ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2002Eun Nim Ro: Hart erarbeitete Wandlung

KUNST + PSYCHE

Eun Nim Ro: Hart erarbeitete Wandlung

PP 1, Ausgabe Januar 2002, Seite 48

Kraft, Hartmut

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Ohne Titel (1996), Mischtechnik auf Seidenpapier, 49 cm x 37 cm
Ohne Titel (1996), Mischtechnik auf
Seidenpapier, 49 cm x 37 cm
Wie viele junge Frauen ihrer Generation kam Eun Nim Ro 1970 als Krankenschwesternhelferin von Süd-Korea nach Deutschland. Unter dem Eindruck des Kulturschocks wurde ihr der künstlerische Ausdruck zur Überlebensstrategie. Von 1973 bis 1979 absolvierte sie ein Kunststudium. Es entstand eine eigene, unverwechselbare Bildsprache, in der sie mit wenigen Strichen pflanzlich-tierische Mischwesen sowie Fantasiefiguren entstehen lässt. Ein solches Mischwesen ist auf der Titelseite zu sehen. In verdichteter Form wird von der Künstlerin das altbekannte und ewig aktuelle Thema „Stirb und werde“ gestaltet. Dies erschließt sich dem Betrachter am ehesten, wenn das Bild von unten nach oben „gelesen“ wird: Über einem braun-grünen Grund – das Papier ist in diesem Bereich ganz real zerrissen – erhebt sich ein Kopffüßler. Aus Kinderzeichnungen kennt man Kopffüßler als die knappste Form, einen ganzen Menschen darzustellen. Es handelt sich um die „Geburt des Menschenbildes“. Im Zusammenhang dieses Bildes wird der Kopffüßler zu einem Sinnbild der Wiedergeburt (Neubeginn) nach der Zerstörung. Auf beiden Seiten des Kopfes breiten sich blattartige Gebilde wie Flügel aus. Sie könnten ihn in eine neue Welt entführen oder wie Phönix aus der Asche auffliegen lassen. Mit einfachen bildnerischen Mitteln wird das Thema der Wandlungskrisen gestaltet, der Initiationen, der großen Umbrüche im Leben, wo ein Seinszustand zu Ende geht (stirbt) und nach einer Phase der Unruhe, Zerstörung und Desorganisation das Neue sich entwickeln (geboren werden) kann.
Im „West-östlichen Diwan“ hat Johann Wolfgang von Goethe für die Zeiten des Umbruchs eindrucksvolle Worte gefunden: „Und so lang du das nicht hast, dieses: Stirb und werde, bist du nur ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde.“ Parallel zu den Bildern von Eun Nim Ro entstehen kurze Texte, Gedichte und Aphorismen. In ihrer ebenso poetischen wie lakonischen Art fügen sie den visuellen Eindrücken Sprachbilder hinzu: „Es gibt viel zu viele rote Ampeln. Hilfe! Ich brauche Flügel!“ Das Bild der Künstlerin zeigt, dass wir uns nicht leichtfertig über Hürden und Widerstände hinwegschwingen können, sondern Weiterentwicklungen meist hart erarbeitet werden müssen. Hartmut Kraft

Biografie Eun Nim Ro: Geboren 1946 in Chun-Zu (Süd-Korea). 1966 bis 1967 Studium an der medizinischen Fakultät, Universität Seoul. Nach dem Tod der Mutter 1967 Beginn der Malerei. Nach Arbeit im Gesundheitswesen in Süd-Korea 1970 Übersiedelung nach Deutschland als Krankenschwesternhelferin. 1973 bis 1979 Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. 1990 Professur für Malerei an der Fachhochschule Hamburg, wo sie seit 1994 die internationale Akademie „Pentiment“ leitet.

Kataloge: 1. Eun Nim Ro: Die vier Elemente. Haus der Kulturen der Welt. edition Cantz, Stuttgart, 1990. 2. Eun Nim Ro: Maritas Garten. Städtische Galerie Thurn und Taxis, Michelstadt 1999
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