-diagnostische Leitlinien. Deutsche Ausgabe, herausgegeben von Dilling H, Mombour W, Schmidt MH. Bern: Hans Huber Verlag, 1991.
8. Pew Research Center. The online health care revolution: How the Web helps Americans take better care of themselves. (Online-Dokument), 2000: URL: www.pewinternet.org/reports/reports.asp?Report=26&Section=ReportLevel2&Field=Level2ID&ID=112

Anschrift der Verfasserin:
Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg
Psychologisches Institut der Universität zu Köln
Homepage: www.christianeeichenberg.de
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