ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2002Psychotherapeutische Behandlungen: Leistung erster Wahl

EDITORIAL

Psychotherapeutische Behandlungen: Leistung erster Wahl

PP 1, Ausgabe Februar 2002, Seite 49

Bühring, Petra

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LNSLNS Der rheinland-pfälzische Sozialminister Florian Gerster (SPD) sorgt mit manchen Äußerungen auch in der Psychotherapeuten-Szene für Unruhe. Hatte er doch in einem Interview zur Gesundheitsreform mit der Frankfurter Rundschau (11. August 2001) gefordert, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie – neben Massagen und kieferorthopädischen Behandlungen – aus dem Leistungskatalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) zu streichen und zur Wahlleistung zu machen. Nur so könnten die Beitragssätze stabil gehalten werden. Die Wirkung der psychodynamischen Verfahren sei umstritten, behauptete Diplom-Psychologe Gerster, ihre Erfolge könnten mit geringerem Aufwand durch andere psychotherapeutische Verfahren erzielt werden. Diese Äußerungen veranlassten die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V. (DGPT) – den Dachverband der Psychoanalytiker –, am 25. Januar zu einer Podiumsdiskussion nach Frankfurt einzuladen. Der Sozialminister von Rheinland-Pfalz verzichtete darauf, zu seinen Thesen Position zu beziehen.
Die Diskussion zeigte, dass zurzeit niemand daran denkt, Psychotherapie zur Wahlleistung umzufunktionieren. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt sandte ein Grußwort, in dem sie die Psychotherapie als „unverzichtbare Leistung der GKV“ bezeichnete. Allerdings hält die Ministerin – im Sinne einer „umfassenden Versorgung“ – grundsätzlich nichts von einer Aufteilung in Kern- und Wahlleistungen und nimmt dafür steigende Beitragssätze in Kauf. Der Vorsitzende des Bundes­aus­schusses der Ärzte und Krankenkassen, Karl Jung, verwies zugunsten der Psychotherapie auf die erst vor drei Jahren vom Bundes­aus­schuss erstellten Psychotherapie-Richtlinien. Der GKV-Leistungskatalog müsse jedoch überarbeitet werden, dies sei Aufgabe des Gesetzgebers. Psychotherapie als „Leistung erster Wahl“ akzeptiert auch Norbert Fischer, Verband der Angestell-
ten-Krankenkassen, Siegburg. Dr. med. Jörg Hempel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, betonte, dass Psy-
chotherapeuten „Mit-
glieder erster Güte“ seien.
Viel Lärm also um nichts? Die Psychoanalytiker nehmen die Äußerungen Gersters ernst, weil er die Wirksamkeit ihrer Verfahren anzweifelt – und damit in das gleiche Horn bläst wie viele, denen hochfrequente Langzeittherapie zu teuer erscheint. Als Argument bringen die Gegner oftmals vor, es gebe kaum Studien, die die Effektivität der Psychoanalyse belegen. Tatsache ist: Es gibt solche Studien zwar nicht in dem Maße wie bei Behandlungen, an denen auch die Pharmaindustrie interessiert ist und entsprechend sponsert. Auch stellen sich bei der Forschung über seelische und intime Prozesse ethische Bedenken ein.
Doch die aktuelle Katamnesestudie der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (2001) hat einmal mehr den Nutzen der Langzeittherapie belegt, insbesonders für Patienten mit multiplen psychischen Störungsbildern. Denn Langzeittherapie werde meist bei Patienten angewendet, die mehrere Kurzzeittherapien hinter sich haben, betonte Prof. Dr. phil. Marianne Leuzinger-Bohleber, Frankfurt. Mehr als 70 Prozent der befragten Patienten profitierten auch sechs Jahre nach der Therapie noch davon. Petra Bühring
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