ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2002Leidenschaft, Lust und Liebe. Psychoanalytische Ausflüge zu Minne und Mißklang

BÜCHER

Leidenschaft, Lust und Liebe. Psychoanalytische Ausflüge zu Minne und Mißklang

PP 1, Ausgabe Januar 2002, Seite 46

Hilgers, Micha

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Psychoanalyse
Lust auf mehr
Micha Hilgers: Leidenschaft, Lust und Liebe. Psychoanalytische Ausflüge zu Minne und Mißklang. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001, 144 Seiten, kartoniert, 14,90 €
Wenn Psychoanalytiker schreiben, wenden sie sich oft an die eigene Zunft. Analytische Studien, Beziehungsdiskussionen oder die kritische Auseinandersetzung mit den Lehren der Stammväter und -mütter bestimmen das Bild. Mit diesem Buch beschreitet der Aachener Psychoanalytiker Micha Hilgers den konträren Weg. Seine Essays wenden sich zunächst an ein interessiertes Laienpublikum. Wenn das Buch eine Schwäche hat, dann ist es die, dass Hilgers die wissenschaftliche Diskussion in seinen Beiträgen nicht zu Ende führen, sondern nur anreißen kann. Angesichts dieser Kürzungen mögen kritische Kollegen schnell Worte wie Narzissmus und Populismus im Munde führen. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich genau diese Schwäche als Stärke des Buches. Hat man erst einmal mit Lesen begonnen, so will man mehr. Auch für diese Spielart der Lust hat Hilgers vorgesorgt: Im Anhang macht er Vorschläge, wo man weiter lesen kann.
Die Liebe, von der Hilgers schreibt, hat viele Gesichter. Im Rahmen seiner „Psychoanalytischen Ausflüge zu Minne und Missklang“ besucht er zwar auch die Stationen einer Partnerschaft vom herzklopfenden Verliebtsein bis zur möglichen Trennung. Doch immer wieder macht er Ausflüge auf politisches oder ethisches Terrain.
Als Plädoyer für Aufklärung und den Mut zu einem imaginierten Rollentausch gerät der Beitrag über Kinderwunsch und künstliche Befruchtungsverfahren. Hilgers fragt sich, ob allein das Vorhandensein von Fertilisationstechniken die Frage nach dem Warum des Kinderwunsches aufblenden können. Was aber, wenn Präimplantationsdiagnostik und In-vitro-Fertilisation künftigen Eltern einzig als Plombe dienen, um die eigene Leere auszufüllen? Und wie wirken sich Fertilisationstechniken auf die eigentlich Betroffenen, also die Kinder, aus? Hilgers moniert, dass sich bisher niemand ernstlich gefragt habe, wie es einem Heranwachsenden ergehen mag, der sich hinsichtlich seiner Identität Klarheit verschaffen will und auf einen Zellklumpen trifft. Verbunden mit den nagenden Zweifeln, seine Eltern hätten ihn nicht haben wollen, falls bei ihm eine Behinderung festgestellt worden wäre. Hilgers spielt mit unterschiedlichen Perspektiven und öffnet dabei neue Sichtweisen auf vertraute und verkrustete Themen. Weder verteufelt er Pornographie, noch lobt er aufopfernde Mutterliebe, er fragt nach Perversion und Heimatliebe. Uniformierte Antworten sucht man vergebens. Andrea Schneider
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